sie wie ein Kind behandelt hatten, dem man freundlich tut, damit es nur nicht weine; dann verging sie fast in der fürchterlichen Qual, sich ihrer selbst zu schämen, denn sie konnte es sich nicht verhehlen, dass sie grösstenteils durch eigne Schuld in diesem Lichte erschienen war. Ottokars Lob ihrer Zeichnung vermochte nicht, sie zu trösten, sie glaubte eine Spur ungläubigen Lächelns an ihm bemerkt zu haben, da sie sich selbst nannte, als er nach dem Namen des Künstlers gefragt hatte, und diess kränkte sie noch tiefer als alles übrige. Frau Dalling selbst war in diesem Moment über die auf den folgenden Morgen bestimmte Trennung von dem Liebling ihres Herzens zu betrübt, als dass sie fähig gewesen wäre, Gabrielen Trost und Mut einzusprechen, sie verstand sogar den Kummer und das beklommne, unruhige Wesen derselben nicht, sondern schrieb alles dem Gefühl zu, von dem sie selbst niedergebeugt ward. Und so wusste die gute Frau nichts bessres zu tun, als Gabrielen recht mütterlich in ihre arme zu schliessen und herzlich mit ihr zu weinen, da diese, von innerm Weh überwunden, zuletzt in heisse, bittre Tränen ausbrach.
Gabriele errang auch diessmal ihre gewohnte Fassung zuerst wieder. "Ich will nicht mehr weinen," sprach sie, trocknete ihre Augen und richtete sich hoch auf. "Lass mich jetzt von dir Abschied nehmen, liebe Dalling," setzte sie hinzu, "jetzt in dieser ruhigen Stunde, nicht heute Abend, wenn ich erschöpft aus der Gesellschaft komme, nicht morgen früh im Geräusch des Einpackens und der Abreise. Du gehst mit Tagesanbruch von mir, geleite dich Gott, du meine einzige Freundin in dieser Welt, grüsse meine Berge, meine Bäume, meine Blumen; ich war unter ihnen sehr glücklich, aber auch hier werde ich nicht unglücklich sein, der Gedanke an meine Mutter wird mich vor Unrecht behüten, und alles andre ist zu ertragen. Noch bin ich hier fremd, noch ist mir alles ungewohnt, und der Abstand zwischen jetzt und ehemals ist sehr gross; aber ich werde mich eingewöhnen und lernen, was mir noch fehlt, um in diesen neuen Verhältnissen mich zurecht zu finden. Mein Vater schickte mich her, um mich für die Welt zu bilden; sage ihm, dass ich ihm gehorsam sein und alles tun werde, seinen Wunsch zu erfüllen so viel ich es vermag. Und nun nimm meinen Dank für deine unaussprechliche Liebe und Treue. Sehnen werde ich mich immer nach dir, aber glaube nur, ich weiss es, ich finde auch hier ein Wesen, das ich lieben kann, und bin dann glücklich; lass diess nochmals dir zum Troste gesagt sein, wenn du im Schloss Aarheim sorgend meiner gedenkst." Bei aller ihrer mühsam errungnen Fassung sah Gabriele dennoch mit Zittern der Stunde entgegen, in welcher sie sich am Abend zur Gesellschaft begeben musste; sie fürchtete neue Verlegenheiten, neue Demütigungen, ohnerachtet sie sich fest vorgenommen hatte, ihre scheue Blödigkeit so viel möglich zu besiegen. Kein Zureden Aureliens und ihrer Kammerjungfern, sogar nicht das Zürnen der Tante hatten sie bewegen können, in ihrer, die tiefste Trauer bezeichnenden Kleidung etwas abzuändern. Selbst dem Bitten ihrer lieben Frau Dalling hatte sie widerstanden, die durch die Wichtigkeit, welche man der Sache gab, in ihrer eignen Ansicht wankend geworden war. "So geh denn, eigensinniges Kind!" entschied endlich die Tante, des Streitens müde, "geh wie du willst und verdanke dir es selbst, wenn du ausgelacht wirst."
Die vielen Lichter, die emsig hin und her laufenden Diener, die glänzende Versammlung in der langen Reihe prächtig dekorirter Zimmer erregten in Gabrielen jene Art Bangigkeit, welche wohl einen Jeden beim ersten Eintritt in die Welt ergreift, der auch nicht so klösterlich aufwuchs wie sie. gibt es doch viele in der Gesellschaft, denen diess Gefühl zeitlebens bleibt, selbst aus den höhern Ständen, die für abstossend stolz gelten, während sie nur verlegen sind. Wenige von den Gegenwärtigen bemerkten Gabrielens Eintritt in den Saal, aber diese Wenigen staunten beim Anblick des bleichen, der Kindheit kaum entwachsenen Mädchens im langen schwarzwollnen Trauerkleide, dem tief hinunter wallenden Kreppschleier, mit der breiten, die Stirne bedeckenden Schneppe, unter der sich nur einige ihrer wie Gold glänzenden reichen Locken hervordrängten. Der Tante Prophezeihung ward nicht erfüllt, niemanden fiel es ein, zu lachen, aber jedermann wich ihr mit einer Art Aengstlichkeit aus, denn diese dunkle Erscheinung mitten im festlichen Glanze hatte wirklich etwas Geisterartiges. Vergebens blickte Gabriele um sich her und suchte in dem Gewühl, ein bekanntes Gesicht heraus zu finden, sie erblickte keines; selbst die Gräfin und Aurelia waren nicht gegenwärtig, der Anzug für die Tableaus hielt sie entfernt. Eine schöne Frau mittleren Alters vertrat die Stelle der Frau vom haus beim Empfang der Gesellschaft. Gabriele fühlte sich mächtig von ihr angezogen, sie glaubte, in ihr eine entfernte Aehnlichkeit mit ihrer Mutter zu finden und konnte kaum den blick von ihr wenden, aber sie kannte sie nicht und wagte es daher auch nicht, sich ihr zu nähern.
So stand Gabriele lange ganz allein, sah, wie überall Gruppen von Bekannten sich bildeten, wie einzelne Paare einander aufsuchten und sich im eifrigen Gespräch von den übrigen absonderten. Niemand suchte sie, niemand hatte ihr etwas freundliches zu sagen, sie war und blieb einsam mitten in der grossen Versammlung und ward darüber recht innerlich betrübt. Der Gedanke, wie sie eigentlich eben so verlassen in der ganzen Welt dastehe als hier