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das ganze Erdenleben sie trennte.

"Und so ist es noch jetzt;" setzte Gabriele nach einem kurzen deutungsvollen Schweigen hinzu. "Sieben Jahre sind seit jener Stunde vorübergezogen. Wir sind für dieses Leben so ganz von einander geschieden, dass in all dieser langen Zeit kein Gruss, kein Blättchen, von uns mit unserm Namen bezeichnet, über die Kluft hinschwebte, die das Geschick und unser eigenes Gefühl des Rechten zwischen uns zog. Wir sind mit unserm Loose zufrieden. Der irdische Schmerz ist niedergekämpft und nur die reine Freude, einander gefunden zu haben, ist uns geblieben. Bei jeder Erdennot, jedem Zweifel, der im Gewühle des Lebens sich an mich drängt, hebt und hält mich das Bewusstsein, dass e r lebt, dass e r kein Gebilde meiner Fantasie ist. Und auch ichich bin dessen überzeugt, – auch ich erscheine ihm zum Trost, wenn er es bedarf. Weiter haben wir für dieses Leben keine Wünsche mehr, sogar der, einander hier noch einmal wieder zu sehen, verstummte allmählich. Doch will ich meinem jungen Freunde nicht bergen, dass die Ruhe, welche jetzt mich beseligt, nur im schweren Kampfe errungen ward. Hippolit! auch Sie sind zu diesem Kampfe berufen und werden siegen."

"Nimmermehr!" rief Hippolit in leidenschaftlichem Schmerz. "Wie könnte ich je dahin gelangen, wo Gabriele in der Glorie einer Heiligen strahlt! Seliger Engel! warum bliebst du nicht in deinen Himmeln? Warum musstest du in dieser entzückenden Gestalt herabschweben, uns zu verderben?"

"Hippolit! ich wiederhole es, Sie betrüben mich mit diesem wilden leidenschaftlichen Wesen; Sie ängstigen mich, und es ist wohl besser, ich ende dieses Gespräch, um schriftlich einen vielleicht günstigern Moment zu treffen," sprach Gabriele sehr ernst, als wolle sie aufstehen und das Zimmer verlassen, doch Hippolits Verzeihung erflehender blick und sein sichtbares Bestreben, sich zu mässigen, bewogen sie, noch zu bleiben.

"Verzeihen Sie mir die Behauptung," sprach endlich Hippolit, "Gabriele, schönes engelreines Wesen! was Sie Liebe nennen, ist es nicht. So lieben nicht sterbliche Menschen; wie Sie jenen namenlosen Glücklichen lieben, so lieben selige Geister" –

"So lieben Frauen," unterbrach ihn Gabriele, und ihrem Augen leuchteten in verdoppeltem Glanze.

"Wie gern stimmte ich in kindlicher Demut diesem Ausspruche bei," rief Hippolit und wagte errötend kaum, die Augen aufzuschlagen, aber ich darf gegen Sie nicht falsch sein," fuhr er fort. "Ich muss es bekennen, ein feindliches Geschick hat schon früh mich mit der Kehrseite des Lebens bekannt gemacht. Aus Erfahrung, deren ich jetzt nur in tiefer Beschämung gedenke, weiss ich, wie einsam Gabriele auf der Höhe steht, die über ihr Geschlecht sie erhebt, wie ohne alle Ahnung dessen" –

Ein zürnender Ausruf Gabrielens unterbrach ihn. "Fürchten Sie nichts!" fuhr er bittend fort; "kein kühn ausgesprochnes Wort soll Sie beleidigen; möge der Himmel mich noch elender machen, als ich es bin, wenn je die hohe Ehrfurcht mich verlässt, die in Ihrer Nähe mich immer ergreift. Doch wenn Sie jewenn jemalsach! wie fange ich es an, um Ihnen gegenüber, das was ich denke, was ich fühle, in Worte zu fassen? Wie soll ich Sie erbitten, es nicht Lästerung zu nennen, wenn ich bekenne, dass ich jetzt, von Ihrem holden Vertrauen beruhigt, ihn nicht mehr beneide, dessen nie zuvor geahnetes Dasein schon gestern die Bosheit Ihrer Feindin und die unbedachte Vertraulichkeit Ihres Freundes mir verrieten. In nie gefühlten Qualen der Eifersucht jagte es mich in Wahnsinn und Tod."

"Sie sollen ihn auch nicht beneiden, Sie sollen neidlos ihm nacheifern, Sie sind es wert, neben ihm zu stehen," sprach Gabriele mit begütigendem Tone, doch Hippolit fuhr fort, wie nachdenkend vor sich hin, weiter zu sprechen.

"Diess ruhige Gefühl wäre Liebe? Nein, ich wieder

hole es, Gabriele hat nie die Liebe gekannt. O – kennten Sie dieses verzehrende Feuer, diess Wünschen ohne Namen und Ziel, diese Unmöglichkeit, anders wo zu atmen, als in der Nähe des Geliebten! – O Gabriele, was soll aus mir werden? Was soll mich schützen vor Wahnsinn und Verzweiflung?" rief er, von seinem Schmerz aufs neue überwältigt; "was kann mich retten?"

"Was auch mich und meinen Freund vor Untergang

und Unwürdigkeit schützte," erwiderte Gabriele fest und mild. Sie fasste die Hand, mit welcher er im wildem Unmute sein Gesicht verhüllte. "Blicken Sie mich an," sprach sie; "glauben Sie, dass diese Augen nie weinten? Dass nicht auch meine Brust in schlaflosen Nächten nach Trost, nach Hoffnung, nach Beruhigung schmerzlich rang? dass nicht auch er? – o Hippolit, ich fordre ja nichts Unmögliches, nur was ich und er auch taten und trugen."

"Entfernung ist Tod!" rief Hippolit, alle Mässigung

vergessend, im wilden Schmerze.

"Und Sie glauben mich zu lieben? Kennt Liebe

denn Trennung? Ist sie nicht ewige Nähe? gibt es für sie Raum oder Zeit?" erwiderte ihm Gabriele.

Lange kämpfte sie mit ihm, erschöpfte Gründe und

Bitten, um ihn zu einem Schritt zu bewegen, den sie im Fall seines unüberwindlichen Widerstandes entschlossen war, selbst zu tun. Mit der überzeugung von Hippolits wirklich leidenschaftlicher Liebe