Max vor mir in meinem eignen Zimmer, ehe ich mich dessen versah, und bot mir die Hand zur Versöhnung. Ein einziger blick in sein ehrliches, treuherziges Gesicht entwaffnete mich, und nun höre und sehe ich zu meiner unsäglichen Beschämung, was Max alles für mich getan hat. Selbst mit Vernachlässigung seiner eignen Geschäfte, hat er Tag und Nacht nur dahin getrachtet, die Ordnung auf meinen Gütern wieder herzustellen; und dass ich, unerachtet der sinnlosen Verschwendung meiner frühern Jugend, dennoch jetzt weit reicher bin als ich es je zu sein glaubte, verdanke ich einzig ihm.
'Schweigt davon nur ganz stille,' antwortete mir der gute Max, als ich meinem Danke Worte geben wollte, 'ich tat wohl etwas um Euch, mehr aber noch um des Vaters willen. Ich meine, wenn ich jetzt gut zu machen versuche, was er schlecht machen wollte, so soll das seiner armen Seele vielleicht besser frommen als etliche Dutzend Seelenmessen, die wir indessen auch nicht versäumen. Euch aber, Vetter! wenn ich Euch wirklich einen Gefallen tat, bitte ich übrigens, da Ihr doch meines Vaters nicht im Guten gedenken könnt, so tut mir die Liebe, und denkt gar nicht an ihn. Er war doch mein Vater und hatte mich lieb, zu lieb; und das mag leicht sein grösster Fehler gewesen sein.'
Morgen soll ich ganz allein mit Max herüber reiten, seine Frau und sein Kind zu sehen, er ist einige Jahre älter als ich und schon Hausvater."
Am Abend des folgenden Tages.
"Maxens Kind heisst Gabriele! Gabriele, rief ich, Gabriele! und riss das kleine zweijährige Mädchen vom arme der Mutter, so wie sie es mir genannt hatte. Ich glühenden Küssen, es streckte die Aermchen nach mir aus, es lächelte mich an, es wollte mich liebkosen und ich – Nein ich darf in diesem Momente nicht weiter schreiben – Gabriele! Gabriele! welch ein Zauber liegt in diesem Namen! Er ruft den Himmel und die Hölle in meinem Busen wach."
Einige Wochen später geschrieben.
"Max ruhte nicht, ich musste ihm hieher folgen, zum uralten hochgetürmten Sitze meiner Ahnen, am fuss der Karpaten. Er meinte: wo ich eigentlich zu haus sei und hingehöre, müsse doch endlich jener Trübsinn weichen, der in meiner Nähe sogar ihn, den immer Lebensfrohen, wie ein böser Geist ergreift, und ihn oft so seltsam beängstigt, dass er das Vorgefühl einer nahen schweren Krankheit zu empfinden glaubt. Und dennoch will der gute treue Freund nicht von mir lassen; mag er denn immerhin meinen einstweiligen Aufentalt wählen; ich bin froh, dieser Mühe überhoben zu sein, ich gebe mich seiner Leitung hin, und um so lieber, da ich, mit ihm allein, endlich einmal freier atmen kann.
Ehegestern langten wir ziemlich spät gegen Abend hier an. Aus Hütten und Bauerhöfen strömte Jung und Alt uns schon auf dem Wege entgegen, mit Kränzen, mit grünen Zweigen, und endlosen gutgemeinten lazwischen, und der Wiederhall aus den nahen Bergen sandte uns das luftige Losknallen der Feuergewehre, zum fernen Donner umgewandelt, zurück.
Max suchte mit seelenvergnügter Erwartung Freude über seine wohlgetroffnen Anstalten in meinen Augen zu lesen, während die trostloseste Erinnerung an unsern Einzug in Schloss Aarheim mir das Herz zerriss.
An u n s e r n Einzug! Gabriele! an u n s e r n ! Wie war es möglich, dass dieser Ausdruck jetzt mir entschlüpfen konnte? Unser! Die Seligkeit des himmels umfasste sonst für mich diess kleine Wort, ich suchte tausendfältige gelegenheit, es auszusprechen. Jetzt ist es damit vorbei! Ich darf ja mit Gabrielen nichts mehr gemein haben als das Tageslicht. Doch still davon.
Ich stand denn ehegestern eine ziemliche Weile unter den hohen Bäumen vor dem schloss und war himmelweit von allen jenen Regungen entfernt, die Max in mir zu wecken gehofft hatte. Noch nie hatte ich so verwaist mich gefühlt als eben hier, in dem von meinen Vätern mir vererbten Eigentume; noch nie war es mir so schwer aufs Herz gefallen, wie ich doch nirgend und zu niemanden mehr hingehöre, seit der Stern meines Lebens mir nicht mehr leuchtet.
Alle diese Menschen blicken hoffend zu mir auf, alle dünken sich, zu mir zu gehören, sie sind bereit, ihr Wünschen und Klagen und Bitten mir zu vertrauen, und ich will gern geben was ich kann; doch das, was sie eigentlich und mit Recht von mir fordern, vermag ich doch nicht, ihnen zu gewähren. Ich stehe, in Sitte, Kleidung und Sprache ein Fremder, in meinem vaterland mitten unter meinem volk.
Warum liess mein Vater den mutterlosen Knaben nicht hier aufwachsen in diesen alten Mauern, unter diesen Menschen, die so grosse Ansprüche an ihn haben? Ich wäre dann einfachen Sinnes und doch treu und brav, wie mein Vetter Max; ich nähme, wie er, das Leben arglos hin, ohne grosse Ansprüche, wie es gerade käme. Es stände dann gewiss viel besser um meine Ruhe, und doch ergreift mich ein Schauder, wie vor dem Gedanken ewiger Vernichtung, wenn ich es mir recht ausmale, wie es mit mir sein könnte, wenn Gabriele mir nicht erschienen wäre, wenn Kunst, Wissen und jeder verfeinerte Schmuck des Lebens für mich gar nicht existirten, wenn ich, versunken in farblose Apatie, so hinlebte von einem Tage zum andern, und die Jahre über mir hinrollten, ohne dass ich es anders