1821_Schopenhauer_090_19.txt

bewegen, sie wieder herauszugeben.

Der einmal angestimmte Ton wollte bei Tische noch nicht gleich verhallen, aber Ernesto und Ottokar bemeisterten sich des Gesprächs, die Tante unterstützte sie auf das kräftigste, und so nahm es bald eine für mich erfreulichere Wendung, die ich mit angestrengter Aufmerksamkeit verfolgte. Ottokars blick gleitete wärend dem Gespräch oft von dem neben mir sitzenden Ernesto auf mich herab, ich sah es nicht, denn meine Augen senken sich immer vor den seinen, aber ich fühlte seinen blick wie einen Sonnenstrahl in meinem inneren.

Jetzt bin ich allein, und das durch Ottokars Nähe unterdrückte bittre Gefühl regt sich von neuem in meiner Brust. Ach ich fürchte die Spottsucht, die flache Charakterlosigkeit der Gesellschaft um mich her wird auch mich noch ergreifen. Am besten wär es wohl für mich, ich ginge. Aber wohin? arme Gabriele, wohin? Wo er nicht ist? Freilich werden Tage kommen, an denen ich ihn nicht sehe, vielleicht ein Tag, der von ihm auf dieses ganze Leben mich scheidet, aber soll ich denn schon jetzt dem Licht der Sonne mich entziehn, weil vielleicht bald die Nacht herein brechen wird? Mit dem neuen Jahre war endlich der Zeitpunkt erschienen, der eine gänzliche Umänderung in Gabrielens, ihr allmählich lieb gewordnen Lebensweise hervorbrachte. Von nun an ward sie die beständige Begleiterin ihrer Tante durch die ganze lange bunte Reihe von Lustbarkeiten, welche das Karneval in der grossen, lebenslustigen Stadt herbeiführte. Bälle, Soirees, Schauspiele aller Art raubten ihr jeden Abend, und die Zurüstungen zu diesen verkümmerten ihr manche Morgenstunde, die sie sonst andern Beschäftigungen zu widmen gewohnt war.

Mit aller Kraft ihres Geistes suchte sie jetzt die ängstliche Blödigkeit zu überwinden, welche ihre ersten Schritte in der Gesellschaft so unsicher gemacht hatte. Es gelang ihr nach und nach. Das Blendende der Erscheinungen, das betäubende Geräusch verloren allmählich die Gewalt, ihr zu imponiren, ihre Existenz in der Welt ward mit jedem Tage angenehmer und obgleich sie sich oft nach den stillen, genussreichen Abenden sehnte, welche sie sonst bei Frau von Willnangen zu verleben gewohnt war, so gab es doch auch oft Stunden, in denen sie sich recht jugendlich heiter an dem bunten Leben ergötzte.

Dennoch war ihre Erscheinung in demselben nichts weniger als brilliant. Als eine nahe Verwandte der von allen gefeierten Gräfin Rosenberg, in deren Begleitung sie überall erschien, verfehlte man zwar nicht, ihr die Aufmerksamkeit zu erzeigen, zu welcher dieses verhältnis sie berechtigte; aber eigentlich betrachtete man sie doch noch immer als ein halbes Kind, und sie hätte gewiss an manchem Abend die Reihe der ungestört gähnenden Opfer der Sozietät vermehrt, welche man in allen Salons-Ecken sitzen sieht, wäre nicht Ernesto ihr treuer Beschützer geblieben, und hätte nicht Frau von Willnangen diesen Winter der gewohnten Ruhe weit öftrer als sonst entsagt, um ihren Liebling in so ungewohnten Verhältnissen nicht ganz verlassen zu wissen.

Ottokar sah Gabrielen jetzt täglich, ohne dass beide einander deswegen viel näher gekommen wären. Er zeichnete sie nicht minder als Aurelien aus, durch tausend kleine Aufmerksamkeiten, die er, als der Gast der Gräfin, ihnen vor andern schuldig zu sein glaubte, übrigens aber blieb ihr gegenseitiges verhältnis fremd und abgemessen wie zuvor.

Nur selten, besonders aber am Neujahrsabende, bei ihrem Eintritt in die grosse Welt, hatte er ihr einige Teilnahme gezeigt. Die Gräfin feierte den Schluss des festlichen Tages mit einem Ball, den sie den jüngern Bekannten Aureliens gab. Einsam und vergessen sass Gabriele lange in einer Ecke des Tanzsaales. Sie gedachte der Neujahrsabende, welche sie als fröhliches Kind an der Hand der Mutter in den hohen, düstern Sälen von Schloss Aarheim verlebt hatte. Die Tanzmusik tönte nur wie aus weiter Ferne in ihre Träume, als Ottokar plötzlich vor ihr stand und ihr seine Hand bot, um auch sie den fröhlichen Reihen zuzuführen. Es war der erste festliche Tanz ihres Lebens, ihr schwindelte, noch ehe sie den Tanzplatz betrat. Ottokar merkte ihr Schwanken, schrieb es ihrer gewohnten Furchtsamkeit zu, und umfasste sie nur um so fester, um sie vor jedem möglichen Zufall zu sichern. Gabriele fühlte den Druck seines Arms, das Säuseln feines Atems in ihren Locken, sie sah sein freundliches Auge ganz nahe auf sie herabblitzen und schwebte, an ihn gelehnt, wie auf geflügelten Sohlen durch den weiten Saal, so leicht, so anmutig, dass selbst die Tante ihr freundlich Beifall zunickte. Mit ihm so durch das Leben! Der Gedanke flog zum ersten Mal wie ein Pfeil, in stechendem Schmerz, durch ihr Innres; ein unendlich betrübendes Gefühl bewegte sie fast bis zum Weinen, und noch nie hatte sie sich so vereinzelt, so ganz verlassen gefühlt, als da Ottokar nach beendigtem Walzer sie zu einem Sitz führte und sie dann mit einer stummen Verbeugung verliess, um sich eine andre Tänzerin zu wählen. Eines Abends, in einer grossen Gesellschaft, wandte sich das Gespräch auf den echt spanischen Fandango. Aurelie war eben in sehr glänzender Laune, und so bedurfte es nicht grosser Ueberredungskraft, um sie zu bewegen, ihn zu tanzen, obgleich die musikalische Begleitung, ausser dem Tambourin und den Kastagnetten, nur noch aus einem Pianoforte bestehen konnte, und an einen Mittänzer gar nicht zu denken war.

"Du kennst die Figuren des Fandango, ich weiss es vom Tanzmeister," sprach Aurelia zu Gabrielen, indem sie die sich vergeblich Sträubende in die Mitte des Saales mit sich fortzog; "übrigens," setzte sie noch, wie ihr