sie von jeher war, folgte sie
jetzt ohne Widerrede dem Rat ihres Vormunds, und
liess sich von ihm zu der einzigen Verwandtin führen,
die sie ihres Wissens noch in der Welt hatte, und die
allein ihrer Jugend einen anständigen Zufluchtsort
bieten konnte.
Unter Entsagungen aller Art, unter steten Uebun
gegen unbeschreiblicher Geduld, schwanden von nun an
Augustens Tage auf dem einsamen Landgute ihrer
Tante, einer nach dem andern, einer wie der andre. So
lebte sie mehrere Jahre lang. Erinnerungen der glän
zenden Vergangenheit machten ihr die düstre Gegen
wart nicht noch trüber, denn sie hatte keine Freude an
deren flüchtigem Schimmer gefunden; aber das ver
klärte Bild des verlornen Geliebten wohnte noch
immer tief verborgen in ihrem Herzen, von ewigem
Jugendglanz umflossen, wie das Bild eines Heiligen
in einem dunkeln Grabmal, das eine nie erlöschende
Lampe erleuchtet.
Uebrigens war Auguste weder fröhlich noch trau
rig, nur freundlich und still. Die Wenigen, welche sie
kannten, ahneten nicht die ganze Freudenlosigkeit
ihres Daseins, aber alle bewunderten ihre Anmut,
ihr anspruchloses Wesen, und priesen die unerschöpf
liche Langmut und engelgleiche Gelassenheit, mit
denen sie den wunderlichsten, unerträglichsten Lau
nen ihrer Tante gefällig entgegen kam.
Letztere war eine jener scheinheiligen alten Bet
schwestern, die unter dem Mantel der Frömmelei die
abschreckendsten Eigenschaften zu verdecken suchen,
und mit dem glattesten, herzlosesten Egoism die
ganze Welt nur einzig zu ihrer Bequemlichkeit er
schaffen glauben. In der schriftlich an sie gerichteten
Bewerbung des Baron Aarheim um Augustens Hand,
sah sie nur den Finger Gottes, der sie von einer ihr lä
stigen Hausgenossin befreien wollte, und verkündete
daher schonungslos ihrer Nichte das ihr unverdienter
Weise zugefallne grosse Glück; dabei ermangelte sie
nicht, dieses einzig ihrem eifrigen Gebet für Augu
stens Wohlfahrt zuzuschreiben. Dieser ihr Leben war
jetzt mehr als je ganz nach Innen gekehrt, die Aussen
welt kümmerte sie wenig, weniger noch ihr eigenes
Schicksal; an Glück auf der Erde zu glauben hatte sie
längst verlernt, und all ihr Hoffen ging weit über die
ses Prüfungsleben hinaus. Daher fügte sie sich ohne
Widerstreben dem deutlich ausgesprochnen Willen
der Tante, wie sie sich früher dem ihres Vaters gefügt
hatte. Mit ruhiger Fassung reichte sie dem Baron die
Hand, als er sie heimzuführen kam. Sie war es sich
bei diesem Schritte deutlich bewusst, dass sie nur ein
unerfreuliches Dasein mit einem ähnlichen, vielleicht
noch unerfreulicherem vertauschte, aber sie folgte will
lenlos dem Winke des Schicksals.
fest entschlossen, durch Treue, Sorgfalt und jede
Aufopferung, dem mann, der sie gewählt hatte, alles
zu werden, was sie ihm zu werden vermochte, und bei
allen ihren Handlungen einzig sein Glück zu bezwek
ken, betrat sie die dunkle Schwelle vom Schloss Aar
heim. Und doch fühlte sich Auguste unendlich glück
licher wie sie es je zu träumen gewagt hatte, als sie
nach Jahresfrist Gabrielens Mutter ward. Nun hatte
sie ein lebendes Wesen, das sie umfassen und beglück
ken konnte, mit all der bis jetzt tiefverborgnen Liebe,
die der Grundton ihres Daseins war. Sie lebte nun
nicht mehr ohne Plan und Zweck in dieser Welt, sie
wusste jetzt, für wen sie lebte, und trug nicht mehr
bloss ergeben sondern freudig alle andere Zumutun
gegen des ihr im übrigen noch immer nicht freundlicher
gewordnen Geschicks.
Gabriele ward beim Eintritt in das Leben vom
Vater nicht freundlich willkommen geheissen. Er hatte
auf einen Erben seines alten Namens und seines
Stammgutes gehofft, und suchte nicht den Unmut
über die getäuschte Erwartung seiner Gemahlin scho
nend zu verhehlen. Jahre vergingen, Gabriele blieb
das einzige Kind, und der Vater blickte nie mit Liebe,
oft mit verbissnem Zorn auf sie herab.
Augustens unaussprechliche Milde, ihre unermüde
te, allen Wünschen des baron zuvorkommende Sorg
falt für ihn, siegten doch endlich einigermaassen über
sein von der Welt verwahrlosetes Gemüt. Ihm war
jetzt zu wohl in seinem haus geworden, als dass er
die Urheberin dieses ihm bis jetzt unbekannt geblieb
nen behaglichen Zustandes nicht hätte von den übri
gegen Menschen unterscheiden sollen. Zwar blieb er
hart und kalt im Leben wie zuvor, aber er duldete Au
gustens stilles Walten, in seinem Schloss sowohl als
auf seinem Gute, und liess ihr schweigend die Freiheit,
das Schicksal seiner Untertanen auf manigfache
Weise zu erleichtern. allmählich ward sein Vertrauen
zu ihr immer grösser, so dass er ihr zuletzt die ganze
Verwaltung seiner Geschäfte allein übertrug, allem
menschlichen Umgang, ausser mit ihr und den ihn zu
nächst umgebenden Dienern, völlig entsagte und sich
auf den entferntesten Flügel des weitläuftigen Schlos
ses zurückzog, wo er sich eine von allen übrigen Be
wohnern desselben ganz abgesonderte wohnung ein
richten liess.
Eine von seinen Vorfahren vor langer Zeit gesam
melte Bibliotek war in der von ihm erwählten gänzli
chen Abgeschiedenheit der einzige Zeitvertreib, wel
cher sich dem Baron gewissermaassen entgegendräng
te. Zuerst bewog ihn Langeweile, die alten Bücher zu
mustern und zu ordnen, aus welchen sie bestand; bald
aber zog ihn der Inhalt eines Teils derselben unwi
derstehlich an. Eine sehr vollständige grosse Samm
lung alter alchymistischer Schriften, gedruckt und im
Manuskript, war ihm in die hände gefallen; er hatte
sie Anfangs nur aus blosser Neubegier durchblättert,
aber diese Blätter fingen bald an, ihn immer ernstli
cher zu beschäftigen, so dass er zuletzt mit unermüde
tem Eifer sie Tag und Nacht studirte und alles Uebri
ge dabei vergass, bis ihm die Möglichkeit, mit der
natur in ihrem geheimsten Walten zu wetteifern, völ
lig erwiesen schien.
Schon lange hatte er mit einem, aus