1821_Schopenhauer_090_176.txt

gekränktem

Stolz und Mitleid gemischten bittern Gefühl auf seine

Gemahlin und seine Tochter geblickt, wenn er be

dachte, dass diese nach seinem tod Schloss Aarheim

verlassen müssten, und in einer, wenn auch nicht hülf

losen, doch gegen jetzt sehr beschränkten Lage zu

rückbleiben würden. Nun, da die Möglichkeit, Gold

zu machen, ihm immer deutlicher, ja zuletzt zur Ge

wissheit ward, regte sein alter eingeschlummerter Ehr

geiz aufs neue die Flügel. Schon sah er im Geist Ga

brielen zur reichsten Erbin von Europa erhoben, um

deren Hand einst Fürsten werben würden. Im voraus

genoss er den hohen Triumph über seine Feinde, die

ihn in den Staub getreten zu haben wähnten, aus dem

er jetzt zu ihrer Beschämung glorreich empor zu stei

gegen hoffte, und er beschloss, sein ganzes übriges

Leben an dieses grosse Ziel zu setzen, zu dessen Errei

chung ihm nichts zu kostbar schien.

Er liess dicht neben seinem Zimmer ein eigenes La

boratorium erbauen, in welchem er sich unablässig

mit alchymistischen Versuchen beschäftigte, wenn er

nicht über den Schriften brütete, die ihm jetzt als das

Höchste erschienen. Den Seinigen ward er nur bei der

Mittagstafel sichtbar und sass selbst dann stumm und

in Gedanken verloren, ohne auf irgend etwas zu ach

ten, was um ihn her geschah. Niemand im haus

konnte den eigentlichen Zweck seines Strebens nur

ahnen, denn er arbeitete immer bei verschlossnen

ren, und nahm nur im äussersten Notfall einen alten

Diener zur hülfe, der gar nicht wusste, was er tat,

indem er seinem Herrn bei alchymistischen Prozessen

Handreichung leistete. Auguste selbst durfte nie die

Schwelle der Zimmer ihres Gemahls betreten. Sie

glaubte mit allen übrigen Hausgenossen, dass der

Baron sich mit Erfindung neuer Färbestoffe beschäfti

ge, denn er selbst hatte auf eine geschickte Weise

diese Meinung zu veranlassen gewusst. Herzlich gern

gönnte sie ihm diese harmlose Beschäftigung, ohne

weiter darüber zu grübeln, und war nur besorgt, jede

Störung mit verdoppelter Aufmerksamkeit von ihm

abzuwenden.

Auguste erfreute sich jetzt der glücklichsten Zeit

ihres Lebens. Jede Stunde des Tages durfte sie unge

hindert dem Liebling ihrer Seele weihen, nie störte die

Aussenwelt sie in dieser süssen Beschäftigung, denn

kein Besuch betrat jemals das Schloss, und die alte

Tante war bald nach ihrer Verheiratung gestorben.

Die kleinen Sorgen für das Hauswesen hatte Frau

Dalling anfangs redlich mit ihr geteilt, zuletzt sie

deren völlig entoben. Diese wackere, nicht ungebil

dete Frau war noch vor Gabrielens Geburt in Augu

stens Dienste getreten und hatte bald nicht nur Ver

trauen sondern auch achtung und Liebe ihrer Herr

schaft und der übrigen Hausgenossen sich erworben.

Sogar der finstre, strenge Gebieter Aller bemerkte ihre

treuen Dienste nicht ohne Wohlgefallen. Frau Dalling

selbst hing mit der treusten Liebe an ihrer freundli

chen Herrin und dem holdseligen kind, und hätte im

Fall der Not ihr Leben für beide willig geopfert.

Den schwachen Lebensfunken, mit welchem Ga

briele zur Welt kam, konnte nur Mutterliebe und die

sorgsamste Pflege vor frühem, völligen Erlöschen be

wahren; sehr langsam wuchs sie kräftiger heran und

ward endlich ein zwar gesundes, aber kein blühendes

Kind. Ihre ganze Erscheinung hatte etwas äterisches.

Wenn das kleine zierliche geschöpf durch den Garten

hüpfte, die vollen, goldnen Locken um den blendend

weissen Hals flogen, das dunkelbraune Auge fröhlich

blitzte, und ein blasses Rot das einer weissen Rosen

knospe ähnliche Gesichtchen sanft überhauchte; dann

glich es mehr der Elfenkönigin Titania, als einem

sterblichen Wesen. So blieb Gabriele bis in ihr sech

zehntes Jahr, dem Ansehen nach völlig ein Kind. Die

köstlichsten Blumen zögern ja immer am längsten,

ehe sie die schützende Knospe durchbrechen.

Wehmütig bange sah Auguste dem Zeitpunkt ent

gegen, in welchem der goldne Traum der Kindheit

dem ihr vom Himmel zum Trost gesandten Engel ent

schweben musste; sie suchte ihn so lange als möglich

zu entfernen; aber das ohne alle Gespielen ihres Al

ters, einzig bei dieser Mutter aufwachsende Mädchen

reifte im inneren weit früher heran als im Aeussern.

Augustens natur war die reinste, alles opfernde

Liebe. Schüchtern geworden in der ihr so unfreundli

chen Welt, hatte sie sich immer tief verborgen gehal

ten, und nur gestrebt, alles, was sie berührte, unbe

merkt zu beglücken, bis sie in Gabrielen ein Wesen

fand, bei dem es Pflicht ward, sich unverschleiert zu

zeigen. Nun ward die mütterliche Liebe in ihrem so

lange verwaist gebliebenen Gemüt zur hell lodern

den Flamme der leidenschaft. Sie zog Gabrielen mit

sich in ihre schöne innerliche Welt, dort lebten Mutter

und Tochter ein, allen Uebrigen verborgenes, engel

gleiches Leben, in gegenseitigem Verstehen, wie diese

Erde es selten birgt. Vertrauen auf Gott, Mut und Er

gebung zum Schutz gegen die unvermeidlichen Stür

me des Lebens wusste Auguste frühe dem jungen Her

zen ihrer Tochter einzuflössen. Gabriele lernte von ihr,

stilles Dulden, bei festem Anhalten an das Rechte, als

der Frauen höchste Pflicht erkennen; aber in weh

mütig vertrauten Stunden lernte sie auch von der

Mutter, dass nur in der Brust des Weibes stille, durch

sich selbst beglückte und beglückende Liebe wohnt,

die selten echte Gegenliebe findet, und ihrer auch

nicht bedarf, um des Lebens höchste, schönste Blüte

zu sein.

Fröhlich suchte Auguste nun alles wieder hervor,

was sie früher im Geräusch der ihr jetzt so fernen

Welt erlernt hatte, um auch äusserlich ihren Liebling

damit zu schmücken. Sie brachte dadurch in ihre düst

re Einsamkeit ein wunderliches Feenleben voll Wech

sel und Glanz, von dem, ausser der vertrauten Frau