der andern, stieg immer höher und höher;
aber das Gelingen machte ihn unvorsichtig, es schlä
ferte seine Wachsamkeit ein, Feinde, die er gar nicht
beachtete, arbeiteten im Verborgnen ihm entgegen;
und so ward auch ihm das Schicksal, das schon so
viele in seiner Lage traf, er fiel plötzlich, als er am si
chersten zu stehen glaubte, und um so tiefer, je höher
er gestiegen war.
Aarheims Fall zerriss die Verbindung mit der Toch
ter eines grossen, glänzenden Hauses, wenig Tage vor
dem zur Vermählungsfeier bestimmten, und als er Be
sinnung genug gewann, um sich zu schauen, sah er
sich furchtbar verlassen. Kein einziger Freund war
ihm geblieben, seine Jugend früh und längst an ihm
vorüber geschwunden, den grössten teil seines Ver
mögens hatten seine frühere Lebensweise und seine
spätern grossen Pläne verzehrt, seine Gesundheit war
zerrüttet, er selbst erkannte in sich nur noch den
Schatten von dem, was er einst gewesen war.
Sein Gemüt erstarrte in bitterm Hass, in tiefer Ver
achtung aller Menschen, vor allem der Frauen, und er
schwur sich selbst, jeden geselligen Umgang so viel
möglich Zeitlebens zu meiden. Von seinen vielen Gü
tern war ihm nur sein Stammgut geblieben, es lag tief
im Gebirge, im Gebiet eines andern Fürsten; dortin
beschloss er vor dem Anblick der Welt zu fliehen, die
ihn so unbarmherzig gemisshandelt hatte. Er raffte die
Trümmern seiner übrigen Habe zusammen und eilte,
sich in die tiefste Einsamkeit zu vergraben, in welcher
nur demütige Diener und zitternde Untertanen seine
Umgebung bildeten. So lebte er mehrere Jahre und
ward mit jedem Tage härter, schroffer und finsterer.
Der Brief eines Verwandten erinnerte ihn endlich
einmal an die Aussenwelt, die er so gern ganz verges
sen hätte; es fiel ihm ein, dass sein noch immer sehr
beträchtliches Gut Mannlehn war, und nach seinem
tod an einen entfernten Vetter fallen müsse, den er
allein schon deshalb als seinen ärgsten Feind betrach
tete, ohne ihn weiter zu kennen. Er war es leider ge
wohnt worden, von allen Menschen das Aergste zu
vermuten, und ahnete also auch bei seinem mut
masslichen Erben das sehnlichste Verlangen nach sei
nem baldigen tod, vielleicht gar Pläne, ihn zu be
schleunigen; daher beschloss er plötzlich, sich noch im
Späterbst seines Lebens zu vermählen, um seinem
Agnaten diese Hoffnung und Freude zu verderben.
Seine Wahl fiel auf Augusten von Rohrbach, die
elternlos und arm auf einem kleinen Gute unfern
Schloss Aarheim einsam traurige Tage bei einer alten
Tante verlebte. Er hatte das fräulein nie gesehen, ehe
er um ihre Hand sich bewarb, aber der Ruf ihrer
Schönheit und der unermüdeten Geduld, mit der sie
den Launen einer höchst wunderlichen Frau sich
fügte, war bis in seine Einsamkeit gedrungen, und
dies hinlänglich, ihn für sie zu bestimmen. An Liebe
glaubte er nicht und war weit entfernt, sie zu fordern;
ihm genügte Gehorsam von seiner künftigen Gattin,
und diesen zweifelte er nicht unter solchen Umständen
zu erlangen oder zu erzwingen.
Auguste von Rohrbach war in frühester Kindheit
zur mutterlosen Waise geworden; ihr Vater hatte sie
erzogen. Sein diplomatischer Beruf erlaubte ihm kei
nen festen Wohnsitz, sondern trieb ihn rastlos durch
fast alle die glänzendsten Städte Europens; doch liess
er sich dadurch nicht hindern, seinem einzigen kind
die möglichste Sorgfalt zu weihen. Ueberallhin musste
Auguste ihrem Vater folgen, und sobald ihr Alter es
erlaubte, benutzte er alle Gelegenheiten, ihr in jeder
Stadt, wo sie längere Zeit lebten, die besten Lehrer zu
verschaffen, um sie in allen, ihrem Geschlechte zusa
genden Wissenschaften und Künsten unterrichten zu
lassen.
Die freigebige natur hatte das Kind nicht nur mit
einer höchst anmutigen Gestalt ausgestattet, sie be
günstigte es auch mit seltenem Talent und schneller
Fassungsgabe. Und so geschah es denn gar bald, dass
Auguste der Stolz ihres Vaters ward, ein Kleinod, mit
dem er gern bei jeder gelegenheit prunkte und auf
dessen seltnen Wert er grosse Pläne für kommende
zeiten erbaute. So wie sie älter ward, suchte er alle
ihre Vorzüge ins hellste Licht zu stellen; kein
Schmuck, der ihre schöne Gestalt erheben konnte, war
ihm zu kostbar, überall musste das junge Mädchen vor
den erlesensten Zirkeln ihr musikalisches Talent
üben, im einzelnen Tanz oder durch die zu jener Zeit
als etwas ganz neues bewunderten Attitüden der
L a d y H a m i l t o n die Zuschauer entzücken, und
auf alle Weise bestmöglichst glänzen und schimmern.
Bei dieser Erziehung wäre Auguste eine eitle Tö
rin geworden, wenn nicht zum Glück den Kindern
auffallende Fehler ihrer Eltern oft zu schützenden
Warnern auf ihrem Lebenswege würden, besonders
wenn sie sich durch sie in ihrer angebornen Eigent
hümlichkeit behindert fühlen. Dies war eben bei Au
gusten der Fall. Bis zur Furchtsamkeit bescheiden,
kostete es ihr, als ganz jungem Mädchen, manche
heisse, bittre Träne, wenn sie auf Befehl ihres Vaters
vor grossen Gesellschaften mit ihren Künsten auftreten
musste. Späterhin gewann sie freilich durch lange Ge
wohnheit mehr Mut, aber auch hellern Beobach
tungsgeist. Das heimliche, neidische Hohnlächeln der
Anwesenden und deren leise geflüsterten Anmerkun
gegen entgingen Augustens Scharfblick nicht, obgleich
ihr Vater nichts davon ahnete. Diesen blendete der
rauschende Beifall, welchen alle die Herren und
Damen seiner Tochter um so reichlicher zollten, je
schärfer sie, von ihm unbeachtet, die Geissel der Kritik
über sie schwangen. Auguste wagte es nicht, gegen
ihren Vater ihre Bemerkungen laut werden zu lassen,
er war zu glücklich in seiner