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dem Weinen nahverwandtes Lächeln um die sanftgeschlossnen Lippen. Eine ängstlich unbestimmte Ahnung ergriff dann oft das Herz der Frau von Willnangen, denn ihrem stets wachen Blicke durfte auch nicht die kleinste Bewegung ihres Lieblings entgehen. Zuweilen stiegen aber auch in solchen Momenten freudigere Hoffnungen in ihr auf, ähnlich denen, welche Ottokar sich zum Troste ersann. Ernestos frühere Briefe aus Italien hatten die edle Frau längst zur Vertrauten Hippolits gemacht, ohne dass dieser es ahnete, und sie bemerkte jetzt in schweigender Bewunderung, wie treu er seine glühende Liebe und seine bange sorge mit gleicher Anstrengung und, wie sie glaubte, auch mit gleichem Glücke Gabrielen zu verbergen suchte. Nur wenn der Zufall die Freundin der Heissgeliebten mit ihm allein zusammenbrachte, dann rief ein einziger zitternder Druck seiner Hand, ein einziger schmerzenvoller blick ihr seine innere Qual weit deutlicher zu, als Worte es vermocht hätten. Doch blieb jede laute Klage fern von ihm; denn, wo hätte er anfangen sollen und wo enden? Aber das weiche Herz der Frau von Willnangen zerfloss dennoch in Mitleid mit dem Armen. "Lassen Sie uns auf den Frühling hoffen, guter Graf Hippolit!" sprach sie in solchen Stunden ihm oft zum Troste. "Im Frühlinge richten alle Blumen sich wieder auf, auch unsre schöne Freudenblume wird in ihm wieder erblühen, lassen Sie uns nur getrost die nahe Zeit erwarten." Der Frühling kam, mit seiner Herrlichkeit, mit seinem milden belebenden Hauche. Ueberall sprossten neue Blumen, überall erwachte das schlummernde Leben, aber Gabrielens Zustand blieb sich gleich, ohne alle merkliche Abänderung weder zum Schlimmern noch zum Guten, und die bange ängstliche Besorgniss ihrer Freunde stieg peinlicher mit jedem Tage. Endlich kam es dahin, dass den Aerzten nichts übrig blieb, als die gewöhnliche Zuflucht in Fällen, wo ihre Kunst sie verlässt, der Rat: Heil und Genesung in einem ruhig ländlichen Aufentalte und in frischer Waldesluft zu suchen.

"Ja auf dem land!" rief, als sie dieses vernahm, Gabriele mit ungewohnter Lebendigkeit. "Ja auf dem land, da werde ich genesen; in Schloss Aarheim, wo ich geboren ward! Dortin liebe Frau von Willnangen, dortin bringen Sie mich, dort wird es mit mir besser werden, ich weiss es. In den Armen meiner zweiten Mutter werde ich in Schloss Aarheim alles Weh schwinden sehen, und ein neues Leben beginnen!"

Eine eigne Bangigkeit bemächtigte sich der Frau von Willnangen bei diesen, in fast prophetischer Begeisterung ausgesprochnen Worten, so tröstlich sie übrigens klangen, und auch Hippolit, der eben zugegen war, fühlte sich sonderbar dabei ergriffen. Gabriele bemerkte es, und strebte durch erheiterndes Gespräch den Eindruck wieder zu verlöschen, den sie unwillkührlich bei ihren Lieben erregt hatte. Sie sprach viel von der wilden ernsten Pracht ihres Gebürges und von dem ehrwürdigen Ansehen und Alter ihrer Burg.

"Sie können mich jetzt doch nicht verlassen!" setzte sie hinzu, den bittenden blick zur Frau von Willnangen erhoben. "Sie müssen ja die Wiege ihres Kindes sehen, und den Ort, wo meine Mutter lebte; ach! wie werden meine armen alten Burgbewohner sich wundern und freuen, wenn sie die Nievergessene in ihrem hochverehrten Ebenbilde wieder unter sich wandeln zu sehen glauben werden!"

"Mein Kind, mein herzliebes Kind, meine Gabriele!" rief Frau von Willnangen und nahm sie recht liebend in ihre arme; "wie könnte ich jetzt von Dir gehen, so lange Du meiner Pflege noch bedarfst? Mögen die Meinigen noch immer mich ein Weilchen entbehren; Auguste hat ihre Kinder und den Oheim, die geben ihr Freude und Beschäftigung, wenn gleich Adelbert, von mancherlei Geschäften behindert, jetzt wenig daheim ist. Ich weiss, sie selbst würde mich schelten, wenn ich ohne die Gewissheit deiner völligen Genesung zurück käme."

Beide Frauen vertieften sich nun im gespräche über die Vorkehrungen zu dieser kleinen Reise, die sie, von Gabrielens sehnsüchtiger Ungeduld getrieben, gleich in den nächsten Tagen anzutreten beschlossen. Hippolit blieb dabei ein stummer Zuhörer, während Gabrielens hochklopfendes Herz ihr nicht erlaubte, ihm nur einen blick, vielweniger ein Wort, zuzuwenden. In banger Ungewissheit sprach sie immer fort, sie wusste kaum was, bis Frau von Willnangen, die nur zu gut sie verstand, sie aus dieser Verlegenheit zog.

"Und Sie, Graf Hippolit! wo bleiben Sie?" fragte diese, den freundlichen blick ihm zugewendet, da Gabriele eben von der Wahl des Fuhrwerks sprach.

"Und ich!" erwiderte er mit einem Ton, in welchem all sein Wünschen, sein Hoffen, sein sehnendes Erwarten lag.

Gabriele fühlte in den tiefsten Tiefen ihres Herzens diesen Ton wiederhallen. "Mag Frau von Willnangen entscheiden, ob wir in Abwesenheit meines Gemahls den Grafen nach Schloss Aarheim einladen dürfen;" fiel sie hoch errötend ein, und wagte es nicht die Augen dabei aufzuschlagen, um durch keinen blick den Ausspruch der Freundin zu leiten.

"Ich sehe nicht recht ein, warum wir es nicht dürften," erwiderte nach sehr kurzem Bedenken Frau von Willnangen, mit möglichster Gleichgültigkeit, und blickte dabei recht ämsig auf ihre Arbeit, um beide zu schonen; doch niemand antwortete ihr. Es entstand eine für den Moment recht drückende Pause, der Frau von Willnangen nur dadurch ein Ende zu machen wusste, dass sie begann, etwas umständlich ihre Meinung von dem q'uen dira-t-on, und von der Nachgiebigkeit, die man ihm schuldig ist, aus einander zu setzen.