gar keinen Anteil an dieser seiner Entsagung habe, dass ich sie ihm überhaupt viel zu hoch anrechne; weil durch eine frühere Reise mit einer französischen Dame ihm jede ähnliche auf Lebenszeit verleidet sei. Mein Erstaunen über diese unerwartete Entdeckung brachte die geschichte seines frühern Lebens zur Sprache. Guter Gott! in welches Labirint von Gefahren und Verirrungen haben Unbedacht, Eitelkeit, jugendlicher Uebermut, den zu früh sich selbst Ueberlassnen geführt! Welch ein Glück, dass die Folgen einer frühern streng tugendhaften Erziehung seine, im grund doch sehr edle reine natur, mitten in all der Verworrenheit bei Kräften erhielt, dass es nur einer hülfreichen Hand von aussen bedurfte, um ihn aus dem Sumpfe von Torheit zu erretten, an dessen rand er in jugendlicher Unvorsichtigkeit und kindischem Mutwillen herumgauckelte." Dass Gabriele dieser rettende Engel gewesen sei, brauchte Hippolit seinem weltklugen Freunde nicht zu vertrauen, um ihn davon zu überzeugen. Auch schwiegen beide über diesen Punkt, aber es entstand zwischen ihnen jenes zarte wortlose Verstehen, das einem wunden Gemüte so wohl tut. Ernesto machte es sich von nun an zur heiligsten Pflicht, durch ernste Vorstellungen und anhaltendes Beschäftigen mit einem grossen gegenstand, den ihm mit jedem Tage werter gewordnen Jüngling dem mutlosen Schmerz, der trübsinnigen Verworrenheit zu entreissen, in die er nur zu oft noch versank. Der klassische Boden, den sie jetzt langsam durchzogen, bot ihnen Anlass und Stoff zu geisterhebender Betrachtung einer kolossalen Vorwelt, und Ernesto benutzte alles, um seinen Liebling auf das gründlichste und vielseitigste auszubilden. Es währte nicht lange, so entdeckte er in ihm einen jener Seltenen, von der natur Hochbegünstigten, denen das Schwere leicht wird, denen das unerreichbar Scheinende von selbst zufällt, und die ohne Anstrengung, ja beinahe ohne Fleiss, alles Wissenswerte nicht sowohl erlernen, als es sich aneignen mit Kraft und Geist. Dabei bemerkte er abermals mit grossem Wohlgefallen, wie ihm Hippolits erste fast gelehrte Erziehung kräftig vorgearbeitet habe. Bei jedem Anlass dazu entwickelte dieser Kenntnisse, von deren Besitz er kurz vorher kaum selbst eine Ahnung gehabt haben mochte; weil sie in ihm geschlummert, und nun, durch den Zufall geweckt, wie neu gewonnen ihm erschienen. So knüpfte jede mit einander verlebte Stunde beide fester an einander, und Ernestos blick ruhte oft mit wahrhaft väterlichem Stolz auf dem geliebten Zögling, der ihn dafür, wie ein liebender Sohn, treu und innig verehrte. Moritz zog indessen von einem Bade in das andre, um seine neuerfundene Teorie des Spieles zu vervollkommnen, jedoch ohne dabei auf Gabrielens Begleitung Ansprüche zu machen; eine Schonung, die sie ihm um so herzlicher verdankte, da sie dadurch zu der lange gewünschten Reise zu ihren Freundinnen in Lichtenfels Zeit gewann. Der kleine Kreis, in dessen Mitte sie einst so schöne Tage verlebte, fand sich dort wieder ungetrennt beisammen, denn der General hatte Adelberten mit dem Anfange des Frühlings den Seinigen wieder gegeben.
Alle empfingen Gabrielen, wie man ein lang vermisstes Glück empfängt, und das Leben ging im Aeussern wieder den lieben gewohnten gang; doch im inneren war es anders geworden.
Adelbert und Auguste wandelten so still, mit so ängstlicher Schonung neben einander her, als wären sie von Todtkranken umgeben. Die Liebe war geblieben, aber das Vertrauen war entflohen, und eben weil es entflohen war, strebten sie sich zutraulicher als je zuvor gegen einander zu bezeigen, um nur keinem geliebten Herzen wehe zu tun. Nur der von allen gleich verehrte Greis, der General Lichtenfels, trat mit gewohnter Sicherheit, fröhlich und nichts ahnend unter ihnen auf. Weil keine Klage laut ward, weil aller Blicke ihm lächelten, glaubte er jede Wunde geheilt. Und wenn er auch zuweilen das ehemalige rege Leben unter ihnen vermisste, so schob er dieses auf die zu grosse Einförmigkeit, in der sie so lange Zeit hingebracht hatten. Gastfrei, wie in glücklichern Tagen, suchte er diesem bald abzuhelfen; er öffnete von neuem sein Haus; Freunde und Bekannte strömten wieder herbei, und aufs neue wurde das frühere gesellige Treiben in gang gebracht, das einst Augusten und Adelberten zusammenführte. Alles zeigte sich ihm heiter und fröhlich wie damals, und so glaubte er gern an ein Glück, das er so innig wünschte und so angelegentlich herbeizuführen sich bemühte.
In stiller Wehmut betrachtete indessen Gabriele das zerstörte Lebensglück ihrer Freunde; obgleich man ihre Ehe nicht eigentlich unglücklich nennen konnte. Nie ward ein Zwiespalt zwischen ihnen laut, vielmehr suchte jedes von ihnen dem unausgesprochnen Wunsche des andern mit geschäftiger Aemsigkeit zuvorzukommen. Mit ängstlicher Sorgfalt vermied Auguste jedes Wort, jede Miene, die in ihrem Gemahl den leisesten Argwohn erregen konnten, als gedenke sie noch jener Verirrung, die er so schmerzlich bereute und so streng zu büssen im Begriff gewesen. Adelbert war seinerseits ebenfalls lauter Liebe und Aufmerksamkeit und beide erschienen in der Gesellschaft als Muster des schönsten ehelichen Verhältnisses. Nur das scharfblickende Auge inniger Freundschaft konnte hier ahnen, dass jenes sonst sie beseligende Empfinden gegenseitigen Glücks, jenes Leben des einen in dem andern, den laut Gepriesnen auf ewig entschwunden sei. Sie liebten sich noch, aber wie Verstossene aus dem Paradiese einer Unschuldswelt sich lieben können. Das stille, ruhige, vertrauensvolle Gefühl war zu einer Art leidenschaft umgewandelt, die in Momenten des glühendsten Aufwallens oft in der Tiefe ihres Gemütes einem verbissenen Hassen glich. Trotz aller Anstrengung konnte Adelbert nie vergessen, dass Auguste ihm v e r g e b e n habe, so wie sie stets daran denken musste, dass sie ihm e t w a s z