1821_Schopenhauer_090_172.txt

Sie konnte es unbemerkt; er stand

hinter Aureliens Stuhl im eifrigen gespräche mit die

ser. Seine hohe schlanke Gestalt, die Anmut seiner

Bewegungen waren von Gabrielen schon früher als

heute bemerkt worden. Sie erkannte ihn jetzt daran;

auch die edlen Züge seines Gesichts waren ihr nicht

fremd, sie erschienen ihr wie die eines längst Bekann

ten, obgleich sie sie noch nie deutlich erblickt hatte.

Eine Fülle hellbrauner Locken kräuselte sich um seine

hochgewölbte Stirn, die blauen, mutig und kühn um

sich her blitzenden Augen hatten bei allem Feuer

etwas unbeschreiblich mildes und freundliches, und

die dünnen Lippen des festgeschlossnen Mundes

gaben seinem Gesicht einen sehr ernsten, fast weh

mütigen Ausdruck, der aber beim Sprechen in ein

höchst anmutiges Lächeln verschwebte. Sein ganzes

Wesen trug das Gepräge kräftiger, zum mann heran

gereifter Jugendblüte. Er schien etwa achtundzwan

zig bis dreissig Jahre alt.

Es tat Gabrielen heimlich weh, dass er sie so gar

nicht bemerkte, obgleich sie sich auch freute, ihn un

gestört ansehen zu können. Da stimmte er das einsei

tige Gespräch zum Allgemeinen um, und sie konnte

nun mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf jedes

seiner Worte horchen. Er erzählte von seiner eben be

endigten Reise, und seine lebendige Darstellung

wusste auch dem Allergewöhnlichsten Leben und In

teresse zu geben. Dabei entging es Gabrielen nicht,

dass er dem Gespräch absichtlich diese Wendung gab,

um nur die ewigen Spötteleien über die abwesende

Eugenia zu beenden, und ihr Gefühl wusste es ihm

heimlich Dank. Es lag ein eigener, aller Herzen sich

bemächtigender Zauber in dem vollen, reinen Klange

seiner stimme. Gabriele horchte so lange auf diesen

Ton, dass sie zuletzt nur ihn hörte, wie man einer lieb

lichen Musik sich hingiebt, ohne dabei die Worte des

Gesanges zu beachten. Alles andere um sich her ver

gessend, sass sie da, als ganz unerwartet ein ältlicher

Mann, ihr Nachbar am Tische, sie durch eine gleich

gültige Frage auf eine unangenehme Weise aus dieser

süssen Selbstverlorenheit riss. Erschrocken darüber,

fuhr sie zusammen, zerbrach beinah ihre Tasse und

stammelte endlich hocherrötend eine Antwort, die

niemand verstehen konnte. Die Augen der ganzen Ge

sellschaft wandten sich plötzlich ihr zu, und die Ver

legenheit des armen Mädchens war entsetzlich, sie

stieg bis zur qualvollsten Pein, als Aurelia nach ihrer

schonungslosen Art laut ausrief: "Ich glaube die Klei

ne war eingeschlafen; kein Wunder, sie ist müde von

der Reise!" und indem sie aufstehend ihre Hand er

griff, hinzusetzte: "Komm, Liebchen, ich bringe dich

zu deiner Bonne, die wohl auch mit Schmerzen auf

dich harrt, die Abschiedsknixe kannst du übrigens

sparen;" und damit zog sie das tiefgekränkte Mäd

chen zur tür.

Beinahe weinend vor Schaam und Zorn über Aure

liens unfreundliches Benehmen und ihre eigne Unge

schicklichkeit, langte Gabriele bei der guten Frau

Dalling an, der Pflegerin ihrer Kindheit, und ver

mochte es kaum über sich, ihr die begebenheiten die

ses Abends nur ganz im Allgemeinen kund zu tun.

Alles schwamm in bunter Verworrenheit vor ihrem

betäubten Sinn; nur Ottokars Gestalt, seine stimme,

seine Worte waren ihr deutlich in der Erinnerung ge

blieben. In ihrer jungen Brust gegen einander an

kämpfend, wogten tausend nie zuvor gekannte süsse

und bittre Empfindungen und machten sie verstum

men; Freude über Ottokars Wiederbegegnen,

Schmerz, dass er sie gar nicht bemerkte, und dazu das

herbe Gefühl des Alleinseins, mitten unter fröhlichen

Menschen. Noch nie war Gabriele sich selbst so un

bedeutend erschienen, nie zuvor hatte sie Demüti

gung vor Zeugen, Unzufriedenheit mit sich selbst wie

heute empfunden, und es gelang ihr nur mit grosser

Anstrengung, sich zum tröstenden Selbstbewusstsein

endlich wieder empor zu ringen und den festen Ent

schluss zu fassen, äussere Zufälligkeiten nicht höher zu

stellen als deren eigentlicher Standpunkt es fordert.

Eine unaussprechliche sehnsucht nach ihrer Mutter

ergriff ihr tief verwundetes Gemüt, wie ein müdes

Kind weinte sie sich endlich spät in den Schlaf; aber

alle die vielen neuen Gestalten des vergangnen

Abends umschwirrten sie noch im ängstlichen Trau

me, und zwischen ihnen hindurch tönte tröstend Otto

kars stimme, mit der er die Worte sprach: "Ich bitte

für das junge fräulein, sie hat wahrlich nicht Un

recht!"

Ehe wir Gabrielen auf ihrem fernern Lebenspfade be

gleiten, wird es nötig sein, den Leser zu ihrer frühe

ren Jugendgeschichte zurückzuführen und ihn mit

ihren Eltern bekannt zu machen.

Ihr Vater, Baron Aarheim, war schon im frühen

Jünglingsalter unumschränkter Gebieter seiner eignen

Taten und eines sehr bedeutenden Vermögens ge

worden. Er verbrachte seine Jugend teils auf Reisen,

teils an Höfen auswärtiger Fürsten, und fand überall

die Aufnahme, zu welcher Rang, Reichtum und eine

ausgezeichnet vorteilhafte Gestalt ihn berechtigten.

Durch keinen äussern Zwang zurückgehalten, stürzte

er sich in den Strudel des grossen Lebens, suchte rast

los alle Genüsse, gab sich ohne Maass und Ziel allen

Freuden hin, welche es bietet, bis er, erschöpft und

abgestumpft, im reifern Alter des ewig wiederkehren

den Einerleis überdrüssig ward und ihm entsagte, um

ernstern Plänen zu folgen. Herrschsucht und Ehrgeiz

traten jetzt in seinem Gemüt an die Stelle der Sucht

nach ewigem Wechsel des Vergnügens; die Gunst des

Fürsten, an dessen hof er eben lebte, zeichnete ihn

vor allen andern aus und steigerte seinen Wunsch

nach dem nächsten Platz neben dem Tron bis zur

leidenschaft, indem sie ihm ein Recht darauf zu

geben schien. Anfänglich war es, als ob das Glück

sein Streben begünstigen wollte; er erklimmte eine

Stufe nach