ist Liebe wohl anders, als der innigste Wunsch, das Geliebte zu beglücken, sei es auch auf Kosten des Teuersten, was wir in dieser Welt besitzen? Und ist denn dieses irdische Dasein das Höchste, was wir opfern können? Ist Leben nicht oft so unendlich schwerer als der Tod?"
Nach diesen Worten erhob sie sich langsam, bückte sich und fasste das Fläschchen, obgleich sie schaudernd zusammenfuhr, indem sie es berührte. Schweigend stand sie einen Moment, das betende Auge fromm zum Altar erhoben, und es war, als ob sie hiermit wieder d i e Fassung errungen habe, welche immer zur Zeit der Not aus ihrem Tun hervorleuchtete. Sie wendete sich mit hohem Ernste zu Hippoliten und überreichte ihm das Fläschchen.
"Ich weiss, dass ich dieses jetzt Ihnen anvertrauen darf," sprach sie; "ich lege das Glück, die Ruhe meiner künftigen Tage hiemit in Ihre hände. Und nun geleiten Sie mich ins Schloss, wir sind beide erschöpft und die natur fordert ihre Rechte. Morgen sehe ich Sie wieder, morgen soll alles Verworrene sich lösen. Die Nacht ist düster und schwer, aber die kommende Sonne wird uns Kraft, Mut und Entschluss in die Seele strahlen."
Sie ergriff seine Hand und führte ihn, wie ein Kind, durch die Kapelle zur tür hin, die in ihres verstorbnen Vaters Zimmer sich öffnete, und durch die sie einst, von Ernesto geleitet, zum Traualtar hinwankte. Im Zimmer selbst harrten ihrer Frau Dalling und Annette.
"Ich bringe Dir einen Kranken, den ich Deiner sorgsamsten Pflege empfehle, liebe Dalling," sprach sie mit der Geistesgegenwart, die sie in schweren Momenten sich immer zu erhalten wusste. "Mich soll Annette auf mein Zimmer begleiten, denn auch ich bin der Ruhe höchst bedürftig." Hierauf wendete sie sich zu Hippoliten, reichte ihm nochmals die Hand, und blickte mit ihren klaren treuen Augen ihm Hoffnung und Frieden in das hart verwundete Gemüt. "Gute Nacht," sprach sie, "gedenken Sie meiner in Ihrem Gebet, ich werde Ihrer gedenken. Ich werde den Geist meiner Mutter für Sie anrufen, der an diesem Tage, an welchem er mich einst verwaist in der Welt zurückliess, gewiss noch freundlicher als sonst mich umschwebt. Ich werde die Verklärte bitten, dass sie meinen jungen Freund wie mich, in diesen dunkeln Stunden vor nächtlichem Grauen und jedem Unheil behüte. Morgen sehen wir uns wieder."
Und so schieden sie. Mit sich allein in der ungestörten Ruhe ihres Zimmers, fühlte Gabriele erst die zerstörende Gewalt der eben durchlebten erschütternden Stunde. In stiller Betrachtung, in frommen Gebete hatte sie ganz einsam diesen Tag zugebracht, an dem vor acht Jahren der erste Schmerz ihr kindliches Gemüt mit unaussprechlichem Jammer erfüllte. Der verklärte Geist ihrer Mutter war damals von irdischen Fesseln befreit, zu höherem Leben gerufen worden, und was auch Gabriele seitdem Trübes und Schmerzliches erfuhr, so hatte doch nichts den Eindruck dieses ersten Verlustes zu verlöschen vermocht. Immer hatte sie sich gesehnt, nur einmal noch den Sterbetag ihrer Mutter in den, durch das stille Walten der Verklärten geheiligten Räumen zu feiern, und der ihr so selten freundliche Zufall schien diesesmal den frommen Wunsch zu begünstigen. Er liess gerade auf diesen Tag das glänzende Verlobungsfest eines jungen Paares aus der Nachbarschaft fallen, und Schloss Aarheim sowohl, als alle Schlösser in der Nähe standen während der zwei Tage verödet da, die auf Schloss Rotenburg in allen erdenklichen Lustbarkeiten dem Brautpaar zu Ehren zugebracht wurden.
Gabriele gehörte nicht zu den Frauen, die mit ihren Empfindungen vor den Augen der Welt Prunk zu treiben suchen. Still und geheim mochte sie das, was ihr heilig war, vor jedem kalten fremden Auge gern bewahren. Daher hatte sie gegen niemanden geäussert, welche ernste Feier an diesem Tage sie von dem Verlobungsfeste entfernt halten würde. Unter dem Vorwande einer leichten Unpässlichkeit, ward es ihr im letzten Augenblicke nicht schwer bei Herrn von Aarheim ihr Zuhausebleiben zu entschuldigen. Von den übrigen der Gesellschaft ward sie im geräuschvollen Moment der Abreise, wo eine grosse Anzahl Wagen und Pferde den Hof anfüllten, nicht vermisst. Denn jeder, der sie in seiner Nähe nicht erblickte, vermutete sie bei den Andern. Auch den zurückgelassenen Bedienten blieb die Anwesenheit ihrer Herrin verborgen, denn Frau Dalling hatte sie, um die ungestörte Einsamkeit Gabrielens zu sichern, alle aus dem Schloss zu entfernen gewusst. Und so herrschte denn an diesem Tage die feierliche Stille einer Kartause, wo sonst alles vom lebendigsten Treiben der Geselligkeit wiederhallte.
Ihrerseits hatte Gabriele, mit sich und ihrem Gemüt beschäftigt, eben so wenig daran gezweifelt, dass Hippolit mit dem Strome der Gesellschaft nach der Rotenburg gezogen sei, als sie am vergangnen Abend sein Wegbleiben von der Gesellschaft bemerkt hatte. Sie war zu gewohnt, ihn völlig als ihren Hausgenossen zu betrachten, um bei solchen Gelegenheiten mit besondrer Rücksicht sich seiner zu erinnern, und da an diesem Abend die ungewöhnlich zahlreichen Gäste an mehreren kleinen Tischen soupirten, so konnte es ihr um so weniger auffallen, dass sie in ihrer Nähe seiner nicht gewahr ward.
Um so mehr war es bewundernswert, dass Gabriele das Schrecken, welches sein erscheinen in der Kapelle ihr erregen musste, so ertragen konnte, ohne auch nur für einen Augenblick ihm zu erliegen, besonders da sie sich geistig und körperlich von der ernsten Feier des Tages höchst angegriffen fühlte. Aus dem Sterbezimmer ihrer Mutter, wo sie den ganzen Tag zugebracht hatte. war sie erst gegen Abend