1821_Schopenhauer_090_128.txt

glühten gleich verzehrenden Flammen, seine zitternden Lippen berührten ihren Schleier und die goldnen Locken, er drückte sie fest und immer fester an seine schweratmende Brust. Sie bemerkte nichts von dem allen, ihre Blicke hafteten mit dem Ausdruck des Entsetzens auf dem blinkenden Krystalle, der zu ihren Füssen die Strahlen der Altarlichter zurückwarf.

"Allmächtiger Gott! was ist das?" rief sie mit zusammengeschlagnen Händen, indem sie sich aus Hippolits Armen wand, ohne sich dessen bewusst zu sein. "Ich kenne dieses Fläschchenund doch weiss ich nichtmir ist als hätte ich einmal davon geträumt, einen fürchterlichen Traumoder mein VaterHeiliger Gott! mein Vater!" rief sie mit so wildem Tone, dass Hippolit davon zusammenschauderte, an allen Gliedern bebend, sie los liess, und mit gesträubtem Haar in die tiefe Dunkelheit am andern Ende der Kapelle hinstarrte, als erwarte er dort dessen düstern Schatten emporsteigen zu sehen.

"Guter Hippolit! ich habe Sie erschreckt," sprach jetzt Gabriele, indem sie sich erholte und sichtbar nach Fassung rang, "ich wollte es nicht, aber Sie selbst sind Schuld daran." Sie setzte sich ermattet auf die Stufen des Altars nieder, das Auge noch immer starr auf das Fläschchen geheftet. Ihn sah sie nicht an, der, verzehrendes Feuer im blick, wie im Kampfe zwischen Himmel und Hölle, über ihr hing.

"Ich kann meine Augen nicht von dort wenden," sprach sie ernst nachdenkend, "irgend eine entsetzliche Erinnerung knüpft sich an diesen Gegenstand, und doch schwebt mir alles so undeutlich vor, so verworren, wie aus einem frühern Dasein in einer andern Welt. O rühren Sie es nicht an!" rief sie heftig, und stand auf und fasste Hippolits Arm, als dieser sich bückte, um das Fläschchen aufzunehmen. "Rühren Sie es ja nicht an; ich bin wohl schwach und kindisch, aber mir ist, als müsse irgend ein entsetzliches Unglück hereinbrechen, wenn Sie es berührenals wäre der Tod darin verborgen. Der Tod! – Mein Gott, mein Gott, wie ist mir denn! – Wo habe ich es früher gesehen? Wo kommt es jetzt denn her?" Bei diesen Worten hob sie den blick zu Hippoliten auf. In der scheuen Zerstörung, die aus seinen Augen, aus seinem ganzen Wesen hervorleuchtete, schien ihr mit einemmale ein Strahl der Wahrheit aufzugehen.

"Hippolit!" rief sie, "es ist Gift und S i e brachten es hieher! Sagen Sie: nein! Sehen Sie meine Angst um Sie, um Gotteswillen sagen Sie: nein."

Verstummend sank er vor ihr hin und verhüllte sein Gesicht.

"Um Gotteswillen sagen Sie: nein," wiederholte sie, an allen Gliedern bebend; "diese Stunde, dieser Ort, Ihr Zurückbleiben von der Gesellschaft, der Ausdruck Ihrer ganzen GestaltWas ist Ihnen denn geschehen? Was konnte Sie bewegen? Reden Sie mit mir, vertrauen Sie mir! O Hippolit! D a s konnten Sie mir tun?" rief sie endlich und brach in Tränen aus. "Reden Sie mit mir," bat sie, immer heftiger weinend, indem sie mit aller Kraft den Gebeugten aufzurichten strebte, ihre Tränen fielen auf ihn, sie benetzten seine hände, sein Gesicht, indem sie ihn zum Aufstehen zu bewegen, sich vergeblich bemühte.

"O Gabriele!" rief er; "Du weinst um mich! Nach dieser Seligkeit giebts keine mehr für mich in dieser Welt. Vergieb mir, ich wollte Dich nicht betrüben. Segne mich und verlasse mich dann, lass mich zur Ruhe gelangen, ich unterliege dem schweren Kampf, aber ich habe ihn redlich gekämpft."

Der Schleier, der bis dahin Gabrielen die Wahrheit verhüllt hatte, fiel bei diesen Worten Hippolits von ihren Augen. Sein Anblick, die tödtliche Heftigkeit in seinem Wesen, vereint mit der Erinnerung an tausend bis dahin von ihr unbeachtete Züge, traten plötzlich als unwiderrufliche Beweise seiner leidenschaft vor ihre Seele. Sie gedachte dabei ihrer ersten Jugendzeit, sie gedachte Ottokars, sie gedachte der eignen frühern Schmerzen, und fühlte unaussprechliches Mitleid für den vom Unglück nie gebeugten Jüngling, der dem wilden Kampf gegen ein Geschick zu unterliegen im Begriff war, welches das sanftre Mädchen in stiller Duldung zu tragen gewusst hatte.

"Hippolit!" sprach sie mit unendlich weicher stimme, "Hippolit! wenn es wahr ist, wenn wirklich ein unseliges Gefühl, dem ich bis jetzt so gern allen Glauben versagte, Ihre Brust erfüllt, wie war es Ihnen möglich, mich so betrüben zu wollen? Fiel es Ihnen denn gar nicht ein, was aus mir werden solle, nach solchem Erleben?"

Ein Tränenstrom erleichterte jetzt auch Hippolits Brust; ihm war, als lüfte sich damit ein eisernes Band, das bis dahin sie zusammengepresst hielt. Gabrielen zu antworten, vermochte er noch nicht, doch er gab nach, da sie abermals ihn aufzurichten strebte, und setzte sich, ihrem Winke gehorchend, neben sie, auf die Stufen des Altars. Das Fläschchen blinkte immerfort zu ihrer beiden Füssen.

Der Heiligkeit des Orts und seinem edlen Sein vertrauend, wendete sich Gabriele jetzt ganz zu ihm und fasste seine beiden hände; sie blickte ihn mit dem vollen Ausdrucke des unendlichen Mitleids, der unsäglichen Besorglichkeit für ihn an, die in diesem Moment bis zum Zerspringen ihre Brust bewegten.

"Sie glauben mich zu lieben," sprach sie. "Ach! was