er, ausgerüstet mit aller Würde und allen Vorzügen des reifern Alters vor ihm stand.
Auch Ottokar ward von Hippolits liebenswürdigem und bescheidnem Wesen angezogen, dieser kam ihm, wie ein jüngerer Bruder vor, zu dessen vollendeter Bildung mitzuwirken, er mit der lebendigsten Teilnahme sich verpflichtet fühlte. Und so erbot er sich, mit Ernesto sein steter Begleiter zu allen jenen Wundern der Vorwelt zu werden, welche keine feindliche Macht dem heiligen Boden entführen konnte, der eine lange Reihe von Jahrhunderten hindurch sie treu aufbewahrte und aufbewahren wird. Innigst erfreut über Hippolits reges und richtiges Gefühl, schwelgte er an seiner Seite im frohen Nachempfinden jener Tage, in denen er selbst zuerst diess klassische Land betrat. dafür teilte Hippolit Ottokars Freude an dem kleinen Herrmann, der sich sehr schnell gewöhnte, ihn als seinen liebsten Spielgefährten zu betrachten. So ordnete sich bald ein für Alle sehr genussreiches Zusammenleben; nur Ottokars Nähe schien Hippoliten noch gefehlt zu haben, um ihn ganz auf die Stufe der Bildung zu heben, für welche seine natur ihn bestimmte; bei ihm fand er im glücklichsten Verein den würdevollen Ernst des vollendeten Mannes mit fast weiblich weichem Zartgefühl auf das innigste verbunden; und während Ernesto Hippolits Geist, dessen Verstand und Wissen mit alle dem Reichtum ausstattete, den er selbst in so hohem Grade besass, würkte Ottokar nicht minder wohltätig auf sein Gemüt. Er verhalf ihm zu jener klarheit in seinem Empfinden, welche er selbst mühsam errungen hatte, und weihte ihn dadurch zu jedem Opfer, jeder Entsagung, welche das Leben im Laufe einer wahrscheinlich sehr langen Zukunft von ihm ferner noch heischen mochte. So waren mehrere Wochen vergangen, während welchen sich Hippolit immer fester an Ottokar anschloss, als dieser zufällig von einer leichten Unpässlichkeit gezwungen ward, einige Tage zu haus zu bleiben. Hippolit eilte auf die erste Nachricht davon herbei und fand ihn allein, in einem abgelegnen Kabinett, zu welchem sonst jedermann der Zutritt versagt ward, und das auch selbst er noch nie vorher betrat.
Eine einzige Zeichnung über dem Schreibtisch schmückte die mit grüner Seide ganz einfach bekleideten Wände des kleinen traulichen Gemachs, sie musste dem Eintretenden gleich in die Augen fallen, und erstarrt, bleich wie ein Sterbender blieb Hippolit wie eingewurzelt vor Gabrielens Abbildung ihrer väterlichen Burg stehen; dem einzigen Angedenken von ihr, das Ottokar vor jedem fremden blick hier wie ein Heiligtum aufbewahrte.
Ottokar fuhr, über den Zustand seines Freundes erschrocken, vom Divan auf, auf welchem er lag. Er musste ihn von einem plötzlichem Uebel befallen glauben und wollte ihm zur hülfe eilen, als dieser in aller früheren, mühsam bekämpften Heftigkeit seines Wesens in seine arme sich warf und ihn fest umklammerte.
"Ja Du bist es," rief er, und das Weh eines ganzen Lebens lag in dem schmerzlichen Ton dieser Worte, "Du bist es! Wer anders konnte es sein als Du? Wie war es möglich, dass ich Dich nicht gleich erkannte! Nun ist mir alles klar, ja nur Dich, nur Dich konnte Gabriele lieben, und nur Du konntest ihr entsagen. O ich Verblendeter! Dass ich erst jetzt dieses weiss!"
Auch Ottokar erstarrte als er diesen Namen von diesen Lippen so nennen hörte. "Gabriele!" rief er, "kennst Du Gabrielen? Kennst Du diess Schloss?"
"Ob ich es kenne? ob ich Gabrielen, ob ich Schloss Aarheim kenne?" antwortete Hippolit; seine Augen blitzten und alles Blut aus seinem Herzen färbte die erblichnen Wangen in Purpurglut. Er sprang auf und riss sein Taschenbuch hervor, in welchem er eine kleine Kopie von Ernestos Virginia aufbewahrte, die er auf Schloss Aarheim heimlich zu zeichnen gelegenheit gefunden hatte. "Sieh her," rief er, "blick her, und Du, Du bist ja Icilius, unverkennbar; mein Gott! wie gehen mir jetzt erst die Augen auf!"
Ottokar betrachtete das Blatt; auch er erbleichte, tief erschüttert, und kaum vermochte die zitternde Hand es fest zu halten; denn eine Ahnung des ganzen Umfanges von Gabrielens traurigem Geschick ging ihm zum erstenmal aus diesen Zügen auf. Mit einer Art Beschämung fühlte er plötzlich, wie vergleichungsweise glücklich er diese Reihe von Jahren verlebt hatte, während sie den bittersten Kampf mit dem Leben bestand. Schweigend standen beide einige Minuten einander gegenüber, doch dem geprüften festeren mann gelang es eher, Fassung zu erringen als dem wild bewegten, sturmvollen Herzen des Jünglings. Ottokar nahm ihn an seine Brust, wie ein Vater sein liebes verwundetes Kind, er zog ihn zu sich, er sprach ihm liebkosend zu, mit seiner sanften beruhigenden stimme. Hippolit erkannte die Töne, die einst auch in Gabrielens Herzen wiederhallten, er konnte ihrem Zauber nicht widerstehen, sie beschwichtigten allmählich das Toben in seinem inneren, und nun begann zwischen beiden edlen Menschen eine Scene des innigsten Vertrauens. Ihre Seelen, alle ihre Gedanken ergossen sich in einander; was nie über ihre Lippen gekommen war, gestanden sie sich hier, offen, wahr, ohne Rückhalt, alles tief im Herzen Verborgne kam zur Sprache und diese Stunde, die bei minder Vorzüglichen vielleicht eine ewige Trennung bewirkt hätte, verband sie einander für Zeit und Ewigkeit.
Den ganzen Tag hindurch liess Ottokar den jetzt ganz Gewonnenen nicht von seiner Seite. Ernesto kam hinzu, es war unmöglich ihm, was vorgegangen, zu verhehlen, und er sah mit freudiger Rührung neues, ihm unerwartetes Heil aus einer Entdeckung entstehen, die er nur deshalb so ängstlich abzuwenden gesucht hatte, weil die Erfahrung