Sie sehe' ich früh
Und ewig vor mir stehen.
Was ladet ihr zur Ruh' mich ein?
Sie nahm die Ruh' mir fort;
Und wo Sie ist, da muss ich sein,
Hier sei es oder dort.
Zürnt diesem armen Herzen nicht,
Es hat nur e i n e n Fehl:
Treu muss es schlagen bis es bricht,
Und hat dess nimmer Hehl.
Lasst mich, ich denke doch nur Sie;
In Ihr nur denke ich;
Ja! ohne Sie wär' ich einst nie
Bei Engeln ewiglich.
Im Leben denn und auch im Tod',
Im Himmel, so wie hier,
Im Glück und in der Trennung Not
Gehör' ich einzig Ihr.
Fortsetzung von Auszügen aus Briefen Ernestos an
Frau von Willnangen.
"Ich fange an, recht tiefes Mitleid für diese Aurelia zu empfinden, die denn doch vielleicht etwas vorzügliches und glückliches hätte werden können, wäre ihr Gemüt minder verwarloset von Jugend an. Allein dieses Mitleid ist nicht jenes schöne, erwärmende Gefühl, mit dem ich Gabrielens gedenke, Schauder und Widerwillen mischen sich darein, und ich möchte auf immer von einem Wesen mich abwenden können, welches so ganz hoffnungslos in sich zerfallen ist, dass kein Gott und kein Sterblicher hier mehr rechten dauernden Trost gewähren kann.
Mit kalter Brust, mit einem Herzen, das nie, weder Liebe noch Hass empfand, das von frühester Jugend an nur mit der unersättlichsten Eigenliebe erfüllt war, stand Aurelia stets in hoher Selbstzufriedenheit da, auf eine Tugend gestützt, die bei ihr, so wie sie einmal ist, kaum noch den Namen derselben verdient. Wer ihr nahte, huldigte ihrem geist, ihrer Schönheit, auch wohl oft nur dem Standpunkte, auf welchen das Schicksal und ihre in Eitelkeit versunkne Mutter sie gestellt hatten, und der Stolzen schien die Welt zu Füssen zu liegen. So sind bis jetzt die Jahre, eines nach dem andern, an ihr vorübergezogen, von ihr unbemerkt. Doch jetzt ist die Zeit des Erwachens endlich gekommen und das, woran sie früher in ihrem Leben nicht gedacht hatte, erfüllt sie mit ängstlichem Grausen vor einer Zukunft, der sie doch nicht auszuweichen vermag. Unter dem triumphirenden Lächeln, das sie noch immer beibehält, sehe ich deutlich ihre innere Herzensangst hervorblicken. Und wissen Sie, wem diese Angst gilt? Dem dreissigsten Geburtstage, dem fürchterlichen, der als Schreckbild am Lebenspfade aller Frauen steht, die Aurelien gleichen. Er naht unaufhaltsam mit schnellen Schritten, dieser entsetzliche Tag, denn Aurelia zählt wenigstens volle vier Jahre mehr als unsre Gabriele, und sie beneidet ihr gewiss keinen der übrigen Vorzüge so ganz von Herzen als diesen flüchtigsten von allen.
Im grund quält sie sich viel zu früh, denn nie war ihre äussre Erscheinung brillanter. Auch ist die Klippe, die sie scheut, eigentlich nur im gewöhnlichen bürgerlichen Kreise des Frauenlebens recht gefährlich, wo es Tanten und Basen gibt, die über alle Familienereignisse Buch und Rechnung halten und alle Data nachzuweisen wissen. In d e r Welt, in welcher Aurelia lebt, gleitet man über alles leichter hin; man ist toleranter; man gewinnt kaum Zeit, an sich selbst zu denken, geschweige an Andre, und jeden, der sich nur geschickt zu benehmen weiss, lässt man gern für das gelten, wofür er sich geben will. Geist, Witz, Leichtigkeit und Vielseitigkeit im Umgange werden über alles geschätzt, darum trifft auch die glänzendste Periode im Leben berühmter schöner Frauen der grossen Welt sehr selten mit ihrer ersten Jugendblüte zusammen, denn man muss gelebt haben, wenn man sich aufs Leben genugsam verstehen will, um es wie ein Kunstwerk behandeln zu können. Aurelia weiss dieses alles so gut und besser als ich, aber sie denkt nicht daran, oder achtet es für einen traurigen Trost. Sie ist noch immer von einer bewundernden Schar demütiger Verehrer umgeben, über die sie nach Lust und Laune unumschränkt gebietet, aber sie fühlt dennoch ihren Tron unter sich wanken und ich sehe deutlich, wie das trübe Vorgefühl einer dunkeln, freudenarmen Zeit sie Tag und Nacht unablässig quält und nagt. Mit ängstlicher Hast wirft sie sich nun auf alles, wovon sie noch in spätern Jahren Glanz und Bewunderung sich versprechen zu können glaubt, auf Musik, Literatur, Kunststudium; sogar Chemie und Astronomie hat sie eine Zeitlang getrieben, weil diese Wissenschaften einmal zufälliger Weise Mode wurden. Ihr mangelt, wie Sie wissen, weder Geist noch Talent zu allem was sie unternehmen möchte, aber sie ist unfähig, irgend etwas sich selbst zum Trost fest zu halten. Ihre rastlose natur trieb sie von jeher immer von einem zum andern und erlaubt ihr jetzt sogar kaum, länger als einige Monate an dem nehmlichen Orte zu verweilen. Dass sie in manchen Stunden die Unzulänglichkeit eines so zerstückelten Strebens tief empfindet, vermehrt noch ihr Unglück auf jede Weise, denn dieses an sich peinigende Gefühl reizt und erbittert sie innerlich mehr und mehr, und treibt sie zu seltsamen, ihrem Zwecke ganz entgegenarbeitenden Launen.
Manche ihrer Anbeter, welche ihre wirklich zuweilen unwürdigen Misshandlungen nicht ertragen mögen, ziehen sich allmählich zurück und dadurch wird das Uebel immer ärger. Sie muss mit ungewohnter Anstrengung die so Verlornen durch neue Eroberungen wieder zu ersetzen suchen, und sie treibt diess mit einem Eifer, einer Ungeduld, die deutlich beweisen, wie anschaulich ihr jetzt mit einemmale die Flüchtigkeit der Zeit geworden ist. Die arme Frau gerät dabei oft ausser Atem und Tackt, obgleich nicht jedermann diess gewahr wird.
Dass mein glänzender Hippolit