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vergehenden Brust. Es waren Worte, es waren Töne, welche der Unsterblichkeit angehören und der schwache Hauch des Erdenlebens wiederzugeben nicht vermag.

Sie sang, bis sie erbleichend, verstummend in ihren Lehnstuhl erschöpft zurückfiel. Noch eine Weile flüsterten die Harfentöne, endlich verstummten auch sie. Die zarten Lilienfinger entglitten matt den goldnen saiten und Gabrielens Auge schloss sich einige Minuten lang wie im Schlummer; doch bald öffnete es sich wieder und suchte Ihn, der, zum erstenmal in ihrer Gegenwart vom Schmerz überwältigt, in einer Ecke des Zimmers in der trostlosesten Stellung hingesunken war.

"Mein Freund! mein teurer herzlich lieber Freund! warum so?" sprach sie zu ihm. "Ich dachte Mut und Hoffnung in Ihre Seele zu singen, denn ich selbst bin sehr freudig, sehr hoffnungsreich in meinem Gemüte. Das Leben ist nicht minder kurz als schön, darum sollten wir nie die köstlichen Stunden der Gegenwart in voreiliger Trauer über eine vielleicht nahe, dunklere Zukunft verschwenden. Denken Sie daran dass ohne Trennung kein Wiedersehen möglich wäre. Und welches Wiedersehen erwartet uns dort über jenen glänzenden Welten, die durch unsre kurze Erdendämmerung leuchten!"

Es war zum erstenmale, dass Gabriele auf die Nähe ihres Scheidens so hindeutete. Hippolit glaubte dabei in neuem nie gefühltem Schmerze zu vergehen, denn das ausgesprochne unheilverkündende Wort ist weit furchtbarer als unsre trübesten Gedanken es sein können. Doch übte er auch in dieser bangen Stunde die gewohnte Kraft über sich selbst. Er erhob sich und nahete ihr mit Ergebung in seinen Zügen.

"Das Singen hat mich ein wenig angegriffen, weit mehr als ich es vermutete," sprach Gabriele sehr freundlich. "Und doch sind wir so ungestört, so traulich beisammen! ich möchte die Zeit nützen, recht gern, recht viel mit Ihnen reden, auch wohl etwas von Ihnen erbitten; ich werde ganz leise flüstern müssen. Doch das tut nichts, setzen Sie sich nur recht nahe zu mir, damit Sie mich verstehen, recht nahe, ich bitte."

Hippolit schauerte vor innerer ihm selbst unerklärlicher Angst, denn er hatte Gabrielen schon weit ermatteter gesehen als sie es in diesem Augenblicke zu sein schien; aber er nahm sich zusammen, zog ein Taburett aus dem Fenster herbei und setzte sich dicht zu ihren Füssen. Sein Auge ruhte in ihrem, ihre Hand lag kalt und regungslos in der seinen, während sie mit der ihm so bekannten anmutigen Beugung des schönen Hauptes sich gegen ihn hinneigte, und ganz leise und vertraulich zu ihm sprach.

"Sehen Sie, wie das Abendrot sich noch so glänzend dort in den Fenstern der Kapelle spiegelt? Ist es nicht genau so, wie heute vor vier Jahren –"

"Guter Gott, teure Gabriele, an welche Stunde erinnern Sie mich in diesem Momente!" rief Hippolit erbleichend aus, von unwiderstehlichem Grauen und Schrecken ergriffen.

"Ruhig, ruhig, mein Freund!" erwiderte ihn beschwichtigend Gabriele, "Sie können ja jener Stunde immer nur mit Dank und Rührung gedenken, so wie ich es auch tue. Gott würdigte mich damals des Glücks, Sie von einer grossen Gefahr zu erretten," setzte sie mit einem durch die Wolken hindurch leuchtenden, zum Himmel gerichteten blick hinzu. Dann wandte sie sich wieder an ihn, der, mit seinem Gefühle sichtbar kämpfend, jetzt wieder ruhiger da sass. "Die Vorsehung führte Sie damals vom rand des furchtbarsten Abgrundes, in den wir Verblendete versinken können, hin, auf den Weg, der zum neuen, erhöhten Dasein Sie gelangen liess. Gottes Führungen sind unbegreiflich und gütig wie er selbst. Wer hat das anschaulicher erfahren als wir beide? Darum, lieber Hippolit! wollen wir auch nie uns Eigenmächtigkeit oder Widerstand erlauben. Wir wollen immer vertrauen, immer, immer, auch wenn es recht dunkel um uns wird; jeder Nacht folgt ein hell leuchtender Tag, der alles Grauen verscheucht."

Sie schwieg einige Minuten, dann begann sie von neuem. "Vergeben Sie, wenn ich Ihnen wehe tat durch die Erinnerung an jenen grossen Wendepunkt ihrer Existenz, von dem alles Gute und Edle und Schöne ausgeht, das Sie seitdem sich aneigneten. – Ich wollte es nicht, doch was ich von Ihnen bitten wollte, hängt zu genau damit zusammen, und ich bin verlegen und weiss nicht wie ich es aussprechen soll. – Jenes Fläschchen, jener Kristall, der damals Ihren Händen entsank, den ich wenige Minuten später Ihrer Bewahrung anvertraute, bewahren Sie ihn noch? und wo?"

"Ich bewahre ihn, auf meinem Herzen," erwiderte nach kurzem Schweigen Hippolit, mit fast unhörbarem klanglosem Tone.

"Hippolit!" rief Gabriele mit ungewohnter Kraft, und richtete sich plötzlich hoch und ernst in ihrem Sessel empor. "Sie tragen das Entsetzliche auf ihrem Herzen? und seit wenn?"

"Seitseit den letzten Wochen unsers Hierseins," entgegnete Hippolit, und verhüllte sein Gesicht in die weiten Falten ihres herabhängenden Shawls.

"Mut, armer Freund, und Friede Ihrem bangem Herzen," sprach Gabriele, ihre schwachen hände strebten ihn aufzurichten, und eine warme Träne sank auf seine Stirne. "Ach Hippolit!" sprach sie mit unendlich sanfter stimme weiter, wie oft vergessen wir auf den Himmel zu bauen, wenn uns das Leben hier unter die ernste dunkle Seite zuwendet! Darum sollten wir es wo möglich nie in unsere Macht stellen, der gefährlichen wirkung des Augenblicks folgen zu können. Wir Schwache sollten schon von Ferne der Gefahr ausweichen,