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ausgebreitet hält. Der Frau von Willnangen hohe Gestalt, der ruhige, milde Ausdruck ihres noch immer schönen Gesichts eignete sich ganz zum Bilde einer stillen, heitern Sommernacht. Zu ihren Füssen schlummerten zwei liebliche, blonde Genien, der eine war mit Mohnblumen geschmückt, der andre, mit der ausgelöschten Fackel, trug einen Kranz von Zypressen. Bunte, fantastische Traumgestalten drängten sich hinter ihr, unter ihnen stand Gabriele, als ein trüber, Unheil verkündender Traum, in ihren langen, schwarzen Schleier gehüllt, unter welchem die goldglänzenden Locken tief herabrollten. Beim Lampenlicht, mitten unter rosenwangigen, schimmernden Gestalten schien sie, ohne alle Schminke noch blässer als sonst. Sie glich Pygmalions Meisterwerk bei der ersten Regung des erwachenden Lebens. So glühend strahlte ihr dunkles Auge aus dem Marmorgesicht, denn ihr blick traf auf Ottokarn, der in einiger Entfernung in ihrem Anschaun verloren stand.

Alle Anwesende erklärten einstimmig dieses Tableau für die Krone von allen, welche dieser genussreiche Abend an ihnen vorüber geführt hatte.

"Ich stimme gern mit Ihnen ein," sprach Ernesto, "denn die Erfindung dieser Gruppe ist nicht mein, ich habe nur die Träume hinzugefügt. Ich bildete sie nach einer Zeichnung meines leider viel zu früh unter der Pyramide des Cestus zur Ruhe gegangenen Freundes, Carstens," fuhr er mit bewegter stimme fort. "Lange fesselte ihn ein trübes Missgeschick, das wie ein böser Zauber auf seinem Leben ruhte und ihn verhinderte, aus dem Reich der Formen in das der Farben zu dringen. Und da es endlich überwunden war, da sein hoher Genuss die Flügel freier zu regen begann, da entschwand er uns ganz. Die Kunst wird ewig um ihren Liebling trauern, um so mehr, da jetzt ein dem seinen ganz entgegen gesetztes verderbliches Streben unter ihren Jüngern täglich herrschender wird."

Die Gesellschaft musste nun ernstlich zum Aufbruch eilen, denn das Stampfen der Pferde unter den Fenstern mahnte sie immer lauter. In dem dadurch entstehenden Gewimmel fand sich Gabriele plötzlich neben Ottokar. Er beugte sich freundlich zu ihr herab und ergriff ihre zitternde Hand. "Ich fürchte keine bösen Träume mehr," flüsterte er ihr zu, "seit ich die Vorbedeutung des Unglücks so anmutig erscheinen sah." Der fortwogende Strom der Gesellschaft riss ihn im nämlichen Moment fort, ohne dass Gabriele zur Antwort Zeit gewann.

Aus Gabrielens Tagebuche.

Ich fürchte keinen bösen Traum mehr, seit mir die Vorbedeutung des Unglücks so anmutig erschien! Sprach er nicht so? Warum musste ich auch dieses Mal, nur stumm mich verneigend, vor ihm stehen und vermochte nicht, ihm zu antworten? Ach, weil ich bin, was ich zu sein schien, weil mein ganzes Dasein ein schwerer, banger Traum ist! Immer ringe ich nach dem Erwachen; bin ich einst erwacht, dann, Ottokar, dann werde ich zu dir sprechen, dich fragen, dir antworten können, und, gewiss! du wirst mich verstehen. Wie oft versuchte ich es schon, sein Bild auf dem Papier fest zu halten! aber ich ermüde im fruchtlosen Streben. Ja, wenn ich mit den Zügen seines Gesichts auch die unbeschreibliche Harmonie in seinem ganzen Wesen wiederzugeben vermöchte! Er ist immer er selbst! ganz und ungeteilt er selbst, in jeder seiner Bewegungen, in jedem seiner Worte, im Scherz wie im Ernst! Nur er, einzig er kann so dastehen, so sprechen, so aussehen, und doch ist es nicht seine Gestalt allein, die ihn vor allen auszeichnet, es ist der Einklang, die Uebereinstimmung in seiner ganzen Erscheinung. Wo lebt der Künstler, der diese darzustellen vermöge? Ohne sie bleiben meine Bilder leblos und starr, bei aller übrigen Aehnlichkeit gleichen sie Wachsbildern, die das Leben ungeschickt nachäffen wollen, und ich muss sie vernichten, denn sie erregen mir Grauen. Nichts wollen, nichts wissen, nichts wünschen als Lieben, sich selbst vergessen im Glück des geliebten Wesens, ohne Erwiederung zu hoffen oder zu wünschen, stellt uns den Engeln gleich, ist Vorgefühl himmlischen Glücks! So lehrtest du mich, meine Mutter! Warum bin ich denn nicht glücklich? Warum treibt unerklärliche Unruhe mich rastlos umher? Warum beklemmt meine Brust ein Wünschen, ein etwas Erwarten von der nächsten Minute, für das ich sogar nicht einen Namen habe? Könnte ich nur einmal recht Grosses, recht Schweres für ihn vollbringen, ohne dass er ahnete, von wo es aus ginge. Könnte ich, ungesehen von ihm, ein trübes Geschick, ein grosses Unheil von seinem geliebten haupt auf das meinige lenken und dann, in mich geschmiegt und still aus meinem Dunkel hinauf zu ihm blicken und mich in seinem freudigen Lächeln sonnen. Dann, dünkt mich, wäre ich ruhig und glücklich für mein ganzes übriges Leben. Nie werde ich mich darüber trösten, dass meine Mutter starb, ohne ihn gesehen zu haben. Ach hättest du Verklärte ihn gekannt, wie lieb wäre er dir geworden! Wie glücklich ich im Anschaun von euch geliebten Beiden! arme Pflanzen, die sie verstiess, weil ihr verblüht seid, wie will ich euch pflegen und lieben! Ich fand sie heute alle im Vorsaal, die schönen Blumen, welche Ottokar Aurelien an ihrem Geburtstage schenkte; verdorrt, losgerissen von ihren Stäben, mit Staub bedeckt, erkannte ich sie kaum. "Sie taugen nur noch zum Wegwerfen," sprach Aurelia, "sie sind verblüht." "Ja," setzte sie mit komischem Patos hinzu, "sieh hier, gutes Kind, das Bild