würde. Der Zeitpunkt ist sehr früh gekommen, den sie
mir so oft mit schmerzlichem Vorgefühl andeutete;
ich trete jetzt in die fremde Welt, und ohne sie. Aber
sie soll mir nicht gestorben sein, ich will wie unter
ihren Augen mein Leben fortsetzen, denn hier in mei
ner Brust fühle ich zu deutlich alles, was sie mir ra
ten würde, und die fremden Leute sollen mich nicht
darin stören. Finde ich ein Wesen, das ich lieben
könnte, so will ich lieben, auch wenn man mich nicht
bemerkt, und ich werde glücklich sein, denn wer
liebt, ist glücklich; alles andre was kommen kann,
werde ich gefasst zu ertragen streben, wie meine Mut
ter auch tat; darum, liebe Dalling, gräme dich nicht
um mich, auch wenn du mich in wenigen Tagen ver
lassen musst; freilich tut mir noch das Herz sehr weh,
aber alles soll dennoch gut werden.
Von diesem Moment an ward Gabriele augen
scheinlich heiterer, Frau Dalling sah mit einiger Freu
de, wie das junge Kind gegen seine vorige Trostlosig
keit ankämpfte, selbst gegen das Bangen vor dem er
sten Eintritt in das gefürchtete Haus der Tante und in
neue unbekannte Verhältnisse. Sie ist ganz wie die
Mutter, dachte die gute Frau, aber doch auch ein
wenig wie der Vater.
Am Abend des zweiten Tages der Reise langten unsre
Wandrer ziemlich früh in dem ihnen vom Baron be
stimmten Nachtquartiere an; es war das letzte unter
weges, denn sie gedachten, am folgenden Tage noch
bei guter Zeit den Ort ihrer Bestimmung zu erreichen.
Der Wagen hielt vor der tür eines grossen ansehnli
chen Gastofes, mitten auf dem gewühlvollen Markt
platz der ersten bedeutenden Stadt, welche Gabriele
sah. Viele Fremde füllten die Fenster des Hauses und
betrachteten mit und ohne Brille neugierig die Aus
steigenden. Diesen kam der auf ihre Ankunft vorberei
tete sehr elegante Gastwirt höflich entgegen. Alles
war Gabrielen neu und beängstigte sie nicht wenig,
sie eilte durch die Schaar der zu ihrem Empfang ge
schäftig hin und her laufenden Aufwärter, und war
herzlich froh, so schnell als möglich in das für sie be
reitete Zimmer flüchten zu können. Dort fühlte sie
sich vor allen den vielen Augen gerettet und blickte
mit Wohlgefallen aus dem Fenster auf das ihr ganz
neue Schauspiel der Kutschen und geputzten Leute,
die dem nahen Teater zuwogten.
Lautes lachen dicht unter ihrem Fenster machte sie
aufmerksam; sie sah eine Menge Zuschauer um einen
sehr schönen Reisewagen vor der tür des Gasto
fes versammelt, aus welchem eben zu Gabrielens Ver
wunderung ein altes Mütterchen in der ärmlichsten
Bauerntracht, gebückt und mühsam heraus kletterte.
Ein junger Mann von vornehmem Ansehen unterstütz
te sie mit seinem Bedienten und geleitete sie mit gro
sser Sorgfalt in das Haus, ohne sich durch die lauten
Anmerkungen der Umstehenden im mindesten dabei
stören zu lassen.
Da hat uns der Herr Graf einen angenehmen Gast
mitgebracht, Herr Lorenz! hörte Gabriele den Kellner
zu dem eben wieder hinaustretenden Kammerdiener
des Fremden sagen, die Alte sieht ja aus, als wäre ihr
die Ofengabel unterwegs scheu geworden und habe
sie abgeworfen. Viel anders wird es auch wohl nicht
sein, erwiderte Herr Lorenz sehr verdrüsslich, wir
fanden sie im Chaussee-Graben, und denken sie nur,
fuhr er fort, ich musste wegen des hässlichen Unge
tüms aus dem Wagen und auf den Kutschbock neben
den Jäger mich setzen. Unerhört! rief der Kellner, mit
allen Zeichen des höchsten Erstaunens. Ach was uner
hört! antwortete Herr Lorenz noch verdrüsslicher,
mein Herr macht mir alle Tage ähnliche Streiche, und
am Ende fällt der Schimpf immer auf mich, wenn wir
so wie heute vor den Leuten zum Spektakel werden,
denn ihm ist das einerlei. hören Sie, lieber Herr Lo
renz, sprach beschwichtigend der eben hinaustretende
Wirt, das verstehen Sie nur nicht recht, der Herr
Graf machen den Spleen mit, das ist jetzt unter den
jungen Herrn eine ganz neue Mode aus England.
Gabriele mochte nichts weiter hören, sie wandte
sich vom Fenster, konnte aber das kleine Abenteuer
den ganzen übrigen Abend nicht vergessen. Der
Wunsch, von der wunderlichen Reisegesellschaft
mehr zu erfahren, überwand zuletzt die Furcht, in dem
fremden haus allein im Zimmer zu bleiben, und Frau
Dalling musste sich entschliessen, ihrem Bitten nach
zugeben und auf Erkundigung hinunter zu gehen. Der
Name des Fremden war der Wirtin unbekannt, ob
gleich er schon einigemal ihr Haus besucht hatte.
Uebrigens hörte Frau Dalling erzählen, dass der Frem
de wirklich die arme Frau unterwegs halb ohnmächtig
im Chausseegraben liegend gefunden und sie zu sich
in den Wagen genommen habe, weil sie nicht weiter
gehen konnte, und sich auf dem hohen Kutschersitz
nicht festzuhalten vermochte. Die gute Alte war vor
wenigen Wochen durch den Tod ihrer Tochter ihrer
einzigen Stütze beraubt, und wollte jetzt nach Böh
men zu ihrem dort ansässigen Sohne. Mühselig hatte
sie sich viele lange Tage auf dem Wege dahin fortge
schleppt, bis sie vor Ermattung nicht weiter konnte,
und ohne den Beistand des Fremden wäre ihr wahr
scheinlich in der kalten Herbstnacht der Tod gewor
den. Jetzt war ihr geholfen, der Fremde hatte nicht nur
für ihre augenblickliche Erquickung gesorgt, sondern
sie auch so reichlich beschenkt, dass sie den Rest des
Weges fahren konnte, ohne deshalb mit ganz leeren
Händen bei ihrem Sohne anzulangen.
Die halbe Nacht hindurch musste Gabriele an den
Unbekannten und seine menschenfreundliche Hand
lung denken, sie träumte sogar von nichts Anderem.
Nicht die Tat selbst war es, was