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sie in Bewunderung

versetzte, diese kam ihr gar nicht ausserordentlich vor,

denn oft hatte sie ihre Mutter Aehnliches üben gese

hen, wohl aber, dass ein Mann solchen zarten Mit

leids, solcher tätigen Teilnahme an fremden Leiden

fähig sei. Dieses feinere Gefühl hatte sie bis jetzt ein

zig für das Eigentum der Frauen gehalten; sie kannte

keinen Mann ausser ihrem Vater, dessen in Erbitte

rung erstarrtes Gemüt bei jedem ähnlichen Anlasse

nur zu deutlich sich aussprach. Mehr oder weniger

ihm ähnlich dachte sie sich fast alle Männer im wirk

lichen Leben, und Auguste hatte absichtlich diese

Meinung unangefochten gelassen.

Kein Wunder war es demnach, dass der Unbekannte

Gabrielen wie eine seltene Erscheinung aus einer an

dern Welt vorschwebte. Gern hätte sie wenigstens die

Züge seines Gesichts deutlich gesehen; obgleich sie

aber am andern Morgen weit früher als Frau Dalling

erwachte und vom Geräusch Abreisender sich an das

Fenster locken liess, so sah sie doch nur seine Gestalt,

als er in den Wagen stieg, und hörte seine stimme,

indem er der alten Frau noch einige freundliche Ab

schiedsworte zurief. Etwas ungeduldiger als gewöhn

lich fing Gabriele nun an, ihre eigene Abreise zu be

treiben, im Wagen beschäftigte sie nur der Unbekann

te, sie bildete sich tausend Möglichkeiten, ihn im

haus der Tante anzutreffen, sie dachte sich allerlei

Verhältnisse, in welche sie mit ihm geraten könnte,

und sprach so lange mit ihrer Reisegefährtin von

nichts Anderem, bis sie selbst über ihre kindische