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sei es noch so schwer; dass ich keine Kluft ewiger Trennung zwischen uns reissen will. Ja ich will noch leben, weil Du es gebeutst, ich will noch leben und atmen so lange ich kann, auch wenn Du –" Tränen erstickten seine Worte. Gabriele vermochte es nicht ihm zu antworten, aber ihre hände ruhten segnend auf seinem haupt, ein dankbares Lächeln umspielte ihre Lippen, und ihr gegen Himmel gerichtetes glänzendes Auge erhob sich betend für ihn. Bange, leise, wehmütig einander zulächelnd, und doch unfähig jeder ausgesprochnen Mitteilung ihres Gefühls, wandelten in den nächstfolgenden Tagen Gabrielens Freunde neben einander her. Im schloss herrschte eine bange schwüle Stille, wie vor einem Gewitter, und auch draussen war es so in der natur. Alle Gipfel ruhten, kein Lüftchen spielte in den goldigen Blättern, sie fielen von selbst leise und langsam, man hörte das flüsternde Rieseln ihres Niedersinkens, weil kein stärkerer Ton durch den schweigenden Wald rauschte.

Gabriele blickte täglich aus ihrem Bogenfenster hinaus in die herbstliche Pracht, denn weiter zu gehen verstattete ihr ihre grosse, wenn gleich schmerzlose Mattigkeit nicht mehr. Mit jeder Stunde beinah sahen ihre Freunde die schöne Blume bleicher und immer bleicher sich neigen, aber ihr Geist loderte immer sichrer und heller auf, ihre Teilnahme an dem Leben ihrer Freunde entwickelte sich immer freudiger. Diese durften sie jetzt fast gar nicht mehr verlassen, denn sie schien mit jeder Minute des Beisammenseins noch geizen zu wollen und wendete alle ihr noch immer zu Gebote stehende Liebenswürdigkeit daran, sie alle so lange als möglich in ihrer Nähe festzuhalten. Ihr Auge wandte sich in dem kleinen Kreise mit unaussprechlicher Liebe von einem zum andern. Lächelnd suchte es den treuen Ernesto, der liebenden Freundin Mut und Licht in die Seele zu strahlen; dann ruhte es wehmütig auf Hippoliten, der, ganz in sich verloren, sich und den Schmerz, und jede Klage, selbst Zukunft und Vergangenheit in ihrem Anblick vergass, während Frau von Willnangen und Ernesto nur mit der mühsamsten Anstrengung aller ihrer Kräfte ihrem tiefen Schmerz gebieten konnten.

Gabriele redete in diesen Tagen ungewöhnlich viel von Ottokar, und von einer frohen Ahnung seines nahen Wiedersehens nach so langer Trennung. "Ernesto war nur sein Vorläufer, gebt Acht, unversehens ist er da!" sprach sie mit einer eignen Art von Gewissheit, für die sie doch selbst keinen rechten Grund anzugeben wusste, denn er hatte nur kürzlich geschrieben, und den Willen, Rom zu verlassen, auf keine Weise geäussert. Am dritten Morgen nach dem Todestage ihrer Mutter liess Gabriele etwas früher als gewöhnlich Hippoliten zu sich entbieten. Er eilte herbei. Alles im Zimmer hatte ein eigenes festliches Ansehen. Wölkchen von Wohlgerüchen durchkräuselten es in bläulichem Duft, Gabriele schien auf ihrem gewohnten Sessel im Fenster wie in einer Blumenlaube zu ruhen, denn aller Schmuck des sinkenden Jahres stand in schönen Vasen zierlich um sie her geordnet und Blumen und Früchte fügten sich im gefälligsten Vereine um ihre Umgebung zu verherrlichen. Die durch die herabgelassnen roten Vorhänge gemilderten Sonnenstrahlen verbreiteten ein lieblich-rosiges Scheinen im ganzen Gemach und liehen auch der bleichen Gabriele noch einmal den flüchtigen Schimmer der Gesundheit. Sie selbst hatte mit mehr als gewohnter Sorgfalt wie zu einem Feste sich schmücken lassen, ihre reichen Zöpfe waren zierlicher aufgeflochten, ihre Locken umkräuselten die schöne Stirn in gewählterer Form, und ein weiter, kostbarer Shawl von himmelblauer Farbe umwallte in reichen Falten die im zierlichsten weissen Morgenkleide ruhende schlanke Gestalt. Nie war Gabriele schöner gewesen als in diesem Moment, doch war ihre Schönheit nicht mehr von dieser Welt.

Freundlich winkte sie dem Eintretenden, näher zu kommen. Er tat es und sank unwillkürlich zu ihren Füssen hin, in Anbetung und Liebe verloren. Eine eigne Freudigkeit des Herzens hatte sich seiner bei ihrem Anblick bemächtigt, sie leuchtete aus seinen Augen, während er bewundernd die Hochgeliebte betrachtete. "Hippolit," flüsterte sie leise, "teurer, geliebter Hippolit! ja ich fühle es, Sie werden durch ungestümen Schmerz die heiligste schönste Stunde meines Lebens mir nicht stören; sie ist die Krone unsers Daseins, ihr darf keine andre folgen. Auch gehöre ich den Lebenden nicht mehr an; – erschrick nicht so über dieses Wort, erschrick nicht, dass ich gewiss weiss, ich werde die Sonne, die jetzt uns leuchtet, nicht mehr sinken sehen."

Mit einem kaum unterdrückten Schrei fuhr Hippolit in die Höhe, der tür zu, als wolle er Beistand, hülfe herbei rufen oder suchen, doch ihre sanfte Gewalt, ihr flehendes Auge und die innre überzeugung, dass jeder Versuch, zu helfen, hier nur quälend misslingen könne, zogen ihn wieder zu ihren Füssen hin. Sein starrendes Auge, sein Beben, sein tödtliches Erbleichen machten ihn einem Sterbenden weit ähnlicher als Gabriele es war.

"Erwache, o erwache," rief sie, "geliebtester aller Menschen, erwache und segne mit mir diese Stunde, die den lange gehegten einzigen Wunsch meines Herzens, den Lohn alles meines Strebens mir gewährt. Die Sterbende darf gestehen, was der Lebenden strenge Pflicht war, tief in der Brust, unter unsäglichen Schmerzen zu vergraben."

Ihr Auge strahlte von neuem himmlischen Feuer, ihre Wangen färbten sich, alle ihre Züge verklärten sich zu unaussprechlicher Schönheit. "Ja Dich, Dich habe ich geliebt!" sprach sie mit vor Entzücken bebender stimme, "Dich liebe ich, Dich allein, Du Einziger, Geliebtester, Du mein Hippolit, nur Dich! ich liebe Dich wie Du mich liebst, und