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setzte gleichsam unter sei

nem Schutz das gewohnte Dasein fort, und achtete

sich nicht durch das Grab gänzlich von ihrer Mutter

geschieden. Dabei fühlte sie ein unnennbares Grauen,

wenn sie sich das künftige Leben mit der Gräfin und

Aurelien lebhaft dachte, ein Gefühl, das durch die Art,

wie beide sich in diesen Tagen gegen sie benommen

hatten, recht wohl zu entschuldigen war; aber sie hatte

Kraft genug ihr innres Widerstreben während der gan

zen acht Tage, die sie noch im Schloss ihres Vaters

blieb, zu verbergen, und mit schweigender Ergebung

allen Anstalten zu ihrer Abreise zuzusehen. Sie ge

dachte dabei der Lehren und des Beispiels ihrer Mut

ter, jeder Tag des Lebens der früh Verklärten war ja

auch durch alle die unzähligen, unbemerkten Opfer

bezeichnet, die das los so vieler Frauen sind, welche

die nur nach dem Schein urteilende Welt glücklich

preist. Gabriele hatte von ihr gelernt, sie für die Be

stimmung ihres ganzen Geschlechts zu halten, aber

auch das Unvermeidliche mit guter Art zu ertragen.

Nur am Abend des letzten Tages im väterlichen

haus ward die Last des Schmerzes und der sorge der

jungen Brust zu mächtig und zwang ihr laute Klagen

ab. Zum letztenmal sass sie mit ihrer lieben Frau Dal

ling in dem vertrauten Zimmer, wo sie gewohnt hatte,

seit sie geboren war; sie hatte an diesem Tage alle

ihre lieben Plätze in Garten und Wald noch einmal

einsam besucht, hatte im Zimmer, welches sonst ihre

Mutter bewohnte, und am stillen grab, in welchem

diese jetzt ruhte, zu ihr wie zu einer Heiligen gebetet;

auch ihr Vater hatte ihr schon Lebewohl gesagt, und

seine ihr ganz ungewohnte Freundlichkeit beim Ab

schied war ihr tief ins Herz gedrungen. Allen Bedien

ten im Schloss, unter deren Augen sie aufgewachsen

war, hatte sie freundlich die Hand gereicht, sie zum

letztenmal durch kleine Gaben erfreut und betrübt,

und ihrer Sorgfalt die einzigen Spielgefährten ihrer

Kindheit aufs dringendste empfohlen. Dieses waren

schöne Blumen, ihre lieben Zöglinge, und viele

freundliche zahme Tiere, welche sich jeden Morgen

in buntem Gewühl um sie drängten. Jetzt ward ihr zu

Mute, als wäre sie von ihrem ganzen Jugendleben

geschieden, und mit einem Strom heisser, langverhalt

ner Tränen warf sie sich in die treuen arme der Pfle

gerin ihrer Kindheit, von der sie auch in wenigen

Tagen sich trennen sollte.

Frau Dalling stellte vergebens dem weinenden

Mädchen vor, dass Tausende an seiner Stelle sich

überglücklich fühlen würden, wenn sie das öde

Schloss mit dem glänzenden haus der Gräfin Rosen

berg vertauschen sollten. Gabriele aber hatte keinen

Sinn für die Freuden, die dort sie erwarten mochten.

Wie die Tante und Aurelien, so dachte sie sich die

Welt, in welcher sie künftig leben sollte. Aus deren

Benehmen gegen sie schloss sie auf den Empfang,

welcher sie in der Gesellschaft erwartete. Uebersehen

oder verspottet zu werden, ist eine gar zu traurige Al

ternative für ein junges, an Liebe gewöhntes Wesen,

und etwas anders glaubte sie nicht hoffen zu dürfen.

Auch der Trost, dass der Frühling sie wieder in ihre

Heimat zurückführen würde, machte keinen Ein

druck auf das tiefbetrübte Kind. Die Bäume begannen

eben erst, sich herbstlich zu färben, acht Monate muss

ten wenigstens vergehen, ehe sie wieder im Blüten

schmuck prangten. Im reifern Alter reihen sich die

Tage sehr schnell zu Wochen und Monden, sie wer

den zu Jahren, ehe wir uns dessen versehen, aber im

sechzehnten Jahre dünken uns acht Monate eine so

unabsehbare Zukunft, dass Gabriele sie kaum zu erle

ben glaubte.

Mit wahrer Freude sah Baron Aarheim am folgen

den Morgen den Wagen in aller Frühe nach der

Schlossbrücke fahren, in welchem die trauernde Ga

briele neben ihrer Dalling sass. Er atmete dabei hoch

auf, als sei er einer schweren sorge entledigt, und

verschloss sich sorgsamer und eifriger als je bei sei

nem Forschen nach den dunkeln Geheimnissen der

natur, fest bestimmt, durch keine andern Geschäfte

sich davon abhalten zu lassen. Frau Dalling hatte im

Lauf von mehr als sechzehn Jahren sich zu treu be

wiesen, als dass er ihr nicht bei ihrer baldigen Rück

kehr die Besorgung seiner häuslichen Angelegenhei

ten ohne Bedenken hätte überlassen sollen; übrigens

bekümmerte ihn die Verwaltung seines Gutes jetzt

sehr wenig, da er in kurzem der Besitzer unermessli

chen Reichtums zu werden gedachte.

Zum erstenmal überschritt jetzt Gabriele die enge

Gränze des kleinen Gebiets ihres Vaters, denn Augu

ste hatte auch hierin seinen deutlich ausgesprochnen

Willen geehrt, und war mit ihrer Tochter gern in den

Schranken geblieben, welche er ihr zu setzen für gut

hielt. Als Gabriele die letzten bekannten Bäume und

Hütten hinter sich gelassen hatte, kam ihr alles un

heimlich und unabsehbar gross vor, was sie erblickte.

Das Rasseln der Räder ihres Wagens durch die engen,

schmutzigen Strassen des ersten kleinen Städtchens er

schreckte und beängstigte sie; die Leute, denen sie

darin begegnete, erregten ihr Grauen, denn sie grüsste

sie freundlich, wie sie es gewohnt war, und sie starr

ten sie verwundert an, ohne ihren Gruss zu erwiedern.

Endlich mochte sie gar nichts mehr sehen, schloss die

Jalusieen des Wagens, wickelte sich in ihren Schleier

und sass lange in schweigendem Sinnen verloren, bis

Frau Dalling dem Wunsch nicht mehr widerstehen

konnte, durch liebkosende fragen ihre junge Reisege

fährtin aus ihren Träumereien zu erwecken.

Sei ruhig, gute Dalling, entgegnete ihr Gabriele,

ich dachte jetzt an meine Mutter, und überlegte was

ich tun muss, um zu sein, wie sie es wünschen