aufmerksam ward, Gabrielen einiges erwiderte, und ihre Antworten ihn immer mehr ins Klare setzten, da suchte er nur den Zweck eines Scherzes aufzufinden, der so ganz dem bittersten Ernste glich, und den er dafür zu nehmen sich doch unmöglich entschliessen konnte. Zum erstenmal erschien Gabriele ihm fremd und unbegreiflich; er geriet dadurch in eine peinliche Spannung, die sie ebenfalls verkannte, weil auch sie, vom Gange ihrer eignen Ideen hingerissen, ihn nicht mehr verstand. Seine immer steigende Verwirrung, seine unzusammenhängenden Reden schienen ihr ein Bekenntniss, das ihm, sie fühlte diess in seiner Seele, freilich schwer werden musste, vor ihr auszusprechen. Ihr Herz brach dabei, aber ihre stimme, ihre Blicke blieben fest, ihre Augen trocken, als sie nun endlich in deutlichen Worten sich erbot, selbst für ihn bei Ida zu sprechen.
Als wäre aus blauer Luft ein Blitzstrahl vor ihm niedergeschmettert, so, von bleichen Schrecken ergriffen, fuhr Hippolit jetzt von seinem Sessel auf; sie sank völlig erschöpft zurück, und eine bange Pause entstand, während welcher kein laut den bebenden Lippen beider sich zu entringen vermochte.
"Ist es möglich?" rief endlich Hippolit mit unendlich schmerzlichem Ton und blick. "Gabriele! was habe ich verbrochen, dass Sie s o mich strafen? Jetzt erst verstehe ich Ihre Meinung; ich werde zum zweitenmal verbannt. Doch weshalb? und warum so? O Gabriele! und warum eben so? Wie ist es möglich, dass ich so ganz und gar keiner Schuld mir bewusst bin, und doch schwer genug gefehlt habe, um d i e s e s zu verdienen? Ich sehe es wohl, gnädige Frau! ich habe Ihre achtung, mein einziges Glück verscherzt, denn Sie, Sie sonst so wahr und offen gegen jedermann, Sie sind es nicht mehr gegen mich!"
Vom Schmerz überwältigt, wandte sich hier Hippolit mit verhülltem Gesicht von Gabrielen ab, während sie vergebens nach Atem rang zu beruhigenden tröstenden Worten.
"Gnädige Frau," begann Hippolit wieder mit einem ganz eignen, an Verzweiflung gränzenden Ausdrucke, "ich flehe," rief er halb knieend, "ich flehe darum wie ein Schwerverwundeter um den Tod, sagen Sie mir: ich sei unwürdig in Ihrer Nähe zu atmen, sagen Sie mir, ich soll fort, ich soll aus der Welt, ich will nicht mehr fragen, warum? denn sie können nicht ungerecht sein; aber sagen Sie es mir nur unumwunden, geben Sie es mir nur nicht so zu v e r s t e h e n , nur nicht s o ! O mein Gott, nur nicht s o !"
"Ich wollte – ich will Ihr Glück!" hauchte Gabriele fast unhörbar.
"Mein Glück!" erwiderte Hippolit, "Sie wollten mein Glück! und zeigen mir deshalb, dass es noch ein höheres Unglück für mich gibt als das, von Ihnen verbannt zu sein, ein Unglück, dessen Möglichkeit ich vor einer Stunde noch nicht ahnen konnte! Gabriele achtet mich nicht mehr ihrer Befehle würdig, sie will mich nicht ausdrücklich verbannen, sie will mich v e r t r e i b e n . Dagegen freilich ist Verbannung Seligkeit!" rief er, wie ausser sich. Doch mitten im höchsten Sturme seines empörten Gemüts fiel ein Strahl aus Gabrielens jetzt überquellenden Augen auf ihn und er verstummte. Gefasster näherte er sich ihr nach einigen Augenblicken, und betrachtete sie mit immer steigender Wehmut.
"Oder wäre es möglich? konnten Sie wirklich wähnen?" fragte er jetzt so sanft und leise als er es nur vermochte, "konnten Sie es? Nein es ist unmöglich! eben so unmöglich, als dass Sie zu einer Ehe ohne Liebe mich führen, mich zum Heuchler, zum Meineidigen herabwürdigen wollten. Verzeihung, dass ich in dieser Trostlosigkeit einen Gedanken nur zu berühren wage, der Ihnen so fern steht. Einmal nur noch würdigen Sie mich Ihres Vertrauens, um meine Zweifel zu lösen," setzte er bittend hinzu, "Ihr Schweigen treibt mich sonst dem Wahnsinn entgegen, ich flehe darum, erklären Sie mir, was meine schwachen Sinne zu begreifen nicht vermögen."
Gabriele sammelte jetzt alle ihre Kraft, um ihm mild und begütigend die zitternde Hand wie zur Versöhnung zu reichen. Er hielt sie, doch wagte er es nicht, sie an seine Lippen zu drücken, sein Auge ruhte in angstvoller Erwartung auf dem ihrigen. "Ich wollte Ihr Glück," wiederholte sie endlich, "ich will es stets, ich werde es immer wollen, möge diess Ihnen genügen, forschen Sie nicht weiter."
"Mein Glück?" rief er sehr bewegt. "Und wo ist es ausser bei Gabrielen? O lassen Sie es stets nur bleiben wie es war! ich verlange ja nichts Höheres. Lassen Sie mich nur in Ihrer Nähe, nur täglich Sie sehen, mehr will ich nicht, doch hieran hängt mein Leben."
"Gabriele!" fuhr er nach einer kleinen Pause fort, "Sie sind bewegt, erschöpft, und alles in dieser Stunde Vorgegangne ist mir so unbegreiflich! doch ich frage nicht, ich forsche nicht. Nur ein blick, ein Wink sage mir, dass auch Sie des Gegenstandes dieser Unterredung nie wieder erwähnen wollen, nur diess gewähren Sie mir, und ich bin wieder ruhig."
Mit schmerzlichem Lächeln hob Gabriele das trübe Auge zu Hippoliten auf und senkte hocherrötend schnell es wieder.
Ein blick drückte Hippolits Dank