die ein einziger unbewachter Moment über unser Haupt rufen kann. – Der Tod," fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, "der Tod ist immer unserm Herzen nah; warum, lieber Hippolit, warum ihn noch auf demselben tragen?"
Hippolit vermochte nicht, ihr zu antworten. Nach einigem Schweigen fuhr sie fort zu reden.
"Jenes furchtbare Fläschchen, ich habe viel darüber nachgedacht und weiss jetzt, dass es ein Eigentum meines Vaters war. Sie fanden es dort in den Ruinen, die, seinem letzten Wunsch gemäss, in sich selbst versinken müssen, mit allem was sie bedecken; ist es nicht so?"
Hippolit bejahte die Frage mit einer stummen Neigung des Hauptes.
"Nichts von allem, was dort auf ewig begraben ward, darf das Licht des Tages wieder bescheinen; so wollte es mein sterbender Vater," fuhr Gabriele fort. "Darum bitte ich Sie mein Freund, ich bitte recht ernstlich, recht dringend, geben Sie der Finsterniss wieder was ihr geweiht ward. Tragen Sie noch heute, noch diesen Abend Ihren schauerlichen Fund zurück zu jenem geheimnissvollen Gemäuer, versenken Sie ihn dort in tiefe, selbst Ihnen unzugängliche Kluft. Dort mag er ruhen, in dem weiten grab wo so vieles ruht. Wollen Sie es? Wollen Sie mir die Freude gönnen, den letzten Wunsch meines Vaters auch im kleinsten Punkt erfüllt zu sehen?"
"Noch heute, noch in dieser Stunde," erwiderte Hippolit, und drückte seine brennenden Augen auf ihre liebe Hand. "Wie könnte ich je Ihrem ausgesprochnen Willen widerstreben!"
"Dank Ihnen, innigen Dank," erwiderte Gabriele, mit einem fast unfühlbaren Händedruck. "Sie haben Nachsicht mit meiner Schwäche," setzte sie matt lächelnd hinzu, "Sie spotten nicht einer vielleicht kindischen Ehrfurcht gegen den Willen der toten. Aber das Zuviel ist hier in unserm Dunkel doch noch immer dem Zuwenig vorzuziehen; nicht wahr lieber Hippolit?"
"Gabriele! himmlisches Wesen! nicht diese Engelmilde gegen mich, wenn ich nicht ganz vernichtet werden soll!" rief Hippolit tief erschüttert. "Ich fühle alles, was Sie mir verbergen und andeuten, vergebens suchen Sie es mir zu verschleiern um auch nur die idee eines Vorwurfes von Ihnen mir zu ersparen. Jene noch immer rot schimmernden Fenster der Kapelle, Ihre eigne verklärte Gestalt, sogar die Dämmerung um uns her rufen mir die Vergangenheit zurück. Alles ist wie es war, alles heute wie damals! Und doch, wie ist es auch so furchtbar anders! Kindischer Tor der ich war! dass ich damals schon das Unglück zu kennen wähnte!"
"Sie kannten es damals nicht," fiel Gabriele ein; "und glauben Sie mir, es kommt ein Tag, wo alles, was Ihr Herz heute so schwer belastet, Ihnen eben so erscheinen wird, als jetzt jener Schmerz, der damals Sie in Tod und Verzweiflung jagte, Ihnen erscheint. O mein teurer Hippolit, es kommt eine Stunde, in welcher die Erde mit all ihrem Weh unter uns zusammen sinkt und der Himmel mit seinen Freuden sich uns öffnet. Wie leicht, wie klein sehen wir dann alles, was uns vor kurzem noch so schwer, so unübersteiglich gross dünkte! Geloben Sie mir, mein geliebter Freund, geloben Sie mir, diese meine Worte nie zu vergessen. Lieber lieber Hippolit, sie nicht zu vergessen, in keiner noch so dunkeln schweren Stunde Ihres Lebens. Ach Sterben ist oft so viel leichter als Leben! Wer würfe nicht gern alles, was uns belastet, von sich, um einer geliebten entschwebenden Seele durch alle Himmel zu folgen? Doch mein edler Freund wird das Schwerere wählen, und es tragen, so lange die ewige Vorsicht es will." Gabriele streckte ihre rechte Hand gegen ihn aus, doch er legte nicht versichernd die seine hinein. Dunkel, fast verzweifelnd starrte sein blick hinaus in die Dämmerung, durch welche die Fenster der Kapelle noch immer im Abendschimmer rötlich erglänzten.
"Undurchdringliche Nacht verhüllt uns das Jenseits," sprach jetzt mit bewegter stimme Gabriele, wir ahnen seine Schrecken wie seine Seligkeit, und es ist verwegen, mit sterblicher Zunge von Göttlichem stammeln zu wollen. Doch den Rand des Grabes vergoldet ein purpurner Schein, der den ewigen herrlichen Ost uns verkündet; er heisst Hoffnung des Wiedersehens! Ach und doch wäre es möglich, dass eigenmächtiges Eingreifen in den Willen der Vorsicht eine Kluft risse, die dieses Hoffen vielleicht vernichtet, vielleicht auf Jahrtausende hinausschiebt. Längre Prüfung in andern Welten erwartet vielleicht den, der ungerufen diese verlässt. – Schrecklich, schrecklich muss es sein, furchtbar über alle Beschreibung," sprach sie lauter und heftiger; "es würde mir den Tod erst zum tod machen, wenn ich entschlummern müsste, ohne die beruhigende Zuversicht, dass alle, die ich liebe, vertrauend, wenn gleich weinend mir nachblicken werden, und dass keines von ihnen sich vom Schmerz zu einem Schritt verleiten lassen wird, der mein Hoffen eines nahen seligen Wiedersehens in der ungemessenen Ewigkeit vernichten könnte."
An allen Kräften erschöpft, bleich, leblos beinah, sank Gabriele mit diesen Worten in ihren Sessel zurück, aber ihr bittendes Auge haftete noch immer mit unaussprechlichem Ausdruck auf Hippoliten.
"Heilige! Verklärte!" rief jetzt dieser, ausser sich vor unaussprechlicher Angst, und warf sich, ihre Knie umfassend, vor ihr nieder. "O entschwebe mir noch nicht! Nimm mein Gelübde mit, dass ich Deinen Willen erfülle,