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"Diese sogenannte Welt," sprach sie, "der wir von Kind auf so manches schwere Opfer bringen müssen, ist doch beim Lichte besehen, ein sehr schwankendes Kameleonartiges Wesen; jeder von uns hat seine eigne, die Hofdame wie die Schneidersfrau, so wie man sagt, dass auch jeder seinen eignen Regenbogen hat; jeder ehrt nur die seine und ignorirt alle übrigen, und am Ende läuft es mit allen diesen ideellen Welten, wie mit dem Regenbogen auch, nur auf eine optische Täuschung hinaus. Millionen Regentropfen, von denen ein einzelner doch nur sehr wenig ist, setzen vor unsern Augen das stattliche Fantom zusammen, das im kühnen Bogen die halbe Erde zu umfassen scheint, und wenn wir die einzelnen Glieder der Menge betrachten, deren gesammtes Urteil uns so bedeutend dünkt, dass wir es zur Richtschnur unsrer Handlungen erheben, so möchte die Mehrzahl derselben wohl auch nicht viel grösseren inneren Gehalt haben als solch ein kleiner farbloser fader Wassertropfen."

"Sie sprechen aus meiner Seele," rief Hippolit mit ungewohnter Lebhaftigkeit. "Warlich ja, Sie haben recht! Wir brauchen nur die Einzelnen recht ernstlich ins Auge zu fassen, die wir, in unsrer idee zu einem Ganzen versammelt, als Richter über Glück und Unglück anzusehen uns gewöhnten, um verachtend, und über unsre bisherige Verblendung lachend, aus der schimpflichen Knechtschaft zu scheiden."

"Sachte, sachte, junger Freund," erwiderte freundlich wenn gleich mit aufgehobnem drohendem Zeigefinger Frau von Willnangen. "Was ich andeuten wollte, war nicht ganz so gemeint, wie Sie es nehmen. Nie soll man, ohne die äusserste Not der öffentlichen Meinung den Krieg ankündigen. Eine grosse Masse, sie sei zusammengesetzt wie sie wolle, ist immer etwas Furchtbares und hat Ansprüche auf unser Nachgeben in billigen Dingen; sie rächt sich schwer und sicher, wenn wir es ihr versagen. Indessen muss ich mich aber doch zu dem Glauben bekennen, dass es Fälle geben kann, in welchen es erlaubt, sogar billig ist, einmal eine Ausnahme von der grossen Regel zu machen und sich nicht viel um das zu kümmern, was die andern etwa sagen möchten. Zum Glück aber sind diese Fälle obendrein gewöhnlich solche, bei denen gerade diese aus Leuten zusammengesetzte Welt, trotz ihrer gewohnten Kälte und ziemlicher Absurdität, dennoch zuletzt sich bewogen findet, uns beizustimmen."

Frau von Willnangen schwieg hier, doch da niemand das Gespräch fortzusetzen den Mut bezeigte, nahm sie nach einer kleinen Pause es wieder auf. "Ich glaube," sprach sie, "dass die Frage, ob der Graf uns nach Schloss Aarheim begleiten soll oder nicht, gerade zu jenen Fällen gehört, deren ich eben erwähnte. Man hat sich seit langem schon gewöhnt, ihn als zu uns gehörend zu betrachten, man hat sich schon tausend mal darüber so müde gesprochen und gewundert, dass man vielleicht sogar recht erfreut wäre, durch sein Hierblieben während wir fortgehen, neuen Anlass zur Verwunderung und zu Mutmassungen zu erhalten. Ueberdem bin ich überzeugt, dass das, was man über seinen Besuch auf Schloss Aarheim sagen könnte, so wenig von dem verschieden sein wird, was man bis jetzt wahrscheinlich schon gesagt hat, dass es deshalb wohl schwerlich der Mühe verlohnen möchte, uns ein Entbehren aufzulegen, welches wir alle drei doch schmerzlich empfinden müssten."

"Ich bitte, lassen Sie uns in dieser Stunde noch nichts entscheiden," nahm jetzt Gabriele das Wort. "Morgen sind wir ruhiger, dann sehen wir alle heller, was zu tun ist, was nicht? Ich würde es dann vielleicht am liebsten Hippolits eigner Entscheidung überlassen, ob er sogleich in diesen Tagen uns begleiten will, oder ob er es für besser hält später meiner Einladung zu folgen wenn –" eine kleine augenblickliche Schwäche verhinderte sie hier zu vollenden und zwang sie Ruhe zu suchen. Ernestos höchst unerwartete erfreuliche Erscheinung machte am folgenden Tage allem Zweifel und allem Beraten über diesen Gegenstand ein Ende. Er stand plötzlich in der Mitte seiner Freunde, ohne dass einer von ihnen seine nahe Ankunft nur geahnet hatte, denn der Brief, der sie Hippoliten verkünden sollte, war verspätet oder vielleicht verloren; ein gar nicht ungewöhnlicher Fall auf den italienischen Posten. Hippolits beängstende Darstellungen von Gabrielens Zustand, vereint mit Ottokars dadurch veranlasster und mit jedem Tage wachsender Besorgniss um sie, hatten ihn aus seinem geliebten Rom getrieben. Er wollte selbst sehen, helfen, retten, trösten wo es Not tat, und nun schien bei seinem lange entbehrtem Anblicke Gabrielen neues Leben zu durchströmen. Sie eilte auf die erste Nachricht seiner Ankunft ihm entgegen, fröhlich und leicht, fast wie ehemals; ihre bleichen Wangen rötete die Freude und ihr ganzes Wesen schien mit einemmale alle bange Besorgnisse ihrer Freunde vernichten zu wollen.

Ernesto und Frau von Willnangen erklärten scherzend den Anstand für völlig abgefunden, jetzt da die Damen nicht mehr nur einen, sondern zwei Männer des Glückes würdigten, sie begleiten zu dürfen, und Gabriele hatte ihre eignen stillen Gründe, ihren Freunden hierin nicht zu widersprechen.

Die Reise ging vor sich, wenige Tage nach Ernestos Ankunft, und unter den frohesten Hoffnungen, zu denen Gabrielens fortwährendes Wohlbefinden Alle zu berechtigen schien. Die Luft ihres Geburtsortes, die Ruhe, die Stille, der balsamische Waldeshauch bewirkten augenscheinlich ein Wunder, dessen Anblick alle Bewohner der Burg mit unbeschreiblicher Freude erfüllte. Nur Ernesto hatte dem kleinen Kreise dieser durch die innigsten Bande vereinigten Menschen noch gefehlt; mit ihm war erst das rechte Leben unter sie gekommen, im