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Verblendung, als dass es

sie nicht hätte schmerzen sollen, ihn daraus zu wek

ken; aber innerlich fühlte sie sich durch diese Falsch

heit seiner vorgeblichen Freunde oft schmerzlich ver

wundet. Sie selbst ward indessen wenigstens dadurch

in der anspruchlosen Bescheidenheit erhalten, zu wel

cher ihr ganzes Wesen sich ohnehin neigte, und ihr

tiefes Erröten bei jedem laut ausgesprochnen Lobe

zeigte deutlich, wie wenig sie sich bewusst war, es zu

verdienen.

Ihre reine, schöne natur wäre dennoch vielleicht

dem ewigen Entgegenarbeiten des eitlen Vaters erle

gegen, doch frühe Liebe erhob sich ihr zum Schutzgeist.

Rein und innig loderte die stille Flamme heisser Nei

gung zu einem edlen jungen mann in ihrer jungen

Brust, ihr selbst fast unbekannt und nur im Schmerz

der Trennung sich zuerst ihr ganz offenbarend.

Ihr Geliebter war Sekretär bei der Legation ihres

Vaters und in seinem haus, zum teil mit Augusten

erzogen. Er lebte mit ihr unter einem dach, teilte

mit ihr alle ihre Freuden, half ihr bei ihren musikali

schen Uebungen, war am Tische und auf Reisen über

all in ihrer Nähe. Was konnten beide mehr vom

Schicksal zu erlangen wünschen? Sie waren glücklich

wie Kinder, die sich des heutigen Tages freuen, ohne

dabei an morgen zu denken.

Augustens Vater aber dachte nicht nur an heute und

morgen, sondern auch an alle, diesen folgende Tage

und Jahre. Ein Zufall entdeckte ihm das geheimnis

der Liebenden, es stimmte nicht zu seinen hohen Plä

nen mit der einzigen, glänzend erzognen Tochter, aber

er schwieg dazu, weil er das menschliche Herz genug

kannte, um zu wissen, dass hier mit Einreden wenig

abgeändert werden würde. Er handelte lieber, wie er

es gewohnt war, sobald sein Vorteil es heischte, kalt

und ruhig, besonnen und sicher. Eines Morgens er

wartete Auguste vergebens ihren Freund bei ihren mu

sikalischen Uebungen; bei Tafel vermisste sie sein

Couvert; er war spurlos verschwunden, und ihre er

bleichende, zitternde Lippe vermochte nicht, eine

Frage nach ihm auszusprechen. Unter dem Vorwand

eines geheimen Auftrags von der äussersten Wichtig

keit war er in der Nacht weit weg versendet worden,

am Orte seiner Bestimmung hatte man schon dafür

gesorgt, dass er in noch entferntere Länder geschickt

wurde, und so war er auf ewig von Augusten geschie

den, ohne eine Ahnung davon zu empfinden. Die Ar

gusaugen seines Gebieters bewachten ihn zu sorgfäl

tig in jener verhängnissvollen Nacht, als dass er nur ein

Wort des Abschieds an Augusten hätte gelangen las

sen können, überdem glaubte er auch, nur auf wenige

Wochen sich von ihr zu trennen. Späterhin ward es

ihm ganz unmöglich gemacht, einen Brief auf sicherm

Wege in ihre hände zu bringen. Beide hatten keine

Vertrauten, ihre reine jugendliche Liebe bedurfte

deren nicht, sie scheute jede Berührung der Aussen

welt; wie hätten sie Fremden ein geheimnis gestehen

können, das sie gegen einander selbst kaum in Wor

ten auszusprechen versucht hatten.

Ganz auf sich zurückgeworfen, blieb nun Auguste

in der glänzendsten Gesellschaft einsam, wie in einer

Wüste. Kein laut des einzigen Wesens in der Welt,

zu dem sie allein zu gehören sich bewusst war, tönte

zu ihr herüber, nie hörte sie mehr den geliebten

Namen nennen, als wenn sie selbst in stiller Mitter

nacht, unter heissen, langverhaltnen Tränen, ihn den

stummen Wänden ihres einsamen Zimmers zurief. Ihr

Vater wusste in aller Freundlichkeit so abschreckend

schroff vor ihr zu stehen, dass das bange Mädchen es

kaum wagen mochte, in seiner Gegenwart nur an den

Geliebten zu denken. Er sah wohl ihre stille Trauer,

aber er fragte nie nach der Ursache derselben und

hoffte alles von der Zeit.

Dem Anschein nach verfehlte diese auch nicht, ihre

gewohnte Macht zu bewähren. Auguste fand allmälig

eine wehmütige Freude im Schmerz um das verlorne

Glück, in der unaussprechlichen sehnsucht, die jetzt

einzig in ihrem Busen lebte, und auch ihr Aeussres

wurde von diesem Gefühl verklärt. Sie gewöhnte sich

daran, ihren Freund unter den toten zu denken. Ihr

Vater, der es bemerkte, suchte schweigend sie in die

sem Glauben zu bestärken, und nun wandte sie ihren

blick einzig nach oben, der Heimat ihres Lebens und

ihrer Liebe. Hier unten ging sie willig den ihr von

ihrem Vater vorgezeichneten Pfad, lächelte freundlich

zu allen seinen Wünschen, und suchte wenigstens ihn

zu erfreuen, da für sie auf der Erde keine Freude mehr

blühte.

So verlebte Auguste noch drei Jahre in verschied

nen Ländern und äussern Umständen, ohne eine be

freundete Seele um sich zu wissen. Selbst des Mäd

chenglücks, eine gewöhnliche Jugendfreundin zu be

sitzen, hatte sie zeitlebens entbehrt. Sie war selten

viel länger als ein Jahr an dem nehmlichen Orte ge

blieben, hatte unzähligemal alle ihre Umgebungen

wechseln müssen, und nie Zeit oder gelegenheit ge

funden, irgend eine dauernde Verbindung zu knüpfen.

Die letzte Stadt, in welcher sie mit ihrem Vater län

gere Zeit verweilte, war Stockholm. Auf einer Reise

von dort aus erkrankte er plötzlich in einem kleinen

schwedischen Städtchen und starb.

Nie war eine Waise verlassner, als die jetzt zwan

zigjährige Auguste am grab ihres Vaters. Sie harrte

dort, bis der ihr in den letzten Augenblicken vom Ver

storbnen bestimmte Vormund sie nach Deutschland

abzuholen kam. Der Nachlass ihres Vaters war sehr

gering, eigenes Vermögen hatte er nie besessen und

dabei in der Welt zu glänzend Haus gehalten, um be

trächtliche Summen für seine Tochter zurücklegen zu

können; ihr blieb kaum genug, um davon notdürftig

zu leben. Willenlos, wie