wunderliches Schämen hemmte ihre Worte. Sie dachte darauf, sich selbst auf einige Minuten bei der Tante zu beurlauben um nach ihm zu sehen, aber auch dazu fehlte ihr Entschlossenheit. So kämpfte sie eine ziemliche Weile mit sich selbst und ward immer ernster, als der vermeinte Gegenstand ihrer sorge ihrer überlegung ein ganz unerwartetes Ende brachte, denn Moritz selbst trat in ihr Zimmer, was er lange nicht gewagt hatte.
Heiter und wohl, wie er es seit Monden nicht gewesen, wollte er seine Gemahlin durch diesen Besuch angenehm überraschen, und ward selbst durch das lustige Treiben überrascht, in das er hier ganz unerwarteter Weise hineingeriet, und das ihm in diesem seinen Anflug von guter Laune höchst willkommen war.
Die Stunden flogen, der Abend verging ehe man es dachte. Idas naiver Witz zeigte sich unerschöpflich, ihre Fröhlichkeit unverwüstlich, so dass Moritz nach ihrer Entfernung nicht aufhören konnte, sie und den angenehmen Abend, den sie ihm gewährt hatte, zu preisen. Er erinnerte sich mit einemmale, schon in Schloss Aarheim eine stille Neigung Hippolits zu dem reizenden Mädchen bemerkt zu haben, alle jene alten Neckereien und Anspielungen, mit denen er seinen jungen Freund dort oft genug gelangweilt hatte, wurden wieder hervorgeholt, und mit ernsten Ermahnungen begleitet, das Glück ja zu ergreifen und festzuhalten, so lange es ihm lächle.
Hippolit erwiderte wenig; er stand da, in ängstlicher Verlegenheit, die Moritzens Vermutungen zu bestätigen schien, und dachte nicht daran, sich gegen Angriffe zu verteidigen, die er kaum vernahm. Denn er sah Gabrielen bleich und leidend im Sofa hingesunken, ohne sichtbare Teilnahme an dem Geschwätz, in welches Moritzens lange nicht geübte Redseligkeit, überströmend von Albernheiten, sich ergoss. All sein Sinnen und Denken ging nur dahin, den überlästigen Schwätzer auf eine schickliche Art zu entfernen, um ihr, die er krank glauben musste, endlich die nötige Ruhe zu verschaffen. Es gelang ihm zuletzt, ihn auf sein Zimmer geleiten zu dürfen, aber noch in der tür wandte Moritz sich um. "Allons Madame" rief er Gabrielen laut lachend zu, "ne faites pas la sainte Nitouche! Mustern Sie nur morgen mit Sonnenaufgang Ihre Mirten und Rosen zum Brautkranze, ersinnen Sie ein recht elegantes Hochzeits-Cadeau; vous en aurez besoin; sehen Sie nicht hier das leibhafte Bräutigamsgesicht? Wie trübselig der arme Teufel da steht! Courage, mon ami! La petite non sarà crudele; Courage! faint heart never won fair Lady." Ein langer mühsam verhaltner Strom heisser bittrer Tränen machte Gabrielens gepresstem Herzen Luft, sobald sie sich allein sah. Ernsteres Nachdenken folgte diesem während einer unendlich langen schlaflosen Nacht, bis hell und klar, wie die eben aufgehende Sonne der Abgrund von Unglück vor ihr lag, an dessen rand sie bebte, ohne die Möglichkeit, sich abzuwenden.
Ja, sie musste es sich endlich, ohnerachtet alles inneren Widerstrebens, selbst gestehen, es war Liebe was sie empfand, heisse glühende Liebe, die sie jetzt nur an ihren Qualen erkannte, und o wie himmelweit verschieden von jenem Ideale, mit welchem ihre sanfte, der unbedingtesten Hingebung geweihte Mutter schon in früher Kindheit ihr junges Herz erfüllt hatte! Wie fern stand ihr jetzt jener kindliche Glaube, dass Liebe in sich beglücke, und nur das unbedingte Glück des Geliebten fordere, um dieses irdische Leben zum seligen der Engel zu erheben. Ihr ungestüm pochendes Herz, sie konnte es sich nicht ableugnen, es forderte Gegenliebe, Treue, Nähe des Geliebten; ihr Auge verlor sich in undurchdringliches Dunkel, im welchem all' ihr Wünschen, ihr Sehnen, ihr Hoffen unausgesprochen und unaussprechlich verschwebte.
Reuevoll, mit schmerzlich gerungenen Händen, warf sie sich vor dem wehmütig lächelnden Bilde ihrer Mutter hin, wie vor dem einer Heiligen, und betete zur ihr um Mut, um Kraft und Beistand, sich aus den mächtigen Zauberbanden loszuwinden, die sie umstrickt hielten. Sie überdachte alles früher mit Hippoliten Erlebte; sein erstes Auftreten bei ihr, die Scene im Gärtchen, die spätere in der Kapelle; vergebens! Aus dem Ideal von Hoheit und Schöne, das jetzt vor ihr stand, war jede Spur jenes wilden unbesonnenen Knaben gewichen, ihn konnte sie zurückstossen, doch dieses musste sie lieben, mit all der schwärmerischen Anbetung, die ihr sonst nur als Dichtertraum erschienen war.
Um sich zu retten, rief sie Ottokars Andenken herauf aus ihrem Herzen, es sollte ihr helfen zum Sieg über eine leidenschaft, deren verzehrende Glut sie mit Schrecken erfüllte. Alle frühere Erinnerungen ihrer Jugend wurden von ihr hervorgesucht, vor allem jenes Tagebuch, dessen Blätter auch das flüchtigste Empfinden ihres Gemüts während jener Zeit, die sie mit Ottokar verlebte, treu aufbewahrten. Sie wollte sich der Untreue gegen ihn anklagen, sie las, und sah mit Erstaunen, je weiter sie las, dass sie dem ersten geliebten Freunde ihres neuen jugendlichen Herzens nicht untreu sei. Was er ihr gewesen, war er ihr noch immer; der Stern ihres Lebens, zu dem sie ohne Wunsch hinaufblickte in Freude und Leid, dessen blosses Dasein sie tröstete in allem Zweifel, allem Bangen, allem Ueberdrusse ihres freudenarmen Lebens. Zu ihm allein hätte sie sich mit allen ihren Schmerzen flüchten mögen, ohne Furcht ihn zu beleidigen, in aller Zuversicht des reinsten Vertrauens, um von ihm zu lernen, wie man über sich selbst Macht gewinnt.
Immer klarer ward sie, je weiter sie in ihrem Tagebuche las; sie gewann es über sich, ihr ganzes Ich als ein Fremdes