, sogar Argwohn erregen wollte. Im Aeussern war so wenig abzuändern, und in ihrem inneren, das fühlte sie mit überzeugung, konnte es nie anders werden. Trennung von ihm konnte sie zwar vor Verrat ihres heiligsten Geheimnisses bewahren, aber sein Bild stand auf ewig in unverlöschlichen Zügen ihrem Herzen eingegraben, und Abwesenheit oder Gegenwart galten hier gleich.
Schnell wie ein Blitzstrahl durchzuckte sie plötzlich der Gedanke: wie wenn auch ihn heilige Pflichten bänden! wenn er, glücklich an der Seite eines geliebten Wesens, von selbst sich nach und nach entfernte, und beseligt durch alle die süssesten Bande des häuslichen Lebens, nun immer seltner käme, zuletzt ganz ausbliebe? Tausendmal schöner und reizender als sie gestern Ida gesehen hatte, schwebte diese ihrem geist vorüber; abermals sah sie Hippolit in Bewunderung des anmutigen Wesens verloren, der ganze Abend des vergangenen Tages, selbst Moritzens plumpe Scherze und Anspielungen kehrten ihr zurück, und alle Schmerzen der fürchterlichen Nacht, die darauf folgte, wurden wieder in ihrem Busen wach. Ida ward das Gebilde ihrer Fantasie, das sie zu ihrer eignen Qual mit jedem Liebreize verschwenderisch sich schmückte. Je länger sie es betrachtete, je überzeugter ward sie, dass nur dieses jugendlich schöne Wesen wert sei, den Gegenstand ihrer eignen glühenden Liebe zu beglücken, dass es für ihn geschaffen, einzig bestimmt, von ihm geliebt zu sein. Ein neuer schwerer Kampf erhob sich in ihrem Gemüte, aber auch aus diesem trat ihr besseres Selbst bald wieder siegreich hervor. edlen Seelen gilt die schwerste Pflicht oft für die einzige, daher ward auch bald in Gabrielens Gemüte der Entschluss fest: Hippoliten selbst zu einem Schritt aufzufordern, zu welchem ihre Einwilligung zu erbitten, ihm vielleicht der Mut gebrechen möchte. Ihr Gefühl bei dem Gedanken an die Ausführung dieses Entschlusses lässt sich nicht in Worten aussprechen, aber sie schwelgte in ihrem Schmerz, ohne Linderung zu suchen, als in dem Bewusstsein, das Rechte erwählt zu haben, für sich und für ihn. Eine zweite, wenn gleich minder stürmisch, doch nicht minder schmerzlich durchwachte Nacht führte endlich den Morgen herbei, den Gabriele dem höchsten Opfer geweiht hatte, das sie der Pflicht und dem Glück des Hochgeliebten bringen zu müssen glaubte.
Die bängste sorge um sie, die er ernstlich krank glaubte, trieb indessen Hippoliten lange vor der sonst gewohnten Stunde an Gabrielens tür. Er war die ganze Nacht hindurch bis zum grauenden Morgen vor ihrem haus auf- und abgegangen, hatte zu ihren Fenstern hinaufgeblickt und diese mit unaussprechlicher Angst von einem weit helleren Licht erleuchtet gesehen, als die verschleierte nächtliche Lampe geben konnte, deren schwachen Schimmer er in ruhigen Nächten so oft von dieser Stelle aus beobachtet hatte. Er sah an den herabgelassenen grün-seidenen Rouleaus Gabrielens Schatten einigemal vorüberschweben; er hielt ihn für den ihrer, um sie beschäftigten Frauen, und dachte vor ungeduldiger sorge dabei zu vergehen. Um so freudiger überraschte ihn jetzt die kaum gehoffte erlaubnis, sie sehen zu dürfen; denn die kurze Trennung eines einzigen Tages dünkte dem Verwöhnten, schon unerträglich lange gewährt zu haben.
Anfangs stockte das Gespräch. Gabriele schwieg oft und lange; sie schien bleich und erschöpft, Hippolit glaubte sie noch immer körperlich leidend, und verhielt sich ebenfalls still und in bescheidner Entfernung, um ihr nicht lästig zu werden; er war ja zufrieden, sie nur zu sehen.
Mit der äussersten Anstrengung ihrer geistigen Kraft begann Gabriele endlich, das, was in ihr so stürmisch wogte, ruhig zur Sprache zu bringen. Idas Name glitt zuerst fast unverständlich über ihre Lippen, doch nach und nach ermutigte sie sich. Immer lebhafter werdend, sprach sie endlich von ihr, ihrer Schönheit, ihrer Anmut, ihren geistigen Vorzügen, wie eine Begeisterte; auch war sie es in diesem Moment durch das Bewusstsein des mit fast übermenschlicher Kraft errungnen Sieges über sich selbst.
Hippolit hörte ihr indessen mit lächelndem Beifall zu, wie man etwa die geistreiche Beschreibung eines schönen Gemäldes anhört. Er war so himmelweit davon entfernt, nur eine Ahnung von dem zu haben, was Gabriele mit ihren Worten eigentlich meinte, dass er sogar nur jetzt erst durch sie wieder an Idas liebliche Erscheinung erinnert ward, die ihn zwar während eines flüchtigen Moments recht angenehm beschäftigen konnte, die aber sammt den Ereignissen des mit ihr verlebten Abends, über der Besorgniss um Gabrielen von ihm gänzlich vergessen worden war. Die unerwartete Gegenwart der Gräfin Rosenberg hatte ihn damals wie immer sehr unangenehm berührt, denn er ward durch sie stets an Herminien und an einen Abschnitt in seinem Leben erinnert, dessen er nie ohne tiefe Beschämung und Reue gedenken konnte. Bewacht von ihren scharfen stehenden Augen, die ihn immer verfolgten, als wollten sie seine geheimsten Gedanken erspähen, mochte er es in ihrem Beisein kaum wagen, Gabrielen anzusehen, doch da er gern unbefangen und heiter erscheinen wollte, so war er darüber in jenen ihm sonst fremden Ton geraten, in welchen Ida so meisterhaft einzufallen wusste, dass sie ihn viel weiter mit sich fortriss als er es anfangs gemeint hatte.
Jeder von uns hat ja wohl im Leben erfahren, wie leicht man gerade in recht trüber Stimmung, um diese zu verbergen, sich den Schein ungewohnter Lustigkeit zu geben sucht, die dann leicht in ein wildes freudenloses Toben ausartet, und späterhin in nur noch herberen Schmerz sich auflöst.
Gabriele, durch Hippolits schweigende Aufmerksamkeit in ihrer Ansicht immer mehr bestärkt, begann indessen immer deutlicher das anzudeuten, was sie meinte, ohne dass Hippolit sie verstand. Und als er endlich denn doch