Uebel kämpfen, ehe es ihn überwältigte.
Einst, nicht lange nach seiner Ankunft, überraschte Hippolit Gabrielen, eben da sie zitternd vor Frost, in der unfreundlichsten Jahreszeit, bei weitgeöffneten Türen und Fenstern den atemlosen Kranken unterstützte, der für seine gequälte Brust nur in der fürchterlichsten Zugluft einige Erleichterung fand, und sie dabei in seinem bewusstlosen Zustand fest umklammert hielt. Der Anfall ging vorüber und Hippolit gewann Zeit und Kraft, Gabrielen zu betrachten, welche, mitleidige Tränen im schönen Auge, erschöpft hinsank.
Sein Herz stand still vor Entsetzen, da ihm in diesem Momente die Gefahr plötzlich entgegenstarrte, der sich dieses zarte Wesen täglich aussetzte. Und für wen?
Die auf ihren vorher so bleichen Wangen schnell erblühende tiefe Röte, das ungewohnte Strahlen ihrer Augen bezeichnete sie seinem vorahnenden Herzen auf einmal als eines jener Opfer, welche der langsam heranschleichende Tod erst mit überirdischer Schönheit schmückt, ehe er sie früh und auf immer erbleichen lässt.
Von ungeheurer Angst getrieben, ergriff er nun die erste einsame Stunde mit ihr, um sie um Schonung für sich selbst anzuflehen. Es war die erste Bitte, die er seit seiner Rückkehr aus Italien an sie wagte; wenn sie sie ihm gewährte, sollte es auch die letzte sein, diess gelobte er auf das Heiligste. Gabriele konnte sie ihm weder versagen noch gewähren, und Hippolit sah sich dadurch gezwungen, sie von nun an gleich einem teuern Kleinod argwöhnisch zu bewachen. Er beschloss, so viel Zeit als möglich in ihrem haus zuzubringen, entstehe daraus was da wolle, um nur gleich zur Stelle zu sein, wenn der Kranke so gefahrvollen Beistand verlange. Denn eigensinnig wie immer erklärte dieser, ihn nur von seiner Gemahlin oder Hippoliten annehmen zu wollen.
Die Welt, eigentlicher was man in grossen Städten die Welt zu nennen pflegt, begann freilich hier und da des glänzenden Fremdlings stete Anwesenheit im Aarheimischen haus zum Ziel ihrer Bemerkungen zu machen; doch in der Abgeschiedenheit, in welcher Gabriele jetzt lebte, vernahm diese wenig davon. Weniger noch Hippolit. Denn sowohl sein Aeusseres, als die Erinnerung an sein Betragen gegen Adelberten waren ganz dazu geeignet, jedermann den Mut zu einem unziemenden Scherze gegen ihn zu benehmen.
Und so war Hippolit jetzt glücklicher als er es je zu werden gehofft hatte; er war es in der überzeugung, dass es ihm wirklich gelänge, zur Erhaltung und Erleichterung des geliebten Wesens beizutragen, für das er mit Freuden sein Leben hingegeben hätte. Ein freundlicher Stern schien dabei sein Bemühen zu begünstigen, denn Moritz ward bald darauf scheinbar besser, wie das bei Kranken seiner Art zuweilen wohl auf kurze Zeit geschieht, und er ermangelte nicht, diess einzig der treuen Pflege seines jungen Freundes zuzuschreiben. Seine beängstenden Anfälle verliessen ihn einstweilen fast gänzlich, dafür aber stellte sich seine alte Feindin, die Langeweile, wieder ein, und er machte jetzt weit stärkere Ansprüche als je zuvor auf Hippolits und Gabrielens Gesellschaft in den Abendstunden.
Um der Unterhaltung eine leidliche Wendung zu geben, trug Hippolit allmählich alle seine in Italien gesammelten Kunstschätze herbei. Gemälde, Zeichnungen, Kupferstiche, kleine Antiken gaben Moritzens Zimmer gar bald das Ansehen eines Museums. Wunderbarer Weise bildete dieser sich mit einemmale ein, ein grosser Kunstkenner geworden zu sein; da indessen seine Redseligkeit durch sein Uebel sehr gehemmt ward, so war er weit weniger störend als sonst, und blieb gewöhnlich nur ein grösstenteils stummer Zuhörer von dem, was Hippolit und Gabriele mit einander sprachen. Er behauptete indessen sehr ernstlich, diese Unterhaltungen, besonders Hippolits Erzählungen ungemein ergötzlich zu finden, spielte aber dabei doch mit sich ganz allein eine Schachpartie nach der andern, wie Philadelphia sie in seinem Schachbuche vorschreibt, sammt allen Abänderungen jedes einzelnen Spieles. Triumfirend rief er sein "Matt!" aus, wenn die Weissen gewannen, die er nach seines Meisters Beispiel, der die Schwarzen gewöhnlich schlecht spielen lässt, in besonderen Schutz genommen hatte. Dabei glaubte er steif und fest, sich den ganzen Abend über einzig mit der Kunst beschäftigt zu haben.
Hippolits und Gabrielens Unterhaltung gewann durch dieses sonderbare Beisammensein einen ganz eignen Reiz, eine fast grössere Freiheit, als wären sie ganz ohne Zeugen gewesen. Moritz vertiefte sich immer mehr in sein Studium des Schachspiels und mischte sich immer weniger in ihr Gespräch. Die Kunstwerke um sie her, und Hippolits in Italien, unter Ernestos Leitung sehr ausführlich geschriebnes Tagebuch gaben ihnen stets neuen unendlichen Stoff.
Gabriele ward in mancher Hinsicht jetzt wirklich die Schülerin ihres Freundes, anstatt dass er sonst in Schloss Aarheim von ihr lernte. Lächelnd erwähnte sie einst gegen ihn dieser seltnen Umwandlung.
"Bin ich nicht alles durch Sie?" erwiderte er ihr. "Sie allein erweckten mich ja zu diesem neuen erhöhten Leben. Sie öffneten mir ja zuerst das Reich der Kunst und führten mich zur beseligenden erkenntnis der ewigen Schönheit. O Gabriele, wüssten Sie, mit welchem Wonnegefühl ich mir täglich zurückrufe, was ich Ihnen alles verdanke! Möge nur ein günstiges Geschick mir erlauben, Ihnen stets zur Seite zu stehen wie jetzt, um mit jedem Atemzuge Ihnen zu beweisen, dass ich nur für Sie lebe, für Sie, die mich allein dem Sonnenlichte und der Hoffnung erhielt."
Ein monat nach dem andern verging auf diese Weise, und Hippolit fühlte mit immer tiefrer überzeugung, dass weder Zeit noch Veränderung des Ortes seinem Gemüt in Hinsicht auf Gabrielen eine andre Richtung gegeben habe, noch geben könne. Sie nur tronte, gleich einem Götterbilde, in seinem Herzen, und die Einsamkeit war