und mir im betäubenden Schlummer vielleicht Vergessenheit wird auf wenige Stunden. So will ich das Ziel meiner Verbannung erreichen; Sie wollen es; es sei! Das Meer und mächtige Ströme und himmelhohe Alpen sollen zwischen uns treten, ich soll sogar der Luft des Landes entsagen, in dem Sie atmen und leben, sogar den mir so lieb gewordenen Tönen Ihrer Sprache. Es sei! Aber Gabriele, es hilft Ihnen nichts! Nachts leuchten mir und Ihnen dieselben Sterne, und wenn ich die Augen schliesse, stehen zwei dunkele, blitzende Sonnen vor mir, und strahlen mild und warm mir bis ins innerste Herz. sehnsucht spottet des Meers und der Ströme und der Alpen, und zaubert ein unaussprechlich anmutiges Bild auf allen meinen Wegen mir vor. Freilich schwindet es bald wieder, und ach! in welche dunkle hoffnungslose Nacht!"
Aus Konstanz am Bodensee.
"Mir war diesen Morgen so still, so ruhig zu Mute; aller Jammer der Welt schien sich mir in sanfte Liebesklage auflösen zu wollen. Gewiss, teure Gabriele, auch Sie erlebten solche Stunden, wo jeder Schmerz eine Zeitlang verstummt, wo es wie Feiertag in uns wird und wir beschwichtiget und still in immer lieberes Träumen versinken. So lag auch ich heute früh in eine Ecke meines Wagens gedrückt; rollte viele Stunden weit über Berg und Tal, ich weiss selbst nicht wie lange, aber ich mochte mich nicht regen; es war, als ob flüsternde Engelstimmchen mir leise zusängen: bleibe still, sieh dich nicht um, öffne die Augen nicht; draussen steht der Schmerz, drum bleibe in dir selbst verhüllt.
Endlich hielt der Wagen. Mag er immerhin halten, dachte ich, und strebte in meiner süssen Abgeschiedenheit von der Aussenwelt zu verharren, aber die überlauten bewundernden Ausrufungen meines Kammerdieners rissen mich wider Willen auf. Ich blickte um mich her, und fand mich zu meinem Erstaunen nur in den allergewöhnlichsten Umgebungen, mitten auf dem Marktplatze eines kleinen schwäbischen Landstädtchens. Verdrüsslich sprang ich zum Wagen heraus, ging einige Schritte vorwärts, und glaubte nun von neuem zu träumen, denn eine Zauberwelt, wie durch Feengunst mir aufgeschlossen, lag blühend und duftend im Morgenrote vor meinen geblendeten Augen. Die ganze unabsehbare Reihe der hohen Schweizer-Gebürge bis zu den Tyroler-Alpen hinauf, stand in schimmernder Ferne vor mir, gleich himmelstürmenden Riesengebilden, in einen weiten feierlichen Halbkreis geordnet. Ihr Diadem aus ewigem Eise strahlte hell im Sonnenglanz zu mir herüber, während der Morgenschein noch die niedrigen Felsengipfel rötete. An den Seiten der Berge, wo sie den menschlichen Wohnungen sich zuneigen, glaubte ich sogar die grünen Alpenmatten zu entdecken, so nahe schienen mir mit einemmale die Wunder jenes Landes entgegengerückt, dem Ihr Wollen mich zusendet. In Andacht und Bewunderung verloren, ward mir, als wandle ich in einem heiligen Tempel. Gabriele, ich war recht fromm in dieser Stunde, ich dachte Sie und mich und meine stille trübe Zukunft. Die Brust ward mir weit in hoher Zuversicht auf Den, dessen mächtige Hand diese Berge pflanzte und hält. Ich fühlte Mut und Kraft in mir sich neu beleben, und war in dem Momente gerüstet, jeder Bestimmung meines Lebens hoffend und vertrauensvoll entgegen zu treten, sei sie auch düstere Verborgenheit und ewiges Schweigen.
O Gabriele, warum konnte diese Stimmung meines Gemüts nicht dauernd bleiben? warum musste sie verschwinden wie der Tau der Wiese vor der höher steigenden Sonne? Ach! nichts ist dauernd und treu als der Schmerz und die sehnsucht, das fühle ich mehr und mehr mit jedem Tage!
Ich war allmählich in ein offenstehendes duftendes Blütengärtchen seitwärts, dicht neben der Stadt, hineingeraten, ich wusste selbst nicht wie. Von hier aus übersah ich ganz das tiefe tiefe Tal, das zwischen mir und jenen glänzenden Titanen-Gestalten noch eine weite Kluft bildete. Und welch ein Tal ist diess! Gleich einem herrlich glänzenden Kleinode schimmerte zwischen Wald, Obstainen und Weinbergen der prächtige Bodensee zu mir herauf, überall blitzten im Sonnenschein Städtchen, Klöster, Dörfer, einzelne Wohnungen durch das üppigste Grün. Nie und nirgend sah ich so das Anmutigste neben dem Erhabnen im zauberhaften Verein, als hier in dem fast unbekannten Städtchen Heiligenberg.
Rechts dicht neben demselben tront ein ansehnliches weit in die Ferne hin leuchtendes Schloss, auf hohem, fast senkrecht aus der Tiefe aufsteigendem Felsen; es steht unbewohnt da, der Eigentümer desselben sucht die Freude in London oder Rom oder Paris, genug in der weiten Welt, wo sie so selten sich treffen lässt. O Gabriele, hier mit einem einzigen geliebten Wesen zu wohnen, einsam wie die Götter, im Angesicht aller dieser Pracht! Mir schwindelt und die Sinne vergehen mir, wenn ich mir recht ausmale, wie das sein müsste. Und wenn ich mir denke, dass ein solches Leben möglich ist, dass es vielleicht schon einmal hier, an dieser nehmlichen Stelle heimisch war! Nein diese Last von Seligkeit wäre doch zu viel für ein sterbliches Dasein, nur in Verzweiflung würde es enden, denn was kann der Himmel unserem beschränkten geist Höheres verheissen nach einem solchen Leben auf Erden? Was könnte über solches Scheiden trösten?
Unten am Ufer des Sees gestaltete sich alles zur höchsten idyllischen Anmut, was oben so herrlich, so prachtvoll mir erschienen war. In einem kleinen, von einem einzigen Fischerknaben geführten Nachen schiffte ich einsam über dem wasser hin, und überliess meinen Leuten die lärmende sorge für das Herüberbringen der Pferde und Wagen. Der See war spiegelglatt, nur hie und da tauchten