1821_Schopenhauer_090_152.txt

eine Stunde, ja nur wenige Minuten des Tages vergönnen, ich will nicht murren gegen Ihr Gebot, das ich dankbar verehre." Wenige Wochen nach dem Empfange dieses Briefes stand Hippolit selbst vor Gabrielen.

Er fand sie allein in ihrem stillen Zimmer in der Residenz, wohin sie von Lichtenfels zur Pflege ihres Gemahls zurückkehren musste, der vor einigen Monaten sehr krank von seinen ermüdenden Streifereien zu haus angelangt war. Hippolit wankte zwar, als er Gabrielen zuerst wieder erblickte, doch half ihm die Bewegung, in die sie selbst in diesem Momente geriet, diess zu verbergen. Ihr Auge strahlte mit ungewohntem Feuer, ein blühenderes Rot färbte ihre Wangen, ihre Gestalt schien noch äterischer als sonst, die Zeit hatte ihrer Schönheit höheren Glanz verliehen und mit der ersten Blüte früher Jugend ihr keinen Reiz geraubt. So erhob sie sich bei seinem Eintritte von ihrem Sessel und suchte vergebens nach freundlichen Worten, ihn damit zu begrüssen. Er wagte es nicht, die Hand zu berühren, die sie wie unwillkührlich ihm halb entgegenreichte, aber sein Herz sprach laut aus seinem gesenkten Blicke, aus der edlen und doch so demütigen Stellung, in der er vor ihr, wie vor einem Götterbilde, sich ehrerbietig neigte. Der Edelknabe war zum mann geworden, zum männlichschönsten, den ihr Auge je erblickte, aus dessen edlen, rein harmonischen Zügen jede Spur jenes wilden Feuers verschwunden war, von dem sie sonst so oft erschreckt worden. So hatte Ottokar ihren Jugendträumen vorgeschwebt, jetzt erblickte sie das Traumbild ins Leben gerufen, aber veredelt, verklärt, wie sie selbst in ihren fantasiereichsten Stunden es nie sich gedacht hatte.

Beide schwiegen in den ersten Momenten; Hippolit fand zuerst den Mut, diess Schweigen zu brechen. Er brachte Briefe, Zeichnungen, Kameen, Pasten, kleine Mosaiken, die Ernesto ihm für Gabrielen mitgegeben hatte, und kramte alle die glänzenden Gaben in liebenswürdiger Geschäftigkeit vor ihr auf dem Tische aus.

Von ihnen wendete sich das Gespräch auf sein Leben und seine Reisen in Italien. Er sprach viel von Ernesto, endlich wagte er es, sogar Ottokars Namen zu nennen und Gabrielen manches Angenehme von dessen jetzigem Leben mitzuteilen. Er tat es mit etwas unsichrer stimme und gesenktem blick; ohne jedoch Ottokars in irgend einer genauern Beziehung zu Gabrielen zu erwähnen. Er sprach von ihm nur als von einem ihm sehr teueren Freunde, dem er unendlich viel verdanke. Es war das letzte schwerste Erproben seiner Standhaftigkeit, das er sich selbst auferlegt. Er hatte darin bestanden, aber jetzt vermochte er auch nicht mehr. Er erhob sich um Abschied zu nehmen, und bat nur noch um die erlaubnis, zu einer gelegenen Stunde auch Moritzen begrüssen zu dürfen.

Hippolit hatte während seines Besuchs beinah allein gesprochen, denn Gabriele vermochte es kaum über sich, dann und wann einige Worte der Schicklichkeit zu Liebe einzuschieben; sie war ganz Auge, ganz Ohr, hingerissen vom lebhaftesten Erstaunen über die unglaubliche Veränderung, die, in weniger als zwei Jahren, wie durch ein Wunder bewirkt, ihr hier entgegenleuchtete.

In tiefem Nachsinnen und doch fast ohne Worte für ihre Gedanken, blieb Gabriele lange wie in sich verloren. War das der Hippolit, welcher einst so keck und vorlaut an dieser nemlichen Stelle auftrat? War das der wilde rohe Jüngling, dessen ungebändigten Sinn sie unlängst mit so ernster Strenge zurecht zu weisen gezwungen war? Ihr Herz regte sich laut in ungestümen Schlägen, ihre Wangen glühten vor Freude, meinte sie, über diese glückliche Verwandlung. Eine ihr unerklärliche Unruhe hielt sie mitten in diesem frohen Gefühle befangen, die bei dem Gedanken, ihn am Abend wieder zu sehen, in ihr ein Bangen erregte, wie sie kaum damals es empfunden hatte, als sie, ein Neuling in der Welt, zwischen Fürchten und Hoffen Ottokars Gegenwart im Salon ihrer Tante entgegenging.

Endlich am Abend erschien Hippolit in Moritzens Zimmer. Der mürrische Kranke empfing ihn mit bittern Vorwürfen über seine plötzliche Abreise von Schloss Aarheim, die Hippolit mit vieler Sanftmut ertrug. Bald fühlte sich Moritz wieder von dem gewohnten Zauber hingerissen, den die Gegenwart seines ehemaligen Lieblings stets an ihm übte. Er wurde immer freundlicher, zuletzt war alles Unangenehme so weit vergessen, dass er nur aufs neue mit Bitten in ihn drang, sein Haus wie ehemals als sein eigenes zu betrachten. Der ihm nun wieder ganz zugeneigte Alte trug ihm sogar eine wohnung in demselben an, er drang sie ihm fast auf, und Hippolit bedurfte aller seiner Gewandheit im Leben, um diess Anerbieten bescheiden von sich abzuweisen. Er tat es, ohne dabei den blick zu Gabrielen zu erheben, die hocherrötend und schweigend der Verhandlung zuhörte, ohne die mindeste Aeusserung über sie zu wagen. Sie schämte sich innerlich ihrer Verlegenheit dabei, denn sie glaubte nun fest überzeugt sein zu können, dass in Hippolits Gemüt keine Spur von jenem Gefühl mehr lebe, das sie einst zwang, ihn zu verbannen, und doch vermochte sie es nicht über sich, diese wunderbare, ihr selbst unerklärliche Befangenheit zu besiegen. Von nun an war Hippolit aufs neue Gabrielens täglicher Gast. Sein Betragen blieb sich immer gleich. Immer erschien er gelassen, sanft, freundlich gegen Moritzen; voll inniger Teilnahme und ungeheuchelter Ehrfurcht gegen Gabrielen. Zuweilen fand er sie allein, öfter am Krankensessel ihres Gemahls, der von einem unheilbaren Astma ergriffen, in manchen Augenblicken Todespein litt, von der er sich aber stets nach einigen qualvollen Minuten schnell wieder erholte. Zufolge des Ausspruchs der ärzte konnte er noch viele Jahre lang mit diesem