aus. Ruhiger setzte er dann hinzu: "Ich sehe es aus Ihrem Schmerze, ich fühle es in meiner Brust, es war nicht Gabriele selbst, die vorhin jene entsetzlichen Worte zu mir sprach, aus dieser reinen Seele konnten sie nicht kommen. Ich ahne fremde Einwirkung; vielleicht war es Ihr Gemahl, vielleicht sogar – nein ich frage, ich forsche nicht weiter," setzte er schnell hinzu, da er Gabrielens Bewegung bei diesen Worten bemerkte; "ich will sogar jetzt Sie der Ruhe überlassen, deren Sie so sichtlich bedürfen, ich gehe freudig, denn ich darf zur glücklichen Stunde wieder kommen, und bin nicht verbannt." Der Zustand, in welchem Gabriele nach Hippolits Entfernung allein zurückblieb, lässt sich kaum in Worte fassen. Lange ruhte sie in jener stillen wehmütigen Ermattung, der treuen tröstenden Nachfolgerin zerreissender Schmerzen, in der wir es nicht wagen, uns zu regen, kaum zu atmen, und nur ganz leise, leise uns sagen: es ist überstanden!
Vieles war in der Tat überstanden. Die Qualen gehässiger, dem Neide und dem Misstrauen doch immer nah verwandter Eifersucht waren aus Gabrielens reiner Brust gewichen; das Opfer, welches sie der Pflicht und dem Glücke des Geliebten mit brechendem Herzen zu bringen bereit gewesen, wurde nicht von ihr gefordert und er war unwandelbar derselbe geblieben, in verschwiegner Liebe, stiller Ergebung und fester Treue! Das freudige Gefühl gänzlich niederzukämpfen, das bei diesem Bewusstsein unter Schmerzen und Wonnen in ihr rege werden musste, überstiege wohl jede menschliche Kraft.
D o c h allmählich gelangte sie zu hellerem Ueberdenken dessen, was die so ganz veränderte Ansicht ihres Verhältnisses und selbst der nächste Moment von ihr fordern mochten. Sie rief sich mit aller möglichsten Treue ihr Betragen und jedes ihrer Worte während der eben durchlebten erschütternden Scene zurück, und gewann wirklich die beruhigende überzeugung, sich und ihr geheimnis Hippoliten auf keine Weise verraten zu haben. So konnte sie denn mit der Vergangenheit zufrieden sein; für die Zukunft blieb ihr kein Ausweg, als nach Hippolits Beispiel ihr Inneres fest zu verschleiern und übrigens, getreu der Tugend und ihrem eignen inneren Gefühl des Rechten, mutig und getrost auf der gewohnten Bahn fortzugehen. Ihr klarer Sinn erkannte zu gut den Unterschied zwischen Schuld und Unschuld, zwischen Pflicht und überspannter Unnatur, als dass sie bei diesem Entschlusse sich der Unwahrheit gegen Hippoliten oder ihren Gemahl hätte zeihen können. Und so war sie denn abermals bereit, ihrer eignen überzeugung gefassten Sinnes zu folgen. Jene innere Feigheit, die uns verleitet, einem unausweichbarem Schmerze so lange als möglich aus dem Wege zu gehen, war Gabrielens entschlossnem Gemüt stets fern geblieben, daher gewann sie es auch diesesmal über sich, Hippoliten noch am Abend des nehmlichen Tages in Moritzens Beisein wieder zu sehen. Er fand sie wie sonst, freundlich und mild, wenn gleich übrigens ermattet und bleich, und war zu glücklich im Gefühle des alten unzerstörten Verhältnisses zu ihr, als dass er sich beobachtenden Mutmassungen über die nächste Vergangenheit hätte hingeben mögen. Beide wandelten eine Weile neben einander so hin, er ohne Hoffen, fast ohne Wunsch, weil jeder seinem der innigsten Ergebung geweihten Gemüte anmassend dünkte. Sie in aller Wonne des Bewusstseins, so geliebt zu sein, in aller Qual eines ewigen fruchtlosen Kampfes mit sich selbst, in ewiger Anstrengung, jeden ihrer Blicke, jedes ihrer Worte zu bewachen, um nicht zu verraten, was ihre bewegte Brust oft bis zum Zerspringen erfüllte.
Das Letztere gelang ihr so, dass in Hippolits Seele keine Ahnung dessen kam, was sie ihm verbergen wollte; ihr Geist siegte unter dem heiligen Schutze der Tugend, doch ihre körperliche Kraft erlag der ungeheuern Anstrengung. Moritzens höchst beschwerliche Pflege während seiner langen Krankheit mochte ohnehin ihre sonst so blühende Gesundheit untergraben haben, sie erkrankte, und die herbeigerufnen ärzte erklärten ihr Uebel für um so bedeutender, da man sogar nicht einen Namen dafür sogleich aufzufinden wusste.
Fast zu gleicher Zeit kehrte auch Moritzens peinliches Leiden mit verdoppelter Heftigkeit zurück, und Hippolit sah sich zwischen beiden Krankenzimmern in einer ganz unbeschreiblichen Lage. Während Herr von Aarheim durch alle die vielen Ansprüche an ihn seine Geduld aufs äusserste brachte, hätte Hippolit jede Minute mit einem Tage seines künftigen Lebens erkaufen mögen, in der es ihm vergönnt gewesen wäre, Gabrielen nur aus der Ferne zu sehen. Aber das Herkommen, das man so gern strenge Sitte nennt, hielt unerbittlich Wache an ihrer tür, und übergab die angebetete Frau der Pflege gemieteter hände. Gabriele, in deren Bewunderung sich sonst alles erschöpfte, wenn sie, von Glanz und Pracht umgeben, sich zeigte, sie, der sonst überall die innigsten Freundschaftsversicherungen entgegenstürmten, sie fand jetzt in der ganzen grossen volkreichen Stadt keine einzige liebende Seele, die sich ihrer Pflege angenommen hätte. Dass der Tante längst bekannte Scheu vor Krankenzimmern diese und auch Ida von diesem ebenfalls entfernt hielt, versteht sich von selbst; aber auch die treue Annette war nicht zugegen, denn sie lebte jetzt in Lichtenfels, wo sie an einen der dortigen Beamten recht glücklich verheuratet war.
Hippolit schrieb in seiner Todesangst an Ottokar, an Ernesto, an Frau von Willnangen, die er gar nicht kannte, er hätte mit einem einzigen Schrei die ganze Welt zu hülfe rufen mögen, und musste sich begnügen, an der tür ängstlich zu lauschen, bis der Arzt oder jemand von Gabrielens Bedienung heraustrat und ihm versicherte, dass sie noch atme. Die ärzte wichen ihm aus, wo sie nur konnten, denn er quälte sie mit