. Ich möchte sie Landschaftsge
mälde nennen, auf denen ich mich bemühte, jeden treu
kopirten Gegenstand genau an den Platz hinzustellen,
wo er in der Wirklichkeit sich befindet, indem ich
mich wohl hütete, den Regeln der Gruppirung oder
dem Zauber des Effekts das kleinste Opfer zu bringen.
Diese Blätter hingegen bieten willkührliche Zusam
mensetzungen einzelner Studien nach Gegenständen,
wie sie mir auf dem Lebenswege begegneten, die ich
nach Gefallen trennte und vereinte, so dass oft zu einer
meiner Figuren mehrere Individuen und Oertlichkei
ten beitragen mussten. Obgleich diesem nach keine
einzige derselben ein Portrait im strengen Sinne ge
nannt werden darf, so würde es mich doch freuen,
wenn jede einzelne für ein solches gehalten würde.
Denn so wäre mir gelungen, wonach jeder Historien
maler streben muss, und was unser grosser Meister
durch Wahrheit und Dichtung so treffend bezeichnet.
Uebrigens fühle ich mich in meinem Gewissen ver
pflichtet, zu bekennen, dass mir die Gabe des Gesan
ges vom Himmel versagt ward und dass daher die in
diesem buch entaltnen Gedichte nicht von mir sind.
Ich danke sie einem Freunde, den ich gern von der
Welt nenne. Friedrich von Gert stenbergk, von dem
wir schon so manches schöne Lied, so manche zarte
Dichtung mit Dank und Freude empfingen, der Ver
fasser der "kaledonischen Erzählungen" und der
"Phalänen" steuerte meine Gabriele mit diesem
Schmucke aus.
Geschrieben zu Weimar am ersten Pfingstfeiertage
1819.
Johanna Schopenhauer.
"Niemand liebt seine Freunde inniger als ich, mein
Leben gäbe ich willig für sie hin, aber Unmöglichkei
ten darf mir niemand zumuten." Mit diesen Worten
verliess Gräfin Eugenia ziemlich erhitzt den Salon der
Gräfin Rosenberg, in welchem die Hauptprobe einer
für den folgenden Abend bestimmten Darstellung von
Tableaus so eben gehalten ward, und rauschte mit
einer leichten Verbeugung an der eintretenden Aurelia
vorüber. Flammend vor Zorn, blieb die Gräfin Rosen
berg auf ihrem königlichen Trone sitzen. Ein reich
gestickter Baldachin erhob sich über ihrem haupt,
ein Purpurmantel umwallte in weiten Falten ihre ma
jestätische Gestalt, in ihrem schwarzen Haare funkelte
ein Diadem von Brillanten, und ihre Hand hielt das
goldne Zepter. Vor ihr stand ein mit reichen Teppi
chen und Prachtvasen geschmückter Tisch, um sie her
waren mehrere Herren und Damen in altrömischer
und ägyptischer Kleidung eifrig, aber fruchtlos, be
müht, sie zu beruhigen. Die Scene ging in einer alko
venartigen, von einem grossen goldnen Rahmen um
fassten Vertiefung der Zimmerwand vor, gerade der
tür gegenüber, verborgne Lampen gossen einen
magischen Strom von Licht über sie aus, im Zimmer
selbst herrschte tiefe Dämmerung, doch verriet ein
leises Flüstern und Rauschen die Gegenwart mehrerer
Personen.
Sprachlos vor Erstaunen über das ihr unbegreifli
che, plötzlich hereingebrochne Unheil, blieb Aurelia,
die Tochter der Gräfin, in der eben geöffneten tür
stehen; hinter ihr schmiegte sich furchtsam die sech
zehnjährige Gabriele, welche in diesem Moment aus
der tiefsten Einsamkeit eines alten Bergschlosses an
gelangt war, um einige Monate im haus ihrer Tante
zuzubringen. Aurelia, ihre Kusine, hatte sie mit der
Versichrung empfangen, dass sie zum Glücke heute
ganz unter sich wären; und nun stand sie da, einen
freundlichen Empfang erwartend, und wusste bei dem
wunderbaren Anblick, der sich ihr darbot, nicht, ob
sie wache oder träume.
"Tue mir die Liebe," rief die Gräfin Aurelien ent
gegen, so wie sie ihrer ansichtig ward, "tue mir die
einzige Liebe, und werde morgen krank, bleib den
ganzen Tag im Bette; ich lasse früh alles absagen, mit
der Feier deines Geburtstages ist es vorbei, wir haben
weder Konzert, noch Ball, noch Tableaus; Eugeniens
prätentiöser Eigensinn vernichtet alles. Mit ihrer win
zig-kleinen Figur besteht sie darauf, an meiner Stelle
die Kleopatra vorzustellen, und da ich ihr beweise,
wie unmöglich diess sei und ihr die Rolle der Diene
rin, welche das Schmuckkästchen trägt, zuteile, eilt
sie davon und derangirt mir den ganzen Plan."
"Könnten wir nicht die Dienerin ganz weglassen?"
stammelte furchtsam ein junger Mann in römischer
Tracht, welcher wahrscheinlich den Antonius vorstell
te. "Unmöglich," erwiderte Kleopatra, "wo soll ich
die köstliche Perle hernehmen, wenn das Schmuck
kästchen fehlt? und überdies ist die Figur unumgäng
lich notwendig zur Gruppirung des Ganzen. Es ist
vorbei," fuhr sie fort, indem sie sich in höchst unmu
tiger Stellung auf ihrem Trone zurück warf! "Euge
nia macht heute Abend und morgen früh gewiss noch
funfzig Visiten, um ihren Triumph zu sichern. Keine
Dame wird an die Stelle treten, welche sie verschmäh
te, und alle Welt ist doch schon von der Darstellung
unsrer morgenden Tableaus voll. Ottokar beschleu
nigt seine Zurückkunft von der Reise, um sie zu
sehen, er trifft morgen ein, und nun ist alles zerstört!
Ich könnte vor Verdruss weinen," setzte sie hinzu, das
Gesicht in beide hände verbergend.
Aurelia benutzte diese Pause in der heftigen Rede
ihrer Mutter, um Gabrielens Ankunft zu melden. "Lass
die Kusine von Aarheim an Eugeniens Stelle treten,"
riet sie, indem sie das bange Kind hinter sich hervor
zog und vor den Rahmen hinstellte. "Die Kleine?"
fragte die Gräfin, sich emporrichtend und Gabrielen
von oben bis unten mit prüfendem Blicke betrachtend.
"Nun," fuhr sie fort, "stehen wird sie ja können; nö
tigen Falls stellen wir sie auf eine Erhöhung. Will
kommen, liebes Kind!" Mit diesen Worten