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, ohne dass sie an die Möglichkeit einer Abänderung in ihren Verhältnissen gedachte.

Indessen konnte eine um diese Zeit entstehende geheimnissvolle Bewegung im haus ihrer Tante ihr doch nicht verborgen bleiben, welche auch ausser ihr jedermann bemerkte und niemand verstand; sogar Ernesto nicht, denn die Gräfin pflegte nach Art aller Frauen, die in der grossen Welt eine Rolle zu spielen gewohnt sind, ihr eigenes geheimnis sicher zu bewahren, sobald sie es wollte. Sie selbst blieb still und freundlich, wie jemand, der dem Gelingen grosser Pläne mit Zuversicht entgegen sieht. Dabei konnte sie indessen es doch nicht lassen, sich zuweilen mit halbverhüllten Winken an Gabrielen zu wenden, von denen es schien, als wollten sie dieser eine grosse Freude, ja sogar ein hohes Glück verkünden.

Aurelia erschien in dieser Zeit strahlender und übermütiger als je zuvor, Ottokar war mehr in sich gekehrt, und man bemerkte eine ihm sonst nicht gewöhnliche Ungleichheit der Gemütsstimmung in seinem Betragen. Unter der Dienerschaft herrschte ein immerwährendes leises Treiben, die Gräfin selbst leitete es, es sah aus wie Zubereitungen zu einem prächtigen Feste, oder zu einer grossen Reise, oder zu beiden; niemand von den dabei Beschäftigten wusste es zu erklären, und alle zerbrachen sich darüber die Köpfe.

Gabriele bemerkte wohl, dass alle diese Erscheinungen auch auf sie Bezug haben müssten, sie sann über ihre Bedeutung nach, bis sie von der allgemeinen, dumpfen Unruhe quälend ergriffen wurde, und war nach jedem, so in vergeblichem Aufmerken verlebten Tage herzlich froh, wenn der Abend hereinbrach und der gewohnte Kreis sich in den Zimmern der Gräfin versammelte, welcher jetzt, nach den vorübergezognen Zerstreuungen des Karnevals, wieder in seine alten Rechte getreten war.

Eines Tages schien die allgemeine Spannung der Hauptpersonen des Hauses auf das höchste gestiegen, noch nie waren die Gräfin so geheimnissvoll, Ottokar so ernst in sich gekehrt, Aurelia so übertrieben lustig gewesen. Allen, welche diesen Tag an der Mittagstafel der Gräfin teil nahmen, fiel dieses unheimliche Wesen bis zum Aengstlichwerden auf. Nichts konnte ihnen daher Erwünschteres kommen, als der für den Abend verheissne Besuch eines berühmten Deklamators, denn er versprach nicht nur Schutz gegen die bei dieser Stimmung der Gesellschaft zu befürchtenden Langenweile, sondern auch gegen etwannige Ausbrüche einer inneren Aufgeregteit der Gemüter, von der sich jedes ergriffen fühlte. Unter allen aber freute sich Gabriele darüber; noch nie war ihr gelegenheit geworden, einen Künstler dieser Art zu hören, sie hatte überhaupt keinen Begriff, wie man das, was sie als Deklamation kannte, zum Hauptzweck seines Lebens machen könne, und erwartete daher etwas ganz ausserordentliches von einem sich einzig diesem Zwecke weihenden Künstler. Alles, was sie jemals von Improvisatoren, von Troubadours, von Barden, die als überall willkommne Gäste mit ihren Liedern durch die Länder zogen, ja sogar vom Wanderleben Homers gehört und gelesen hatte, kam ihr wieder ins Gedächtniss. Sie erwartete nicht viel Geringeres als alles diess zusammen, und war daher nicht wenig verwundert, als der Erwartete in Gestalt eines hagern, kleinen, schwarzgekleideten, sehr jungen Männchens hereintrat und der Gräfin vorgestellt ward. Seine Ungeduld, sich hören zu lassen, schien nicht minder gross, als die der Anwesenden, ihn zu hören. Er ergriff die erste gelegenheit, sich anscheinend nachlässig in einen Lehnstuhl zu werfen, und begann mit nicht auffallend angenehmem Sprachton seine Rezitationen.

Es war wunderlich anzusehen, wie er sich ängstlich abmühete, zu deklamiren, ohne dabei zu agiren. Mit der untern Hälfte des Körpers gelang es ihm, er sass mit kreuzweis über einander geschlagnen Beinen wie angebunden auf seinem Sessel, aber die Züge seines Gesichts, arme und hände waren gleichsam wider seinen Willen in ewiger teatralischer Bewegung. Er hatte kein Buch nehmen wollen, weil er behauptete, sich vollkommen auf sein Gedächtniss verlassen zu können, diess aber vermehrte die Verlegenheit, in welche ihn die Haltung seiner hände augenscheinlich versetzte. Freilich hätte er auch eine ganze Bibliotek herbeischaffen müssen, so viele ganz heterogene Dichtungen der heterogensten Dichter liess er im schnellsten Wechsel auf einander folgen. Endlich kam auch Macbets bekannter Monolog an die Reihe. Schauerliches Schweigen herrschte im Saal, alles horchte seinen dumpfen, geisterartigen Tönen. "Ist das ein Dolch?" rief er mit Macbets stierem blick und einem plötzlichen Griff auf den vor ihm stehenden Tisch. "Es ist nur die Lichtschere," flüsterte Aurelia, laut genug, um von den nahe Stehenden, wahrscheinlich auch vom Deklamator selbst gehört zu werden, denn sobald dieser den Monolog beendet hatte, erinnerte er sich eines Versprechens, noch diesen Abend in einer andern Gesellschaft zu erscheinen, und eilte davon.

"Shakespear! ach Shakespear!" rief die Gräfin, indem sie sich entzückt auf dem Sopha zurück lehnte, und so es vermied, ihr Urteil über den Deklamator zu frühe zu äussern. Beim Shakespeare war sie ihrer Sache gewiss, nicht so bei jenem, obgleich dem in allen Zeitungen Gepriesenen in jeder Pause seines Vortrags von einem grossen teil der Anwesenden lauter Beifall gezollt worden war. "Wie gross erscheint Shakespear, wo man auch immer ihn antrifft!" fuhr die Gräfin fort; "wie sogar nicht zu ertödten! Welch eine Höhe! und welche Tiefe! Wie treten seine Gebilde hinaus in die Wirklichkeit!" "Ich bin nur froh, dass der Deklamator endlich zum Saal hinaus getreten ist," sprach Ernesto ganz gelassen. Erstaunt sah die Gräfin ihn an, und war doppelt froh, sich an Shakespeare gehalten zu haben, da nun auch der Professor