ernsten Scherze und frohem Ernste, in ewig rascher Teilnahme und stetem unterhaltendem Wechsel der sie aufregenden Gegenstände. Ihnen selbst schien ihr Glück unermesslich. Doch leider sank es nur zu bald wieder, wie alles Glück dieser Erde.
Gabriele vermochte nur kurze Zeit alle den Wonnen und Schmerzen zu widerstehen, die stärker als je zuvor heimlich auf sie einstürmten. Ihre Kräfte schwanden eben so schnell, als sie wiedergekehrt waren, und ihre Lieben begannen von neuem, sie und einander mit immer hoffnungsloserem Blicke zu betrachten; besonders Ernesto. Er allein las deutlich in Gabrielens Herzen alles unausgesprochne Weh, unter dessen Last es erlag, und sein eigenes drohte vor Schmerz und Reue zu zerspringen, wenn er daran dachte, dass er Jahre vorher mit prophetischem geist alles vorhergesagt habe, was jetzt in trauriger Erfüllung ihn der Verzweiflung nahe brachte, und dass er doch dabei verblendet genug gewesen sei, um nicht Hippolits Rückkehr zu Gabrielen aus allen Kräften zu verhindern. Er begriff es nicht, wie es ihm möglich gewesen, später die Gefahr zu übersehen, welche die Nähe des schönen liebenswerten Mannes, verbunden mit seiner heissen, edlen, alles opfernden Liebe ihrem Frieden, ja ihrem Leben bringen musste. Die drei Jahre, welche, wie er wusste, Gabriele mehr zählte als Hippolit, hatten freilich aus der Ferne ihm ihr verhältnis zu diesem verschoben und ihn einem Irrtum zugeführt, den Gabriele mit ihm teilte, bis auch sie zu spät ihn erkannte. Das einzige, woran er sich noch aufrecht zu halten vermochte, waren jetzt Ottokars, auf Moritzens baldigen Tod gebaute Hoffnungen, die er diesem bis jetzt aus Schonung des Freundes nur halb zugegeben hatte. Indessen ward in dieser Zeit das Leben in Schloss Aarheim das rührendste und erfreulichste, das schmerzlichste und seligste, das man zu erdenken vermag. Gabriele wandelte unter ihren Lieben wie ein schöner verklärter Geist, der schmerzensfrei nur die Seligkeit empfindet, welche die Gegenwart der geliebtesten Freunde zu gewähren vermag. Niemand wagte es, in ihrem Beisein nur durch einen blick den bangen vorahnenden Schmerz auszusprechen, der allen am Herzen nagte, ja sie vergassen ihn oft, in ihrer erhebenden Nähe. Es war als ob Gabriele jetzt am rand des Grabes noch die Quintessenz des Lebens geniessen wollte, denn sie sammlete alles, was jemals es ihr verschönt hatte, mit zartem Sinn und fern von aller Ziererei um sich her: erheiterndes Gespräch, bildende Kunst, Poesie und Gesang. Sie nahm an allem teil mit ewig frischem jugendlichem Geist; nichts, was Trauer bezeichnet, keine noch so ferne Andeutung von Scheiden, von Trennung durfte ihr nahen. Ihre innre Heiterkeit stieg mit jedem Tage, je tiefer ihre körperlichen Kräfte sanken, ihr ganzes Wesen bezeichnete nur die innigste Liebe zu ihren Freunden und die reinste Freude an dieser schönen Welt. Ihre Blumen, ihre Vögel, alles was schon ihre Kindheit beglückt hatte, musste wieder um sie her gestellt werden, und sie liebte das alles und pflegte es, soviel es ihr möglich war, wie sonst. So genoss sie lächelnd, wie zur Zeit ihrer herrlichsten Blüte, jede kleinere Freude, welche die natur beut, und verlor sich in bewunderndem Entzükken vor der höheren Pracht, die mit unendlichem Reichtum in den wilden Umgebungen ihres Wohnortes sich täglich neu entfaltete.
Hippolit ertrug den Schmerz, den keine Sprache nennen kann, mit unbeschreiblicher Gewalt über sich selbst. Er ging ganz in den Geist der Hochgeliebten ein, lebte nur in ihr, lächelte wenn sie lächelte, und schien nur von dem Licht ihrer Augen Worte und Bewegung zu empfangen. Nie wich er von ihrer Seite, so lange es ihm vergönnt war, bei ihr zu weilen. Ihr nahe, vermochte er es, sein Herz zusammen zu drükken, und seinen unaussprechlichen Schmerz wie seine glühende Liebe zu beherrschen; denn Gabrielens heilige Gegenwart erhob ihn über Tod, Trennung und Grab. Keine Klage kam über seine Lippen, keine Träne in seine Augen, bis die Nacht ihn und seinen ausbrechenden Jammer verhüllte.
Gabriele bewachte minder ängstlich als sonst ihr Benehmen gegen ihn und suchte nicht mehr ganz so wie ehemals ihm den Grund ihres Gemüts zu verschleiern. Manche Ahnung des ganzen Umfangs der unnennbaren Seligkeit, die ihm hier vor seinen Augen unterging, durchschauerte den Armen mit allen Freuden des himmels und versenkte ihn in selige Träume, aus denen er leider mit dem Gefühl des Unglücklichen wieder auffuhr, der im Schlafe den Himmel offen sah, und aufgerüttelt zu jahrelanger Pein, im Kerker wieder erwacht.
Nicht minder unaussprechlich als Hippolits Schmerz war auch das tiefe, unsägliche Mitleid, welches Gabriele für ihn empfand, denn sie fühlte für ihn den unendlichen Jammer seines treuen liebenden Herzens. Sie selbst war beglückt in der seligsten Hoffnung, und die nahe Trennung, deren Gewissheit ihr an jedem Morgen deutlicher entgegentrat, erschien ihr nur als ein Schritt aus dem Dunkel zum Lichte, zur sicheren, ewigen Vereinigung, deren nahe Seligkeit sie schon hier vorempfand. Abends, wenn wieder einer ihrer Tage zur Ewigkeit hinabsank, wiederholte sie jetzt in der unbelauschten Einsamkeit ihres Zimmers oft die einfachen Worte eines Liedes, welches sie unter den Papieren ihrer verehrten Mutter gefunden hatte. Hier ist es:
Gabrielens Abendlied.
Zur letzten Tages-Stunde
Flammt goldner noch das Licht,
Spricht mit dem Purpur-mund;
"Ich gehe schlafen nicht;
Unsichtbar, zu dem Osten
Zieh' ich den Sternen-Pfad;
Auch Du sollst Aeter kosten,
Den frisch der Morgen hat."
Wenn all' die Welten schlafen,
So ist