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, und die doch durch Bande der Verwandtschaft oder des früheren nahen Umgangs mit meinen Eltern, bedeutende Ansprüche an mein Vertrauen und meine Zeit zu haben glauben. Nein, wenn es denn so sein muss, wenn ich denn im Geräusche leben soll, so will ich es doch lieber in einer grossen lebensreichen Stadt, wo ich mitten im Getümmel mit meinem tiefen Herzeleid einsam und unbeachtet dastehen kann, und niemand fragt: was fehlt Dir? warum blickst Du so trübe? Ich folge den Einladungen meiner Verwandten, ich ziehe mit ihnen in ihren gewohnten Winter-Aufentalt. – Und wenn ich nun dort sein werde, was denn?"

Aus Hippolits Briefen auf der

Reise durch Deutschland nach der

Schweiz.

"Die Sonne geht auf, die Tage sind so lang. Gottlob! sage ich Abends, nun wird es Nacht, aber die Nacht frommt mir nicht, denn nur die Glücklichen schlafen. Vor der Morgenröte wecke ich meinen Bedienten, das ganze Haus kommt in Allarm, Pferde müssen herbeigeschafft werden, ein Kourier vorauf, ich habe Eile, fort! fort! nur immer rasch vorwärts. Aber wohin? Die Wege, das Wetter sind entsetzlich, aber nur fort, und wohin? Weiss ich es denn? Gabriele! musste es denn sein? mussten Sie mich denn verbannen?

Ich will nicht klagen, ich unterwerfe mich Ihrem Willen, und wenn ich nur den Gedanken so recht innig, so recht lebendig zu fassen vermag, dass ich durch diese Unterwerfung vielleicht Ihnen einige trübe Minuten erspare, dann segne ich mein Elend.

Ja, unsre Altväter hatten Recht, welche die Fremde das Elend nannten, das fühle ich. Ich bin in der Fremde; ausgestossen aus meiner süssen Heimat, zu der ich nie wiederkehren werde! und wie elend!" "Nun habe ich es erjagt! Ich habe Ihren Brief noch nicht gelesen, ich kann das Siegel nicht brechen, ich muss Ihnen erst danken; ich habe sie, ich halte sie, die unschätzbaren Züge, die Gabrielens Hand für mich niederschrieb. Dieses Papier hat sie berührt, ihr Atem wehte drüber hin, ihr Auge ruhte darauf; nein ich kann noch nicht lesen, das Gefühl dieser Seligkeit duldet es nicht." "Ich wusste, dass ich hier das einzige Glück meines jetzigen Lebens zu finden hoffen durfte, ich warf mich auf das schnellste meiner Pferde, die ich vorausgeschickt hatte, so wie ich die wohl bekannten Türme von *** erblickte. So sprengte ich zum Tor hinein, die Strasse hinauf vor das Postaus; ich kenne die Stadt noch von vorigen zeiten her. Am Ziel ergriff es mich mit tödtlicher Angst als wäre kein Brief an mich da. Eiseskälte in allen Gliedern, vermochte ich es kaum, eine Karte mit meinem Namen aus meinem Taschenbuch zu nehmen und hinzureichen. Dada – o Gabriele! ich erkannte gleich das rosenfarbne Kuvert. Segen über Sie, tausendfältigen, dass Sie es wählten! Welche Masse von Seligkeit ruft dieses gefärbte Papier mir zurück! Es war Regenwetter gewesen, mehrere Tage lang, und Ida und Bella und ich, wir mussten artig sein und uns neben Ihnen sitzend mit nützlichem Fleisse beschäftigen. Ich Ungeschickter, ich konnte nichts brauchbares hervorbringen als diese Briefkuverts, und ward von den Mädchen verhöhnt, von Ihnen in Schutz genommen, und, o Gabriele! Sie haben die armen bunten Papierschnizzelchen nicht verworfen, Sie haben sie mit sich genommen, und nun fliegt eines davon zu mir herüber, von Ihnen gesandt, ein stummer Bote des Friedens und des Entzückens.

Ihr Brief ist ernst, er ist mehr als das, würde ich sagen, durchwehte ihn nicht bei aller anscheinender Strenge die himmlische Güte und Milde, die Sie niemalen verlässt. Ich hätte bei meinen Verwandten noch verweilen, ich hätte überall im Winter nicht reisen sollen! so war Ihr Wille. Teure Gabriele! hätte ich ihn gekannt, ich hätte ihn erfüllt und wäre ich auch zu grund darüber gegangen. So habe ich in meiner Unwissenheit von meinem Gefühl mich hinreissen lassen und wäre untröstlich, ohne die überzeugung, dass Sie mir selbst würden geheissen haben fortzureisen, wenn Sie mich und meine Umgebungen in der Nähe gesehen hätten. Nein! mit diesem wunden Herzen konnte Gabriele ihren armen Edelknaben nicht in den wildesten Strudel der Faschingslustbarkeiten stürzen wollen; nicht in jenes Tosen, wo der Schmerz am einsamsten sich fühlt, wo alle Wunden bluten, mit glühenden Krallen unnennbares Weh uns packt und hält und nicht loslässt, und fremdes lachen um uns zum Larvenartigen Grinsen wird, das uns in stummer Angst von Ort zu Ort treibt, aus wüsten Träumen uns wach schmettert, bis der fürchterliche Kontrast zwischen Aussen und Innen uns zu wahnsinnigem Tun treibt, in welchem wir Betäubung suchen, weil es keine Ruhe mehr auf Erden gibt." "Gottlob! der Winter ist überlebt, die Bäume knospen, die natur erwacht! Alte liebe Bekannte suchen den armen Verbannten auch in der Fremde auf; die Nachtigallen singen mir auch hier den einen, einen Namen zu, der alle Harmonie der Welt in seinen süssen Tönen vereint. Und die Pappeln! sie wiegen die grünlich goldigen Häupter hoch in der blauen Luft, und flüstern mit einander, wie jene am Bassin im kleinen Gärtchen – o Gabriele, Gabriele, wie selig und wie elend macht mich Erinnerung! – Verzeihung, ich wage keine Sylbe mehr. Aber zu fuss will ich ganz allein die Schweiz durchstreifen, fortwandern, bis ich Abends in todtähnlicher Ermüdung hinsinke,