1821_Schopenhauer_090_171.txt

zog sie

Gabrielen zu sich in den Rahmen, küsste sie auf die

Stirn, gab ihr ein goldnes Kästchen in die Hand, stell

te sie in die gehörige Attitüde und schob sie an den

von der Gräfin Eugenia verlassnen Platz, indem sie

selbst wieder ihren Tron einnahm. Alle andere, zur

Gruppe gehörende Personen reihten sich im nämli

chen Moment in gebührender Ordnung um sie her.

"Es geht!" rief hocherfreut die ganze Gesellschaft

im Zimmer. "Aber," setzte lachend Aurelia hinzu,

"deliziös sieht es jetzt aus, das blasse Gesicht, die ro

ten Augen und das schwarze Kleid mitten in all der

bunten Pracht und Herrlichkeit; doch sei nur getrost,

Gabriele, morgen soll es besser werden, Wind und

Staub haben dir heute auf der Reise übel mitgespielt,

das ist morgen vorüber und ich will dich schon kostü

miren." Die arme Gabriele, welche bei allen diesen

Vorgängen noch kein Wort hatte aufbringen können,

flüsterte jetzt, halb nur hörbar und in grosser Beklom

menheit, die Frage: was sie denn eigentlich morgen

tun solle? "Was du heute tust," war die kurze Ant

wort, "hier einige Minuten stehen und das Kästchen

halten." "In dem tiefen Traueranzug?" wandte Ga

briele zur grossen Belustigung der Uebrigen ein.

Kaum konnte Aurelia vor lachen dazu kommen, ihr

zu bedeuten, dass sie morgen ohnehin auf einen Tag

die Trauer ablegen müsste.

Gabrieleblickte sehr ernst um sich her. "Wie?"

sprach sie, "die Trauer um meine Mutter ablegen, ehe

die Zeit verflossen ist, während welcher die Sitte mir

erlaubt, dieses Zeichen meines Schmerzes zu tragen?

Nein, gnädige Tante! Das befehlen Sie mir nicht,"

setzte sie mit fester stimme hinzu, obgleich dabei

zwei grosse Tränen, die schon lange in ihren dunkeln

Augen geschimmert hatten, über ihre jetzt hochrot

erglühenden Wangen herab rollten. "Nur zwei Mona

te sind es, seit meine Mutter begraben ward; wie

könnte ich ihr Andenken nur Eine Stunde verleugnen!

Ich kann es nicht, ich werde es nicht, ich will es

nicht," sprach sie höchst entschieden, und hob dabei,

dennoch wie flehend, ihre kleinen zarten Händchen

empor. Die Gräfin und Aurelia schwiegen eine Weile

vor Erstaunen über Gabrielens plötzlichen Mut, ehe

sie begonnen auf das arme Mädchen heftig einzustür

men. Gabriele musste verstummen, ängstlich blickte

sie, wie Beistand suchend, um sich her, und erschrak

dennoch nicht wenig, als ihr dieser höchst unerwarte

ter Weise zu teil ward.

Aus dem dunkelsten Winkel des Zimmers, dicht

neben dem Rahmen, erscholl mitten durch den Streit

eine männliche stimme: "Ich vereinige meine Bitte

mit der des jungen Fräuleins; mir dünkt wahrlich, sie

hat nicht ganz Unrecht." "Ottokar!" rief Aurelia;

"willkommen, so viel früher als wir es erwarteten,"

die Gräfin. Aller Zwiespalt ward augenblicklich be

seitigt, und die ganze Gesellschaft drängte sich freu

dig um den unbemerkt Hereingetretenen her. Gabriele

taumelte fast in freudiger Ueberraschung, sie schlug

die Augen nicht auf, sie wagte keinen blick auf ihren

Fürsprecher, aber sie wusste dennoch, wer er sei.

Jedermann beeiferte sich nun um die Wette, Euge

niens unverantwortliches Benehmen mit allen seinen

entsetzlichen Folgen dem eben Angekommenen auf

das weitläuftigste auseinanderzusetzen. Er hörte alle

gelassen an und schlug dann an der Stelle der Diene

rin einen Edelknaben vor, deren er am folgenden Tage

wenigstens ein Dutzend zur Auswahl in aller Frühe zu

stellen versprach. Dieser Ausweg war niemanden von

der Gesellschaft eingefallen, und die idee ward mit

dem allgemeinsten Beifall ergriffen.

Kleopatra verliess beruhigt ihren Königssitz, den

ein herabrollender seidner Vorhang verhüllte, Römer

und Aegypter begaben sich in die Nebenzimmer, um

als moderne Herren und Damen wiederzukehren, die

Lichter im Saal wurden angezündet, der Teetisch

hereingebracht, und alles ordnete sich in friedlicher

Eintracht um ihn her.

Die Gesellschaft bestand grösstenteils aus dem

engen Ausschusse der Bekannten der Gräfin, aus so

genannten Hausfreunden, die sich an freien Abenden

gewöhnlich bei ihr versammelten; das Gespräch

wogte rasch und lebendig, nur Gabriele blieb stumm.

Niemand achtete sonderlich auf sie, denn ihr erstes

auffallendes erscheinen war über Ottokars unerwarte

ten Eintritt gänzlich vergessen. Desto mehr Zeit ge

wann sie, fürs erste Atem zu schöpfen, und dann die

neue Welt, in die sie versetzt war, zu betrachten. Zum

erstenmal in ihrem Leben befand sie sich unter so vie

len, ihr gänzlich fremden Gestalten, und das Gefühl,

dass auch sie ihnen fremd sei und es wohl lange noch

bleiben würde, machte ihr Herz beklommen. Der An

blick der Gräfin versetzte sie in immer neues Erstau

nen, sie erschien ihr um zwanzig Jahre jünger als sie

vor wenig Tagen zum erstenmal im Schloss ihres Va

ters sie gesehen hatte, dessen Schwester sie war. Dem

mit allen Toilettenkünsten unbekannten kind kam

diese Verwandlung ganz unbegreiflich vor, ja sie

hätte geglaubt, dass es gar nicht die Tante sei, wäre

Aurelia nicht zugegen gewesen und hätte sie nicht

Mutter genannt. Aurelien betrachtete sie mit dem hei

ssen Wunsch, sogar mit dem Entschlusse, solche zu

lieben; dennoch fühlte sie innerlich, dass ihr diess nie

gelingen würde. Der scharfe blick der grossen dunkel

blauen Augen, das spöttische Lächeln, welches bei

jedem Anlass um die Rosenlippen der schönen Aurelia

spielte, vernichtete jede Möglichkeit herzlichen Ver

trauens zu ihr.

Endlich wagte es auch Gabriele, den blick zu Otto

karn zu erheben.