der einfachen engen vier Wände, zu denen nur aus der Ferne das Dröhnen des Hammers, das Rauschen der Wasserbäche herüber tönte, kam Hippolit bald wieder zu einigem Besinnen. Doch mit diesem erwachte auch das ganze volle Gefühl des Schmerzes, der, sein Innres zerreissend, durch Nacht und Wald ihn bis hieher gejagt hatte. Sie hatte geliebt? Sie liebte vielleicht noch! Diese überzeugung ward der Untergang seiner bis zu diesem Augenblicke mühsam errungnen und erhaltnen herrschaft über sich selbst. Gabriele, die er sonst gleich einer über jede leidenschaft erhabnen Heiligen verehrt hatte, ward ihm jetzt nur zum schönen, liebeglühenden, irrdischen weib; die Höhe, auf der sie bis jetzt hoch über ihm stand, war eingesunken und alle Qualen verzehrender Eifersucht, alle Flammen der glühendsten Liebe schlugen hochauflodernd, jeder Mässigung spottend, über seinem haupt zusammen. In dem engen Raum, der ihn umgab, wandelte er rastlos auf und ab, bis er, vom Schwindel ergriffen, auf das Lager sank. Kein Schlaf kam in seine Augen, kein einziger Augenblick Ruhe in die wildbewegte Brust. Er wollte fort, er wollte zu ihr, er wollte hinaus in die weite Welt; ganz mit sich selbst zerfallen, arbeitete er sich planlos und vergebens ab, einen festen Zweck des inneren und äussern Strebens zu finden.
Der Morgen graute indessen, die Sonne ging auf, sie stieg immer höher, ohne dass er von alle dem etwas bemerkt hätte, bis die Frau des Försters mit freundlichem Morgengruss hereintrat, um ihm ein Frühstück zu bringen. Wie ein gefangner Vogel, dem der Käfig geöffnet wird, rauschte er da, ohne sie anzusehen, durch die von ihr offen gelassene tür, hinaus zum Zimmer, zum haus hinaus.
Erst auf der Hälfte des steilen Weges, der zum schloss führt, ward es Hippoliten klar, was ihn so schnell fort und hieher getrieben habe; es war der plötzlich gefasste Entschluss, den Professor zu sprechen und von ihm durch Bitten oder mit Gewalt Namen und Aufentalt des Mannes zu erpressen, den Gabriele liebte.
Mit diesem Vorhaben beschäftigt, kam er im Schlosshofe an und fand dort alles in ganz ungewohnter Oede und Stille. Nirgends liess ein Einziger von der Schaar von Dienern sich erblicken, die sonst immer dort ämsig hin und wieder lief. Die Pferdeställe, die Wagenremisen standen alle offen und leer, das ganze Schloss schien wie ausgestorben.
"Wo kommen der gnädige Herr denn so spät noch her? Die Herrschaften sind schon seit mehr als zwei Stunden nach der Rotenburg gefahren; sie dachten alle, Euer Gnaden wären längst vorausgeritten," rief Hippoliten endlich der Gärtner zu, der mit einem grossen Korbe voll Herbstblumen aus dem Garten kam.
Hippolit hatte der heutigen Lustpartie gar nicht weiter gedacht, um derentwillen sich am vergangnen Abend eine so grosse Gesellschaft im schloss versammelt hatte. Jetzt beschloss er, freilich mit einigem Widerwillen, den Professor in der Rotenburg selbst aufzusuchen; doch während er sich dazu anschickte, fiel ihm plötzlich ein, dass auch Eugenia dort sein, dass er auch Gabrielen dort finden werde. Er fühlte mit unwidersprechlicher Gewissheit, dass es ihm unmöglich sei, sie mit diesem Sturm in der Brust wieder zu sehen, ohne vor all den neugierigen Blicken, ja vor der Frau, die er als ihre grimmige Feindin betrachtete, das heiligste geheimnis seines Herzens Preis zu geben. Ein neuer Kampf begann in seinem inneren, den endlich der Entschluss endete, statt nach der Rotenburg, nach der Stadt zu reisen, den Professor dort in seiner wohnung zu erwarten, und sobald er von ihm erfahren, was er wissen wollte, hinaus zu ziehen in die Welt, um den Mann aufzusuchen, dessen Dasein ihn mit unerhörten Qualen peinigte. Ihn finden wollte er, ihn sehen von Angesicht zu Angesicht. Was dann aber noch ferner geschehen, was aus dieser Zusammenkunft entstehen sollte? dies schwebte ihm nur in dunkeln Bildern vor, die er gar nicht zu beleuchten wagte.
So wie er über seine nächste Zukunft mit sich im Reinen war, glaubte er sich ruhiger zu fühlen; körperliche Ermattung nach der wilddurchtobten Nacht schien ihm jetzt Fassung zu sein. Er bedachte die Ungewissheit seiner Wiederkehr und begann manches aufzuräumen und einzupacken, was er fremden Augen zu entziehen wünschte. Briefe, Gedichte, glühende Ergüsse der ihn verzehrenden leidenschaft, die er dem Papier anvertraut hatte, alles suchte er zusammen, und mitten unter dieser Beschäftigung rollte ihm die längst vergessne Kapsel von Platina entgegen, welche er einst unter den Ruinen der Brandstätte gefunden hatte.
Kalte Schrecken durchrieselten ihn mit Todesschauern bei diesem Anblick. Sein Herz stand einige Sekunden, und grosse Schweisstropfen perlten auf seiner Stirne, wie auf der Stirne eines Sterbenden. Er sank vor seinem Schreibtisch auf die Knie hin, das stiere Auge haftete an der Kapsel; er las die Inschrift "Liberorum Salus," Rettung der Freien. Er musste sie immer wieder lesen, und vermochte nicht den blick abzuwenden. Zischende Lichter, die er seitwärts sah, ohne das Haupt zu wenden, blitzten um ihn her; über sich hörte er ein Rauschen wie von mächtigen Flügeln, es war das seine Adern durchrieselnde Entsetzen, mit dem das junge Leben sich gegen den furchtbaren Gedanken sträubte, der in diesem Moment ihn mit Riesenstärke ergriff. Und dabei musste er innerlich doch immer wiederholen: Liberorum Salus.
Dieser Zustand währte indessen nur wenige Minuten, dann stand er auf, fasste und öffnete die Kapsel mit fester Hand und hob das funkelnde Fläschchen gegen Himmel.