haben mochte, und die einmal der Dunkelheit entrissne, vor kurzem noch so unbedeutende Ida trat ganz unerwartet als eine leuchtende Sonne hervor, deren Glanz alle ihre Umgebungen überstrahlte. Der Gräfin Rosenberg Haus ward durch Ida wieder, was es stets gewesen war, der Mittelpunkt aller guten Gesellschaft in der Residenz, sie selbst schwamm in Seligkeit, und vergötterte beinahe die kleine Zauberin, welche alle diese Wunder bewirkte.
Zwar war Ida himmelweit davon entfernt, Gabriele zu sein; ihre Talente, ihr Wissen, waren nur ein oberflächlich Erlerntes, auf den Licht-Effekt berechnet; aber eben diese Licht-Effekte hatte sie meisterhaft studirt. Dazu besass sie den Reiz der Neuheit, der frischesten Jugend und obendrein eine seltne Fähigkeit, fremde Liebenswürdigkeit sich anzueignen. Sogar das Mondenlange Zusammenleben mit Gabrielen hatte sie, wenigstens für das Aeussere, vorteilhaft zu benutzen gewusst, und nichts bezeichnet sie besser, als das französische Wort: je ne suis pas la Rose, mais j'ai habité avec elle.
Begleitet von diesem ihrem jungen glänzenden Lieblinge, trat nun die Gräfin eines Abends ganz unerwartet in Gabrielens Zimmer ein, um ihre vielgeliebte Nichte einmal wieder zu sehen, nach der sie sich, ihrer Versicherung nach, Mondenlang vergebens gesehnt hatte. Sie erklärte, den ganzen Abend bei ihr bleiben zu wollen und etablirte sich förmlich mit ihrer Knötchen-Arbeit auf dem Sopha, um dieses zu beweisen, denn der heutige Tag war eben ein allgemeiner Busstag gewesen, der ohnehin still und mitunter auch wohl langweilig selbst von denen zugebracht werden musste, die wie die Gräfin und Ida im ewigen Wechsel des Vergnügens sich herumzudrehen gewohnt sind. Der seltne Besuch der Tante ward von Gabrielen mit gewohnter Holdseligkeit empfangen und auch Idas beinahe ungestüme Liebkosungen wurden so von ihr erwidert. Wie entzückt, warf sich diese ihr in die arme, und ward nicht müde, ihrer Freude über dieses lang ersehnte Wiedersehen Worte zu geben.
Mit innigem Wohlgefallen und stiller Bewunderung betrachtete indessen Gabriele das, alle frühere Erwartungen weit hinter sich lassende Erblühen des jugendlichen Wesens, das noch in diesem Moment durch ein, bei Hippolits Anblick aufleuchtendes freudiges Strahlen der schönen Augen unendlich reizender ward. Sie liess Ida lächelnd gewähren, wie man einem artig spielenden kind den Willen tut, als diese nun mit anmutiger Geschäftigkeit sich der Verwaltung des Teetisches bemächtigte, dabei die in Schloss Aarheim selig verlebten Tage pries, und überhaupt alle ihre kleinen Künste spielen liess, um sich so interessant und liebenswürdig als möglich zu zeigen. In Gabrielens reine Seele kam noch immer keine Ahnung von diesen Künsten, unerachtet ihre genaue Bekanntschaft mit der Welt sie in dieser Hinsicht wohl hätte einsichtiger machen können. Sie aber war zu wahr geblieben, um an das Falsche oder Schlechte zu glauben, ehe Tatsachen davon sie unwidersprechlich überzeugten. Und so wie sie als sechszehnjähriges Kind die jugendliche frische Farbe ihrer schon damals mehr als vierzigjährigen Tante bewundert hatte, eben so liess sie sich auch jetzt zehn Jahre später, von der gutgespielten kindlichen Naivetät eines achtzehnjährigen Mädchens blenden, ohne in ihr die geübte Schauspielerin zu erkennen. Das Vergnügen, mit dem sie dem anmutigen Wesen zusah, stieg mit jeder Minute, ihr Auge suchte endlich Hippoliten auf, um auch ihn zur Teilnahme daran aufzufordern, doch sie ward gewahr, dass es dessen nicht bedürfe. fest gebannt, alle seine Aufmerksamkeit ausschliessend dem reizenden Geschöpfe zugewendet, sah sie ihn hinter Idas Stuhl stehen, die glänzenden Augen nur auf diese geheftet, und ein ganz eigenes stechendes Weh durchbebte in dem Momente ihre Brust.
Ida ward immer lebendiger in ihren Bewegungen und im gespräche. Die ihr ganz eigne Grazie in all' ihrem Tun wurde immer sichtbarer, und Hippolit geriet dadurch nach und nach in eine ihm jetzt seltne fröhliche Laune. Unter dem Vorwande, ihr wie wohl ehemals in Schloss Aarheim geschah, bei ihrem Geschäfte helfen zu wollen, rückte er sich einen Stuhl dicht neben den ihrigen, verwirrte lachend und schäkkernd die Tassen, reichte ihr den Rum statt des Rahms, warf Zucker in die Tassen die dessen nicht bedurften, liess sich von ihr ausschelten ohne sich desshalb zu bessern, und trieb tausend kindische Possen, worüber sie herzlich lachen musste, was ihr über die massen wohl stand, und ihn zu immer neuen lustigen Einfällen hinriss.
Die Gräfin sah dem artigen Spiele des schönen jungen Paars mit unverhehltem Vergnügen darüber zu, und begann nach Art älternder Frauen, auf diese Stunde Pläne für ihre Ida zu bauen, die sie durch manchen heimlichen Wink auch Gabrielen mitzuteilen versuchte; doch diese war nicht gestimmt, sie zu verstehen.
Mit nie empfundner Angst fühlte sie in ihren Augen aufsteigende Tränen, sie wollte nach dem Beispiel der Andern den heimlichen Schmerz weglachen, aber es war ihr unmöglich. Je lustiger jene wurden, je ernster ward sie. Zum ersten mal in ihrem Leben dünkte sie sich launig, verdrüsslich zu sein; sie strebte, ihre Verstimmung wenigstens zu verbergen, da sie nicht vermochte sie zu unterdrücken, und zuletzt hielt sie dieses sogar für überflüssig, denn sie glaubte zu bemerken, dass niemand sie beachte. Hippolit wie die Tante, hatten nur Augen für Ida, die ihren Mutwillen immer höher trieb, und dabei immer reizender ward, während Gabriele in immer steigender Angst den Abstand ihres inneren Missmuts mit der allgemeinen Stimmung empfand.
Es ist Besorgniss um Moritzen, was so mich quält, dachte sie endlich, er ist so verlassen, vielleicht schmerzlich leidend, in seinem einsamen Zimmer. Sie wünschte Hippoliten an ihn zu erinnern, aber ein