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beinah in ehrfurchtsvoller Anbetung vor ihr hingesunken. So glaubte er noch nie sie gesehen zu haben. Hoch und hehr, bei aller gewohnten Einfachheit, stand sie vor ihm wie eine Königin; ihr Auge stralte in ungewohntem Glanz, ihre Wange war höher gerötet und alle Züge ihres schönen Gesichts trugen den Ausdruck festen, wenn gleich durch innre Güte gemilderten Ernstes. Hippolit fühlte in diesem Moment alle seine Wünsche in Demut und Ergebung untergehen. Mit einer anmutigen, wenn gleich etwas feierlichen Bewegung der Hand wies sie ihm seinen Platz ihr gegenüber an, einige Minuten vergingen, und keines von ihnen sprach ein Wort; doch Gabrielens Fassung überwand gar bald dieses verlegne Verstummen.

"Ich habe in vergangner Nacht recht viel, recht besorgt um Sie, Ihrer gedacht, lieber Hippolit!" sprach sie zu ihm. "Ich möchte so gern dazu beitragen, Sie in ungetrübtem Jugendmute Ihrem eignen klaren Bewusstsein wieder zu geben. Dann wäre alles gut. Denn ein düstrer unverstandner Wahn hat wunderlich Sie betäubt. Sie verkennen sich, die Welt und das Leben. Es wäre wohl die Pflicht der ältern erfahrneren Freundin, Ihnen wieder zurecht zu helfen, wüsste ich nur, wo zu beginnen!"

"O Gabriele! ich bin Ihrer sorge nicht wert. Gefühle, leidenschaft, Erinnerungen, deren Vorstellungen Ihnen ewig fremd bleiben müssen, nagen an mir, reissen mich hin zu wildem verworrenem Tun; geben Sie mich auf! mir ist nicht zu helfen;" erwiderte schmerzlich Hippolit.

"Wie Sie mich betrüben!" rief Gabriele; "nach dem gestrigen Abend" –

"Erwähnen Sie ihn nicht, aus Mitleid nicht, ich flehe darum," unterbrach Hippolit sie in heftiger Bewegung. "Die Hälfte meines Lebens gäbe ich willig, um ihn zurückzukaufen. Wüssten Sie, welche wunderbare Verknüpfung unendlicher Zufälligkeiten bis zu diesem Wahnsinn mich trieb! Doch warum mit der trüben Erzählung Sie behelligen? Vergeben Sie dem Unglücklichen; wenn es möglich ist, so vergessen Sie. Fürchten Sie nicht Aehnliches von mir, so lange ich meiner Besinnung mächtig bleibe. Ich werde harren, ich brauche dem Untergange nicht zu rufen, ich weiss, er wird mich früh genug ereilen."

"An diesem Morgen des neugeschenkten Lebens hoffte ich Sie anders gestimmt zu finden. Doch gebe ich darum die Hoffnung noch nicht auf, Sie besänftigend zum Bessern zu leiten," erwiderte Gabriele. "Geduld ist die Pflicht der Frauen und der Freunde, ich will gern sie üben, aber üben Sie sie auch, lieber Hippolit. hören Sie mich an, und ohne Widerstreben, ohne eigenwillig Ihr Gemüt gegen meine stimme zu verhärten."

Hippolit unterbrach hier zwar Gabrielen mit lauten leidenschaftlichen Ausrufungen, doch sie achtete dessen nicht. Ein halb bittender, halb befehlender blick machte ihn wieder verstummen, und sie fuhr fort zu reden.

"In meiner sorge um Sie, in meinem Gebet um Erleuchtung, wie Ihnen zu helfen wäre, kam mir plötzlich der Gedanke, Ihnen mit meiner Erfahrung zu nützen. Die Klippen, die ein Freund vor uns bezeichnete, sind leicht vermieden, und der Sieg, den Andre vor unsern Augen errungen, scheint uns nicht mehr unmöglich. Darum will ich allen Bedenklichkeiten entsagen, ich will Ihnen vertrauen was ich noch keinem sterblichen Wesen, so in Worte gefasst, bekannte. Ich gebe Ihnen das teuerste geheimnis meines Lebens in der geschichte meines eignen Herzens. Sie sehen, ich achte Sie noch, Sie sind mir noch immer wert, was ich kann, gebe ich Ihnen, Hippolit! und mehr dürfen und werden Sie nicht wünschen," setzte sie, ihm freundlich die Hand bietend, hinzu.

Mit hohem Erröten begann sie nun von jener Zeit zu sprechen, da sie, früh verwaist, in eine ihr ganz fremde Welt versetzt, mit beklommnen Herzen, vereinzelt dastand. Doch blick und Ton wurden immer lebendiger, als sie deren erwähnte, welche ihr so freundlich entgegen traten, Ernestos, der Frau von Willnangen und ihrer Auguste. Hippolit, ihr gegenübersitzend, blickte mit stummen Entzücken in ihr seelenvolles Gesicht, in ihre klaren Augen, die, während sie sprach, oft mit dem Ausdrucke herzlichen Wohlwollens auf ihm ruhten.

"Ohne Ansprüche, geliebt zu werden, betrat ich die Welt," sprach Gabriele, "doch bereit, mit inniger Liebe zu umfassen, was Liebenswertes und Edles mir nahen werde. Denn ächte edle Liebe ist die Blüte des Lebens; sie bedarf keiner Gegenliebe um zu beglücken, sie ist sich selbst ihr eigner hoher Lohn. So hatte meine Mutter mich gelehrt."

Dann erwähnte Gabriele mit glänzenden Augen Ottokars erstes erscheinen. Ohne ihn zu nennen, oder sonst auf kenntliche Weise zu bezeichnen, beschrieb sie ihn wie er ihr damals erschienen war und noch immer in ihrer Erinnerung lebte. Mit hinreissender Einfachheit und jungfräulichem Erröten bekannte sie, wie sie zuerst in Demut neben ihm gestanden hatte, und all ihr Wünschen einzig darauf hinausgegangen war, nur einmal so wie die Andern mit ihm sprechen zu können; wie sie zuletzt in ihrem Gemüt doch zu der überzeugung gelangt wäre, dass sie allein zu ihm gehöre, dass nur sie ihn ganz verstehe, obgleich er nie im Gespräch sich an sie gewendet habe, und wie diess völlig von ihm Uebersehenwerden in verborgnen, schweigenden Nächten oft schmerzlich von ihr beweint worden sei. Dann kam sie zur Beschreibung jener einzigen Stunde, die in aller Seligkeit des himmels und allem herzzerreissenden Schmerz des Erdenlebens beide auf ewig vereinte, indem sie für