zum Troste hinzu, indem sie ihr die Kastagnetten aufzwang, "übrigens hat es wenig zu bedeuten, wer neben mirherhüpft."
Die mehresten der Anwesenden, sogar die Gräfin, blickten mit mitleidiger Besorgniss auf die arme Gabriele, die beinahe zitternd, mit niedergeschlagnen Augen dastand, während ein dichter Kreis von Zuschauern sich um sie und ihre Kusine bildete. Endlich sah sie auf, ihr erster blick fiel auf Ottokar, der neben Ernesto stand, und sie mit ängstlicher Teilnahme betrachtete. Unfern von beiden winkte ihr Frau von Willnangen Mut zu, und nie war diese Gabrielen der verlornen Mutter so täuschend ähnlich erschienen. Der Anblick der befreundeten Gestalten, die ersten Takte der ihr bekannten Musik, aus welcher ihr Erinnerungen an ihre glückliche Kindheit wiederhallten, begeisterten sie; die Gewalt, mit der sie ihre Aengstlichkeit niederzukämpfen suchte, verknüpft mit dem lebhaften Wunsche, die durch ihr Gelingen zu erfreuen, welche ihr wohlwollten, versetzten sie in eine Art von Extase. Wider alles Erwarten gelang es ihr, mit unnachahmlicher Grazie auch den künstlichsten Wendungen Aureliens zu folgen, die jetzt in vollem Ernst mit der eben Verachteten zu wetteifern begann.
Wie ein weisser Schmetterling die prachtvoll erblühte Centifolie umflattert, so schwebte die kleine Silfidengestalt um die hohe schöne Aurelia her. Der Anblick war wirklich entzückend, lauter, rauschender Beifall übertönte fast das Pianoforte; nach beendetem Tanze drängte sich alles, um beide mit Lob- und Danksprüchen zu überschütten, vorzüglich aber Gabrielen; denn ein unerwartet neu entdecktes Talent gilt immer mehr als ein längst bekanntes. Frau von Willnangen, Ernesto, Ottokar sogar, erhoben Gabrielen bis in die Wolken, andre folgten diesen anerkannten Koriphäen des guten Geschmacks, sogar die Gräfin erklärte sich für stolz auf ihre liebe Nichte und umarmte sie mit grosser Zärtlichkeit. So ward das Unerhörte herbei geführt, dass Aurelia wirklich zu ihrem eignen höchsten Erstaunen ein paar Minuten lang um der kleinen Kusine willen vergessen und verlassen dastand, und diese Erfahrung war ihr nicht weniger neu, als Gabrielen, die der allgemeinen, laut ausgesprochnen Bewunderung. Mit dem Scharfblick besorgter Mutterliebe bewachte Frau von Willnangen Ottokars Benehmen gegen Gabrielen bei jeder sich bietenden gelegenheit. Nichts war ihrem genauen Aufmerken entgangen, weder jenes festere Umfangen ihres Lieblings beim ersten Tanze in der Neujahrsnacht, noch sein Besorgtsein um Gabrielen, als Aurelia sie zum Fandango hinzog. Freudig hatte sie gesehen, mit welchem Entzücken er hierauf jeden ihrer Schritte mit den Augen verfolgte, zuletzt in laute Bewunderung ausbrach und sich allen Andern vordrängte, um der Erste zu sein, der ihr für das Allen gewährte Vergnügen seinen Dank aussprach.
Auch in Ottokars übrigem Betragen gegen Gabrielen glaubte sie, wenn gleich nicht leidenschaftliche Liebe, doch ein stilles Hinneigen zu ihr zu erblicken, denn Wunsch und Hoffnung sind zu nahe verwandt, als dass sie im Laufe des Lebens nicht oft sollten eins für das andere gehalten werden. Frau von Willnangen gewöhnte sich nach und nach, alle die kleinen Aufmerksamkeiten mit in ihre Waage zu legen, durch welche Ottokar die Hausgenossin, die nahe Verwandte seiner Gastfreundin, vor andern auszeichnete. Sie sah, mit welcher zarten Schonung und zugleich mit welcher Gewandteit er so manche kleine, Gabrielen drohende Verlegenheit von dieser abzuwenden wusste; sie legte alles zum Vorteil ihrer Wünsche aus, und wahrhaft mütterliche Liebe verleitete sie endlich zu Missgriffen, welche bei der welterfahrnen, klugen Frau sich nur durch dieses vorherrschende Gefühl entschuldigen lassen.
Zu diesen Missgriffen gehörte, dass sie nicht nur es nie vermied, mit Gabrielen über alle jene ihr bedeutend dünkenden Zufälligkeiten in Ottokars Benehmen gegen sie zu sprechen, sondern sie sogar aufmerksam darauf machte, und sie ihr aus einem Gesichtspunkt zeigte, der für Gabrielens Ruhe durchaus gefährlich werden musste. Augustens ewig heitre Fantasie, ihre warme anhänglichkeit an Gabrielen verleiteten auch diese, das Gemälde einer Zukunft vollends auszumalen, welche keine von ihnen mit deutlichen Worten zu nennen wagte, die aber Mutter und Tochter für jedes andere Gemüt, als Gabrielens, dennoch nur zu deutlich bezeichnet haben würden. Diese, zu wenig vertraut mit allem, was auf das wirkliche Leben Bezug hat, verlor sich nur mit süsser Schwärmerei in die von ihren Freundinnen ihr geöffnete helldunkle Aussicht. In ruhigen, einsamen Stunden strebte sie freilich, zu ihrer ehemaligen Resignazion wieder zu gelangen, und war es sich sogar nicht bewusst, wie weit sie von ihr gewichen sei. Ottokarn zu werden, was er ihr war, diese Möglichkeit hatte sie noch nie mit klaren Worten sich gedacht, aber noch weniger die, dass eine Andre so über alles von ihm geliebt werden könne. So verwirrten sich ihre Wünsche, ihre Hoffnungen immer mehr, sie vermied sogar, zur klarheit über sie zu gelangen, und ihr Tagebuch entielt von nun an nur die Ergiessungen eines leidenschaftlich aufgeregten Gemüts, das sich scheut, ein Dunkel zu durchdringen, in welches es sich vor sich selbst verhüllt. Der Winter zog allmählich fort, die Tage wurden länger, und im wärmeren Sonnenstrahl erglänzten schon die schwellenden Knospen der Bäume. An Gabrielens Rückkehr nach Schloss Aarheim ward indessen nicht gedacht, obgleich der anfänglich dazu bestimmte Zeitpunkt nicht mehr fern war. Der Baron, welcher mit jedem Tage seinem grossen Ziele sich zu nähern glaubte, und deshalb ungestört zu bleiben wünschte, hatte schon früher die Gräfin schriftlich um die erlaubnis gebeten, den Aufentalt seiner Tochter bei ihr auf unbestimmte Zeit verlängern zu dürfen, und Gabriele war zu sehr von der Gegenwart befangen, als dass sie den Wechsel der zeiten hätte bemerken können. Tage und Monden gingen an ihr vorüber