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u v e r g e b e n g e h a b t h a b e . Beide fühlten den Zwang, auf etwas achten zu müssen, was ihnen sonst nie in den Sinn gekommen war, auf ihr Benehmen gegen einander. Und so geschah es denn oft, dass sie mit ausbrechender Wehmut sich von einander abwandten, wenn der Zufall sie ohne Zeugen einmal zusammen führte, und sich dann mit wilder Hast mitten im Strudel der Gesellschaft vor dem eignen Herzen zu retten suchten, welches ihnen ihre ehemalige Seligkeit und ihr jetziges Elend laut zurief.

Frau von Willnangen sah anfangs tief bekümmert dem Verhältnisse ihrer Kinder zu, dessen trübe Seite ihr nicht entgehen konnte. Bald aber bewährte sich von neuem ihr glückliches Talent, stets das Beste zu hoffen; sie gedachte ihrer eignen Ehe an der Seite eines über alles geliebten Gatten, dem sie mit Freuden ihr Leben weihte, und dadurch unendlich beglückt war, obgleich er ihre glühende Liebe nicht in eben dem Maass zu erwidern vermochte. Ihre Fantasie spiegelte ihr in dem jetzigen Verhältnisse ihrer Auguste eine trügerische Aehnlichkeit mit dem eignen früheren vor, und so kam sie nach und nach zu der beruhigenden überzeugung, dass Zeit und Liebe zu den, mit jedem Tage sich anmutiger entwickelnden beiden Kindern alles bald wieder auf das Schönste ordnen und beruhigen werde. Sie versuchte es auch, Gabrielen ihren heitern Glauben an die Zukunft mitzuteilen, und diese liess ihr gern den beruhigenden Irrtum, dem sie selbst sich hinzugeben nicht vermochte.

Gabriele durchschaute zu klar die tiefe, nie wieder herzustellende Zerrüttung eines einst seltnen Verhältnisses, das, so wie die Dinge jetzt standen, sich höchstens nur noch zu etwas sehr Gewöhnlichem gestalten konnte, zu einer leidlichen Ehe, in der man aus Gewohnheit und um der Kinder willen einander gegenseitig erträgt. Ihr Herz blutete für Augusten, deren gegenwärtiges los ihr sogar trauriger als das eigne dünkte, weil der zur Armut herabgesunkene Reiche weit beklagenswerter ist, als der in Dürftigkeit Geborne. Aber sie hütete sich eben so sehr, das Herz ihrer mütterlichen Freundin durch diese ihre eigne Ansicht zu verwunden, als sie jedes Gespräch mit Augusten sorgfältig vermied, das zu irgend einer Erklärung über diesen Gegenstand führen konnte. Gabriele wusste aus eigner Erfahrung, dass es Seiten im menschlichen Herzen und Verhältnisse im Leben gibt, welche selbst die zarteste innigste Freundschaft nicht mit einem Hauche zu berühren wagen darf. Den Schmerz um ihre Freunde abgerechnet, erfreute Gabriele sich indessen doch eines Zustandes, der mit den letzt vergangnen unruhvollen Jahren sehr angenehm kontrastirte. Augustens Kinder waren die Freude ihres Lebens, mit ihnen und in der stillen Beschäftigung mit sich selbst, welche ihr durch das zerstreute Leben in der Residenz so erschwert worden war, brachte sie die erste Hälfte des Tages in der ruhigen Einsamkeit ihres Zimmers zu. Der Abend wurde ihren Freunden geschenkt, besonders der Erheiterung des freundlichen Oheims, den sie, seit sie ihn näher kennen gelernt hatte, gleich einer liebenden Tochter verehrte. Die Verlängerung von Moritzens Reise, die sich auf unbestimmte Zeit über den Winter hinaus ausdehnte, erlaubte ihr, den Bitten ihrer Freunde nachzugeben und bis zu seiner Rückkehr bei ihnen zu verweilen. Sie tat dieses um so lieber, da sie wohl einsah, wie erfreulich ihre Gegenwart den armen Verstörten, wenigstens momentan, den Schein vergangner Glückseligkeit zurückgab.

Hippolits Tagebuch-ähnliche Briefe waren ihr jedesmal wie ein lieber Besuch, dem sie immer zur bestimmten Zeit mit froher Erwartung entgegen sah; und auch wenn er nicht schrieb, gedachte sie seiner mit einer eignen Rührung. Nie konnte ihr dankbares Gemüt des hochherzigen Jünglings zarte Aufopferung vergessen, mit der er ertragen hatte, was seiner kühnen natur das Unerträglichste sein musste, um nur s i e nicht in ihrer Freundin zu betrüben. Für die wilde Leidenschaftlichkeit, der er sich bis zur höchsten Verblendung überlassen hatte, fand ihre nachsichtsvolle, alles gern ausgleichende natur von jeher tausend Entschuldigungen und seine jetzigen Briefe bekräftigten diese. Aus jedem derselben leuchtete die höhere entwicklung seines Geistes unter Ernestos Leitung hervor. Sie sah aus ihnen, wie der bis jetzt nur in seinen Gefühlen lebende Jüngling heranreifte zum festen edlen mann, der mit hellem Blicke die Welt anschaut, und aufhört, sich und sein Herz für den Mittelpunkt derselben zu halten. Ihr selbst unbemerkt, regte sich dabei oft der Wunsch baldigen ruhigen Wiedersehens in ihrem Gemüt und ward allmählich zur süssen sehnsucht, die ihrem Leben neuen Wert gab. Das Gefühl, dessen Bekenntniss Hippolits Entfernung veranlasst hatte, schimmerte zwar noch fortwährend aus seinen Aeusserungen hervor, aber es glich einem goldnen Faden, der das ganze Gewebe seiner jetzigen Existenz zusammenhielt, und es schien, als sähe er es doch als seiner und ihrer unwürdig an, ihr länger nur von sich und seinen Empfindungen zu schreiben. Dabei waren seine Bemerkungen über natur und Kunst, über Welt und Leben, von einer Tiefe und Originalität, über die sie oft in freudiges Erstaunen geriet.

Ernestos Briefe bestärkten von Zeit zu Zeit ihr frohes Hoffen von der Zukunft ihres jungen Freundes. "Sie sind noch immer die hohe Dame seiner Gedanken, an der er mit der tiefen Verehrung eines ächten Chevaliers der Tafelrunde hängt," schrieb er ihr einst. "Leugnen Sie mir nicht ab, obgleich ich auch nicht fordre, dass Sie es mir gestehen sollen, dass ich Ihnen hiemit nichts neues verkünde. Machen Sie es wie er, geben Sie es mir schweigend zu. Weiss ich doch nicht, ob er mehr als ein solches schweigendes geständnis auch gegen Sie jemals