einzelne Wellen auf, spielten ein paar Sekunden lang im Sonnenschein, und verschwanden dann schnell wieder. Die Insel Meinau, das Ziel meiner Schifffahrt, schwamm bald in dem grünen Frühlingsschmuck ganz nahe vor mir auf der silberhellen Flut; das kleine Eiland liegt so still vertraut im leuchtenden See, und in immer lichterer klarheit schwebte Gabrielens schönes Bild vor mir hin auf den Wogen! Ich glaubte in seliger Wehmut zu vergehen.
Plötzlich sang es hell und wunderfremd über mir in der Luft, und halb flatternd, halb taumelnd sank ein Vögelchen mit müden, hängenden Flügeln zu meinen Füssen in den Kahn hin. Ich nahm das arme kleine geschöpf auf, zu meiner Verwunderung war es ein Kanarienvogel, zahm und furchtlos wie Ihr kleiner Liebling, Gabriele, der mir so oft den guten Morgen entgegen sang. Damals! ach damals! – 'Hat auch Dich der Ausflug in die fremde Welt schon ermüdet, und Du sehnst Dich zurück in die warme Heimat?' fragte ich ihn. Das arme Ding neigte das Köpfchen zur Seite, und blickte so klug aus den schwarzen Korallenäuglein mich an, als verstände es mich. Wir haben ein langes Gespräch mit einander geführt; Ihr Edelknabe, teure Gabriele, war wieder einmal recht kindisch, aber ich weiss, Sie schelten ihn deshalb nicht.
Wir landeten an der Insel und ich wendete mich, den kleinen Reisegefährten auf der Hand, den nahen schattenden Bäumen zu; da regte er sich, zwitscherte und flog plötzlich auf und davon. Ich blickte besorgt ihm nach und sah jetzt alle Zweige von unzähligen Vögeln seiner Art belebt; sie hatten ihre Nester dort erbaut und waren völlig wie daheim; leider zerstörte ungebeten ein vorübergehendes Mädchen die schöne Illusion des Augenblicks, die mich in andre Zonen versetzte. Sie erzählte mir: die Vögel würden Winters in einem nahen haus verpflegt, zur Sommerzeit aber liesse man sie frei auf der Insel herumfliegen, da ihre schwachen Flügel es doch nicht vermöchten, sie über den breiten See der Insel fortzutragen. Ich blickte nach dieser Erläuterung mit wahrer Betrübniss die armen kleinen Fremdlinge an, die in ihrer Beschränkteit die ganze Welt sich zu Gebote wähnen. Ach Gabriele, ist es denn mit uns anders? Auch uns halten unsichtbare Bande, und wehe uns, wenn wir den kühnen Flug über sie hinaus wagen wollen. Mit gelähmtem Fittig sinken auch wir dann nur zu bald dem lauernden Abgrunde zu, wenn nicht ein seltnes Wunder bei zeiten uns rettet, wie jenen armen Vogel, den ein glücklicher Zufall über meinen Nachen wegführte.
Ich wandelte immer weiter und vermied sorgsam die menschlichen Wohnungen dieses kleinen Eilandes. Die hellen Mauern des Schlosses, einer ehemaligen Komturei des Malteserordens, schimmerten noch durch die Bäume; ich wandte mich ab. Lange war mir es nicht sowohl ums Herz gewesen! An der, meinem Landungsplatze entgegengesetzten Seite der Insel warf ich mich ins hohe Ufergras. Niedern Wellen gleich, schlug es über mich zusammen, ich sah nicht Himmel, nicht Erde, nur grüne dichte Dämmerung um mich, und leise schlich es über den Wellen zu meinem Ohr heran, wie fernes Hörnertönen. Ich lauschte ihm mit stillem Entzücken.
O Gabriele, da ward diess Tönen immer lauter und lauter. Und lachen und helles Jauchzen und kurzes, abgerissnes Singen scholl dazwischen. Ich sah auf. Eine ganze Flotte von Kähnen zeigte sich dicht neben meinem Ruheplätzchen, fast schon im Begriffe, zu landen. Es war ein hochzeitlicher Zug, gewiss, gewiss, ich erkannte den Nachen, der die Braut trug, an den Blumenkränzen, die ihn schmückten, an den bunten fliegenden Wimpeln. Ich sah sie selbst, Arm in Arm mit dem Geliebten.
Da erwachte der Schmerz und riss mich fort, wie die Furien von Orest. Ich floh gemartert, verwildert vor den freudigen Tönen. In furchtsamer Hast, als folge das Verderben mir auf den Fersen nach, suchte ich nach einem Auswege, um dem Anblicke der Glücklichen zu entkommen; ich fand ihn, in einer Entfernung von wenigen Schritten, wo ein sehr langer schwankender Stieg mich über den dort schmäleren See zum festen land führte. Dort folgte ich dem ersten Wege, der sich mir bot. Nur fort! nur fort! weiter dachte ich nichts, aber kalte Tränen der Verzweiflung füllten mein Auge. So gelangte ich nach Konstanz, ohne es zu wollen oder zu wissen.
Gabriele, Sie behaupteten einst, dass der Schmerz edlere Naturen noch mehr veredelt und erhebt, sie noch milder und gütiger macht, und wer, der Sie und ihr Geschick kennt, möchte daran zweifeln! Warum denn, o warum musste mich der Anblick jener Beglückten so schmerzlich verletzen? Warum jenen Ingrimm in mir erregen, den der gefangene Verbrecher fühlt, wenn er aus dem Gitterfenster seines kalten Kerkers auf die Glücklichen schaut, die in der warmen, blühenden Welt in Freiheit sich ergehen? Neid, Hass, und alles diesem Verwandte waren meinem Herzen sonst so fremd! O Gabriele, soll ich auch noch mich verlieren, da ich alles verloren habe was mich beglückte? Ich flehe, lassen Sie mich nicht in mir selbst untergehen; Sie retteten mich von einem furchtbaren Abgrund, lassen Sie mich jetzt nicht wieder sinken, wahrlich nur die Gewissheit, dass Sie Ihre Hand nicht ganz von mir abziehen, dass Sie mich noch Ihrer sorge wert achten, kann mich noch oben erhalten.
Düster und einsam sitze ich jetzt in dieser düstern öden Stadt. Ich bin noch einmal an den See hinausgegangen, ich blickte