1821_Schopenhauer_090_15.txt

Landschaften, das Gewölk."

"Eine angenehme, gesellige Unterhaltung zur Abwechselung mit den ewigen Charaden und Sprichwörtern scheinen sie mir doch wenigstens zu bieten," sprach Frau von Willnangen, "auch hoffe ich, sollen sie dazu beitragen, die unseligen Jeux d'esprit aus der Gesellschaft zu verbannen, in welchen der arme Geist so gemartert wird, um zu erscheinen, dass er sich endlich ganz in Langeweile auflöst. Nur tut es mir leid, dass die Vorbereitungen zu Tableaus für die kurze Dauer ihrer Erscheinung zu viel Zeit und Mühe kosten."

"Alles lässt sich vereinfachen," erwiderte Ernesto, "und ich getraue mir mit sehr wenigen Vorrichtungen, ganz aus dem Stegreif, dennoch manches Ergötzliche in dieser Art Ihnen vorzuführen. Wir brauchen zum Beispiel nur diese Flügeltür auszuheben, einen Vorhang vorzuhängen, eine grosse spanische Wand dahinter zu stellen, und wir haben das Lokal dazu. Einige grosse Lampen, oder ein Paar Dutzend zu einer Fackel vereinigte Wachslichter, und die Beleuchtung ist fertig. Schminke und etliche falsche Bärte für die Herren sind bald herbeigeschafft, und wenn die Damen ihre schönen Schawls zur Garderobe herleihen wollen, so lässt sich mit diesen wenigen Requisiten schon manch guter und glänzender Effekt hervorbringen. Auch für die Kunst selbst könnte auf diese Weise Bedeutendes geschehen, wenn die Gesellschaft einem Künstler erlaubte, mit ihrer hülfe nicht bloss schon vorhandene Gemälde nachzubilden, sondern seine eignen Gedanken, die oft noch beinah formlos ihm vorschweben, auszuführen. Manches erfreuliche Kunstwerk könnte diesem Spiele seine Entstehung verdanken, wenn ein talentvoller Künstler auf diese Weise gleichsam ein Vorbild von dem sähe, was er auszuführen Willens ist; der Zufall würde manches ordnen, manches in ihm erwecken, an das er ausserdem nie gedacht hätte, und der aus solchen Proben für die Kunst entstehende Gewinn könnte leicht unschätzbar werden."

Kaum hatte Ernesto geendet, als schon Auguste von Willnangen und Fanny Silberhain fröhlich aufsprangen und ihn mit Bitten bestürmten, gleich auf der Stelle eine solche Darstellung anzuordnen. Ottokar, Antonius und der grösste teil der Gesellschaft, selbst Frau von Willnangen nicht ausgenommen, vereinigten ihre Bitten mit jenen, und Ernesto musste dem allgemeinen Wunsche nachgeben; nur tat er es mit der Bedingung, dass es ihm erlaubt sei, seine Figuranten selbst zu wählen. Fanny sammelte sogleich aufs eifrigste alle Shawls ein und wählte dabei in Gedanken den glänzendsten unter ihnen für sich aus; Auguste besorgte aufs schnellste alles übrige und trug noch eine Menge zweckdienliche Sachen herbei, die von frühern Maskenanzügen und kleinen teatralischen Vorstellungen her, sich noch in der Garderobe vorfanden. In weniger als einer halben Stunde war alles zum Anfangen der Vorstellungen in Bereitschaft. Mehrere Tableaus folgten nun einander, ernste und heitere, im mannigfaltigen Wechsel, denn Ernesto war unerschöpflich im Erfinden, und Ottokar sowohl als der Professor standen ihm bei der Anordnung treulich bei. Die ganze Gesellschaft geriet in eine so fröhliche Stimmung, dass Alle die Wagen überhörten welche allmählich, herbeirasselten, um sie zu einem glänzenderen Feste abzuholen. Nur fräulein Silberhain sass ernst in sich gekehrt, und wies im voraus alle Einladungen zur tätigen Teilnahme unerbittlich ab, ehe noch eine an sie gelangte. Gräfin Eugenia hingegen hatte eine Weile zugesehen; da es aber Ernesto nicht einfallen wollte, ihr eine Rolle anzubieten, winkte sie Antonius herbei, der eben müssig dastand. Leise flüsterte sie ihm den Auftrag zu, Ernesto auf nicht auffallende Weise an sie zu erinnern, und ihm zu verstehen zu geben, dass sie in einem so kleinen, aus lauter Freunden bestehenden Zirkel ihren Widerwillen wohl überwinden werde, und nötigen Falles sich entschliessen könne, etwa als Grazie oder Muse aufzutreten. Antonius erklärte ihr sein Entzücken über diesen Auftrag, versicherte, nicht mit Worten ausdrücken zu können, wie geehrt er sich durch dieses holde Vertrauen in seine Geschicklichkeit fühle, und flog in das Nebenzimmer, um ihren Befehl zu vollbringen. Leider aber gelang es ihm durchaus nicht, Ernesto nur auf eine Minute allein habhaft zu werden, es kam ihm sogar vor, als ob dieser ihm geflissentlich ausweiche. Vielleicht hatte Ernesto wirklich von dem ausgesprochenen Wunsch der Gräfin etwas gemerkt, und vermied mit Vorbedacht die gelegenheit, ihn an sich kommen zu lassen, vielleicht lag aber auch die Schuld an der gar zu höflichen Unbeholfenheit des Abgesandten; genug, Eugenia blieb den ganzen Abend unangefochten als Zuschauerin, und war die erste, welche die laute Bemerkung machte, dass die zum Anfange des Balls bestimmte Stunde schon längst geschlagen habe.

Gedankenvoll sass Frau von Willnangen dicht neben Gabrielen in der fernsten Ecke des Zimmers. Sie sah, wie jene jedem Tone Ottokars lauschte, wie ihr Auge entzückt auf ihm ruhte so oft er in den Tableaus erschien, und das unruhige, fast hörbare klopfen des jungen Herzens erregte so tiefes Mitgefühl, so bange sorge in ihrem Gemüt, dass sie fast eben so sehr als Gabriele selbst erschrak, als Ernesto plötzlich vor beiden stand, und sie zur tätigen Teilnahme an dem Tableau aufforderte, welches für heute die Reihe derselben beschliessen sollte. Doch bald fasste sie sich wieder und stand mit gewohnter Freundlichkeit auf, um ihm mit ihrer jungen Freundin in das Nebenzimmer zu folgen. Gabrielens Hand zuckte in der ihrigen, ihr blick bat, sie frei zu lassen, doch er ward nicht erhört, und Ernesto erinnerte sie mit komischer Feierlichkeit an das ihm zugestandne Recht, seine Figuranten nach Belieben wählen zu dürfen.

Das Tableau stellte die Nacht vor, die ihren dunkelblauen Sternenschleier über ihre Kinder, den Schlaf und den Tod,