fragen und Bitten, denen sie nichts bestimmtes entgegen zu setzen hatten. Oft wenn es ihm im haus zu enge ward, lief er hinaus auf die Strasse und starrte hinauf zu denen verödeten Fenstern, aus welchen so manches freundliche Grüssen und Winken ihm sonst entgegengelächelt hatte, bis die vorübergehenden Leute stille standen und ihn verwundert angafften. Dann erschrak er beschämt über seine Unvorsichtigkeit, eilte fort und nahm sich von neuem vor, so lange Gabriele atme, strenge zu halten was er ihr gelobte.
Endlich kam ihm Trost, denn noch ehe die Antwort auf Hippolits Brief zu erwarten gewesen wäre, erschien Frau von Willnangen selbst. Sie hatte sich gleich nach dem Empfang desselben in ihren Wagen geworfen. Hippolit empfing sie wie man einen Rettung und Heil verkündenden Engel empfängt; er hätte gern dankbar ihre Knie umfasst, da sie ihm entgegentrat. "Nun wird alles, alles gut, und Gabriele uns wiedergeschenkt!" rief er beinahe jubelnd aus, während er sie bis zur tür des Zimmers der geliebten Kranken mehr trug als geleitete.
Hippolit hatte mit prophetischem Geist gesprochen. Freude über das unverhoffte Wiedersehen der teuern Beschützerin ihrer Jugend, vielleicht auch sorgsamere Pflege von der Hand der Freundschaft übten an Gabrielen eine höchst wohltätige Wunderkraft aus, so dass die ärzte sie nach wenigen Tagen für gerettet erklären konnten. Freilich vergingen von nun an noch Wochen, bis sie, völlig hergestellt, das Zimmer verliess, doch Hippoliten war es unter dem Schutze der Frau von Willnangen jetzt zuweilen erlaubt, sie zu sehen, und mehr bedurfte es nicht, um ihm das Leben wieder liebzumachen.
Der Tag, an dem sie am arme ihrer Freundin zum erstenmal aus ihrem Zimmer hervorging, war ihm ein heiliges fest. Unwillkürlich beugte er das Knie, als die rührende Gestalt, leicht und äterisch, wie eine Auferstandne ihm entgegenschwebte. Sie wollte ein paar freundliche Worte ihm lächelnd sagen, aber der Atem fehlte ihr; nur ein leises Rot, wie der Abglanz, den die vollblühende Zentifolie auf die neben ihr stehende silberweisse Lilie wirft, überflog mit einem flüchtigen Hauche das schöne Gesicht, während Hippolit, ebenfalls schweigend, die Hand der Frau von Willnangen dankbar an seine Lippen drückte und nur den feuchten glänzenden blick zu Gabrielen erhob. Gabriele fand ihren Gemahl mit Anstalten zu einer grossen Reise vollauf beschäftigt. Die Bäder von Pisa und die wärmeren italienischen Lüfte waren ihm als einziges Rettungs- und Linderungsmittel verordnet worden, und er hatte Gabrielens Herstellung bis jetzt mit der grössten Ungeduld erwartet, weil er auf ihre Begleitung rechnete. Doch ihre fortdauernde Schwäche schien die Möglichkeit derselben auf viele Monate hinausschieben zu wollen, und er, der wenig Zeit zu verlieren hatte, sah sich desshalb durch den Ausspruch der ärzte genötigt, einstweilen, wenn gleich ungern, darauf zu verzichten. Ein geschickter angehender Arzt, der gerne diese gelegenheit benutzte, Italien zu sehen, erbot sich indessen, während der Reise die Pflege des Kranken zu übernehmen, und sein Erbieten wurde um so lieber angenommen, da ihn Moritz schon seit geraumer Zeit als einen vorzüglich heitern Gesellschafter und ausgezeichnet-guten Schachspieler kannte.
Nach der Abreise ihres Gemahls blieb Gabriele in so wunderbar-schwankendem Zustande zurück, dass Frau von Willnangen es gar nicht wagen mochte, ihre Rückreise nach Lichtenfels zu den Ihrigen nur zu erwähnen. Zwar war Gabriele eigentlich nicht mehr krank zu nennen, denn kein merkliches Fieber, kein entschieden-schmerzhaftes Empfinden quälte sie am Tage oder raubte ihren Nächten den Schlaf. Ihr Auge strahlte heller als je, ihr ganzes Wesen zeugte von erhöhtem inneren Leben, aber eine unerhörte Mattigkeit lähmte und hemmte jede, noch so wenig anstrengende Aeusserung desselben, und zwang sie oft Stundenlang, nur mit den Augen zu ihren Lieben zu sprechen. Jeder Tag schien sanft und linde die Lösung eines nahen Bandes der gefesselten Psyche zu beginnen, die schon jetzt freier sich bewegte und, halb der ewigen Heimat zugewendet, dem schwindenden Erdenleben noch wie zu guter Letzt alle Liebe und Teilnahme zeigte, die sie ihm noch zuzuwenden vermochte.
Abends sank Gabriele oft wie halb vernichtet hin, wenn die fragelustige Schar gewöhnlicher Besuche an ihr vorübergerauscht war, denen sie jetzt während der Entfernung ihres Gemahls wenigstens auf ein paar Stunden des Tages ihre tür öffnen musste, wollte sie um der Welt willen sie nicht auch zugleich Hippoliten verschliessen.
Die Kunst der berühmtesten ärzte der Residenz wurde aufgeboten; Frau von Willnangen wachte mit unermüdlicher Sorgfalt über die geliebte Tochter ihres Herzens, und war nur bedacht, Unangenehmes oder Schädliches von ihr zu entfernen. Hippolit brachte alles herbei, war es noch so selten, noch so schwer zu erhalten, was er nur irgend zur Erquickung oder Pflege der geliebten Leidenden ersinnen konnte; doch ihr Zustand blieb immer und unabänderlich derselbe. Früh, beim ersten Morgengrusse, fand Frau von Willnangen sie oft in wehmütigem Nachdenken versunken, aber so wie die Freundin sich zeigte, erglänzte ihr blick wie gewöhnlich; sie winkte sie zu sich und lehnte schmeichelnd das Haupt voll lichter Locken an ihre Brust; ein liebseliges Lächeln glitt über dem bleichen gesicht hin, wie ein winterlicher Sonnenstrahl über ein Schneegefilde, und die durchsichtig zarte blendende Hand strich freundlich unter beruhigenden Schmeichelworten jede sorgliche Falte von der Stirne der geliebten mütterlichen Frau. So blieb Gabriele gewöhnlich den ganzen Tag über, bis sie Abends, gänzlich erschöpft, dem Schlummer sich zuneigte, stets liebevoll, freundlich und ihren Freunden in heitrer Aufmerksamkeit zugewendet. Nur wenn ihr blick auf Hippoliten, von ihm ungesehen, ruhen konnte, dann zuckte zuweilen ein schmerzliches,