im Gefühl der Schöpferkraft, die dem reich begabten Menschen von der Gotteit gegeben ward, selbst versuchte, jenen hohen Vorbildern sich zu nahen, ohne knechtisch sie nachzuahmen.
Voll von diesem Gefühl, und dazu halb ärgerlich, hier nicht, wie ich es gehofft hatte, allein zu sein, näherte ich mich dem Zeichnenden, und sah ziemlich verächtlich, ich will es nur gestehen, ihm über die Schulter auf seine Zeichnung. eigentlich war ich nicht übel geneigt, meinem Verdrusse beim mindesten Anlasse dazu Luft zu machen, als ich ihn deutsch reden hörte mit seinem neben ihm stehenden Begleiter, einem ältlichen mann von edler einnehmenden Gestalt, den ich jetzt erst bemerkte.
'Seid doch froh,' sprach dieser zu dem jungen Künstler, der sich wohl über den leider wirklich sehr traurigen Zustand des Gemäldes beklagt haben mochte, 'seid doch froh, dass die Zeichnung und die Anordnung des Ganzen uns erhalten ward; haltet euch an den Geist des Schöpfers, der ja noch immer hier in seinem edelsten Werke waltet, wenn gleich das Körperliche desselben fast nicht minder dahin geschwunden ist, als die Hand, die es schuf. O wie fällt alle Farbenpracht weg, gegen dieses alte edle schmucklose Werk! Nie und nirgend ausser Rafael hat einer diese Einfalt des Herzens mit der hohen apostolischen Würde so zu einen gewusst!' setzte er halblaut hinzu, in tiefe Betrachtung des Gemäldes verloren. Nach einer kleinen Pause redete er weiter, nicht vor sich, nicht zu uns, gleichsam nur laut denkend, wie man wohl auch laut liest, was uns entzückt, wenn gleich niemand uns zuhört. Er sprach von der glücklichen Wahl des dargestellten Augenblicks der Handlung, durch welche die Einförmigkeit der Anordnung von dreizehn Personen hinter einer langen Tafel glücklich und schicklich vermieden ward. Mild, mit ruhigem Ernst spricht der Herr das bedeutende schwere Wort: 'Einer von denen, so mit mir sind, wird mich verraten!' Er sieht vor sich nieder, um keinen seiner Jünger mit dem Blicke zufällig zu bezeichnen, aber alle fahren, wie von einem Wetterstrahl getroffen, bei diesem Ausspruch ihres Meisters in die Höhe, alle werden in Handlung gesetzt, einige der von ihm am entferntesten Sitzenden suchen sich ihm zu nähern und bilden so die mannigfaltigsten Gruppen. Gesicht, Stellung, Geberde bezeugen die Reinheit und Unschuld eines jeden unter ihnen, doch, nur mit sich beschäftigt, bemerkt keiner den wilden trüben blick des schreckhaft zurückfahrenden Judas. Nur dem dicht hinter diesem sitzenden Apostel scheint ein vorahnender Gedanke wie ein Blitz durch die Seele zu fahren.
Je länger der Fremde so sprach, je mehr fühlte ich von ihm mich angezogen. Ich wagte es endlich, ihm einiges zu erwidern und so gelang es mir, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Von einem Apostel zum andern übergehend, gab er mir in wenigen treffenden Worten eine kurze Charakteristik eines jeden derselben. Nie zuvor habe ich jemanden über ein Kunstwerk und über die Kunst selbst so klar, so bedeutsam, und, bei so tiefer Kenntniss, so anspruchslos reden gehört. Immer lebendiger stieg in mir eine freudige wenn gleich dunkle Ahnung auf, er kam mir so bekannt vor, mir war, als sei in ihm ein alter lang entbehrter Freund mir begegnet, von dem ich nichts vergessen hatte als den Namen. Nennt ihn Ihr Herz Ihnen nicht Gabriele? Der immerfort ämsig Zeichnende nannte ihn endlich, obgleich er deutsch mit ihm sprach: 'Signor Ernesto.'
Mit einem lauten Freudenschrei hätte ich mich gern in seine arme gedrängt, als ich mit diesem Namen ihn nennen hörte, doch bei aller Freundlichkeit liegt in seinem klugen dunkelblauen Auge, in einem scharfen zug seines Mundes, besonders wenn er halblächelnd spricht, etwas, das gebietet, in seiner Gegenwart sich zu bemeistern. Und so nahm ich mich denn zusammen, zog mein Taschenbuch hervor und überreichte ihm die Karte, mit welcher Ihre Güte mich für den Fall eines Zusammentreffens mit ihm ausrüstete. O Gabriele! wie hängt alles ewig an Ihnen, was einmal Sie erkannte! Hätten Sie den freudigen Strahl gesehen, der über das Gesicht des strengen ernsten Mannes sich verbreitete, während er die wenigen von Ihrer Hand an ihn gerichteten Zeilen las! Es war als ob ein heller Abglanz Ihrer eignen Anmut von der kleinen Karte ausginge und die scharf gezognen Züge des würdigen, von Silberlocken umgebnen Antlitzes verklärte.
Als sei auch ihm ein längst vermisster Liebling seines Herzens unverhofft wiedergekehrt, so freudig begrüsste Ernesto mich nun. Er ergriff meinen Arm, beurlaubte sich leichtin von dem Zeichnenden, mit dem er, wie ich jetzt sah, in keiner genauern Verbindung stand, und begleitete mich in meinen Gastof, wo sogleich die Pferde wieder abgesagt und alle Anstalten zum längern Verweilen in Mailand getroffen wurden.
Mir traten die Tränen ins Auge, als er mit mir allein auf meinem Zimmer sich nun recht teilnehmend nach Plan und Zweck meiner jetzigen Reise zu erkundigen begann; freilich nicht eher, als bis er mich über Sie, Ihr Leben, Ihre nähern Verhältnisse, Ihre Gesundheit, Ihr Aussehen recht inquisitorisch abgehört hatte. So väterlich wie er, hat noch keiner zu mir gesprochen; stets war ich Elternlos, von meiner ersten Jugend an, wenn gleich nicht verwaiset durch den Tod. In diesem Augenblick fühlte ich recht lebendig, welch ein Glück ich so lange entbehrte, ohne je es gekannt zu haben. Mein Herz schloss sich auf im wahrhaft kindlichen Vertrauen zu dem weiseren, wohlmeinenden Freunde. Sie werden es verzeihen, Gabriele,