's die Lieb', die wacht,
Und landet sie im Hafen,
Sagt sie: "Welt, gute Nacht!"
Ich musste still verschliessen
Was Schmerzreich mich entzückt,
Was tödtlich mich beglückt
In tiefster Brust verschliessen.
Ich musst' im Dunkel gehen
Als hell es draussen war,
Nun Schatten mich umwehen,
Nun wird es licht und klar;
Aus Sonnenschein gewoben
Mein Aeter-Kleid so blank,
Die Sprache bald Gesang
In blauen Sfären droben;
Wo mich der Engel-Flügel
Leicht trägt auf lichtem Steg',
Wo Sonnen sind mein Weg
Fern von der Erde Hügel.
Ich möchte mehr noch singen
Aus meiner tiefsten Brust,
Was Niemand war bewusst,
Es sollten's Töne klingen;
Es möchte mehr noch sagen
Die Lippe treu und bleich,
Doch sieh', es will schon tagen
Herauf aus licht'rem Reich'.
Denn, wenn die Welt geht schlafen,
Ist's Liebe noch, die wacht.
Mein Herz erblickt den Hafen;
Zu tausend gute Nacht.
Früher schon verdankte Gabriele diesem lied oft wehmütigen Trost und erleichternde Tränen; jetzt klangen sie in ihrem inneren wie Jubelgesang, wenn gleich die atemlose Brust ihm nur leise Töne noch zu leihen vermochte.
So lebte sie hin in stiller Freundlichkeit. Nur wenn sie Hippolits gedachte, des Verlassenen, dann wollte ihr das Herz brechen bei dem Gedanken an den langen, einsamen, freudenarmen Lebensweg, der von nun an öde und düster sich vor dem Freunde durch eine unabsehbare Wüste hoffnungslos ausdehnen musste; und all ihr Streben ging nun dahin, seine Zukunft ihm wenigstens mit frohen Erinnerungen auszustatten, zu schmücken. Daher zeigte sie sich Hippoliten wie seine stille Ergebung es glorreich verdiente. Sie war ihm die liebendste Schwester, die innigste teilnehmendste Freundin, und jeder Tag brachte ihm neue rührende Beweise des reinsten, von keinem irdischen Hauche befleckten Vertrauens. Die Tage schwanden, der Sommer flog vorüber, immer tiefer senkte sich die Sonne und der Wald schmückte sich abermals mit Purpur und Gold. Wieder ging der Sterbetag von Gabrielens Mutter auf, doch diessmal feierte sie ihn in frommer stiller Heiterkeit, gleich einem Feste der Auferstehung, nicht des Todes. Der kalte Stein, der die geliebte Hülle bedeckte, ward nach ihrer Angabe mit einer Fülle reicher Blumenkränze geschmückt, statt der Zypressen, die sie einst mit frommer Hand gewunden hatte. Von ihr selbst blieben ebenfalls alle ihr sonst an diesem Tage gewohnten äussern Zeichen der Trauer entfernt, und kein langes schwarzes Gewand, kein dichter Kreppschleier verhüllte sie. Wie immer in blendendes Weiss gekleidet, sass sie am Abend des festlichen Tages an ihrem gewohnten platz in einem grossen Bogenfenster; die seitwärts in das Eckzimmer fallenden letzten Strahlen der untergehenden Sonne verklärten ihre blonden Locken zur himmlischen Glorie, genau wie an jenem für Hippolit unvergesslichen Abende, da dieser fast an der nehmlichen Stelle bewundernd ihr nachsah, als sie den dunkeln Lindengang hinabschwebte. Sie blickte hinaus in die herbstliche Wolkenpracht, die rosig und golden im tief-blauen Aeter verglühte; überirdisches Lächeln schwebte auf dem verklärten Angesicht, ihr dunkelstrahlendes Auge haftete mit dem Ausdrucke des unaussprechlichsten Entzückens auf der schimmernden Ferne, als schwebe aus ihr eine geliebte Gestalt herbei, und ihre Lippe regte sich unhörbar leise wie im Gebet.
Ernesto und Frau von Willnangen hatten es nicht vermocht, der heitern Feier dieses Tages länger zuzusehen, deren Deutung sie nur zu wohl verstanden; sie hatten beide sich entfernt, um in gegenseitigen Klagen neue Kraft zu suchen, und niemand war bei Gabrielen geblieben als Hippolit. Schweigend betrachtete er sie, und wagte es kaum zu atmen, um sie nicht zu wekken. Auch er ahnete, von ihrem Gefühl durchdrungen, welche Gebilde ihrem Auge jetzt vorüberschweben mochten; ihm war, als empfinde auch er die Nähe der an diesem Tage zur ewigen Freude eingegangnen Mutter, der halb schon Verklärten, und kalt und geheimnissvoll hauchten Schauer aus einer andern Welt ihn, den Lebenden, an.
Wie ein Engel, der vom Himmel herabschwebt, um Sterblichen von seinen Freuden Kunde und Gewissheit zu geben, wandte Gabriele sich dem geliebten Freunde endlich wieder zu; sein Herz erwärmte sich an ihrem blick, es war, als wolle sie zu ihm sprechen, als wolle sie irgend etwas wichtiges ihm vertrauen, doch schien sie bald wieder anders entschlossen, und bat ihn nur mit den Augen, ihr die Harfe zu reichen, die seit mehreren Tagen von ihr unberührt in einer Ecke lehnte. Hippolit gehorchte wie immer ihrem Winken, und nun begann unter ihren schwachen zarten Händen leise und langsam ein fremdartiges Tönen, gleich dem Nachhall himmlischer Lieder. Endlich erhob sich auch ihre süsse stimme, lieblicher, herzdurchdringender als Hippolit sie jemals gehört hatte, wenn gleich unendlich zart und leise. Es war gleichsam ein innerliches Singen, ein wunderbar-ergreifendes Heraufklingen aus der Tiefe ihres Herzens.
In kurzen abgerissenen Sätzen, oft unterbrochen von Harfenklängen, die, der Erdensprache erst Bedeutung gebend, wie zur Erläuterung forttönten, wenn diese wortarm verstummen musste, sang Gabriele ein regelloses Lied, von der Begeisterung des Augenblicks eingegeben.
Nie hatten ihre Freunde diese Gabe der Dichtkunst in ihr vermutet, die jetzt erst neu in ihr erwacht, der halb schon dem irdischen Leben Entschwebten eine nie zuvor von ihr geübte Sprache lieh. Gleich dem Schwane, der nur dann zum erstenmale mit süssen Klängen die Sterne begrüsst, wenn sie zum letztenmale die stille Flut ihm versilbern, auf welcher er sterbend wogt.
Gabrielens Lied sang alles Hoffen, Sehnen, Erwarten ihrer in Himmelswonne