Gabrielens aus der nächsten Stadt fanden sich ein. Es war ein Leben, ein Treiben, ein lachen, eine Lustigkeit unter den Leuten, über die Hippolit zuweilen von Sinnen hätte kommen mögen, der er aber auch in andern Stunden sich wieder recht jugendlich-teilnehmend hingab.
Auch Moritz war mit der neuen Gestaltung der Dinge in seinem schloss wohl zufrieden. Wo es so geräuschvoll herging, meinte er, hätten die Geister wohl, wenigstens fürs erste, ihre Macht verloren, und so wagte er es, wieder mehr zu haus zu sein, um seine Gäste zu empfangen und zu unterhalten.
Ein glänzendes fest, welches auf einem, ein paar Meilen weit entferntem Gute gefeiert werden sollte, hatte am Vorabende desselben eine ungewöhnlich zahlreiche Gesellschaft auf Schloss Aarheim versammelt, die von dort aus in Begleitung der Bewohner desselben sich mit dem frühesten auf den Weg zum bestimmten Versammlungsorte machen wollte. Gräfin Eugenia, der Professor und der sogenannte Antonius, lauter alte Bekannte aus dem haus der Gräfin Rosenberg, kamen spät Abends noch ganz unerwartet an. Eugenia warf sich mit lauten, freudigen Ausrufungen in Gabrielens arme und beteuerte: seit sie der letzteren Ankunft auf Schloss Aarheim erfahren, habe sie ihrem Gemahl keine ruhige Stunde gegönnt, bis sie ihn bewogen, sie zu ihr zu führen. Dann stellte sie den wie gewöhnlich verlegen lächelnden Antonius in dieser Qualität vor. Dieser fing mit vielem Anstand eine schöne Rede an, in der er aber unglücklicher Weise sich so verwickelte, dass er zuletzt nicht mehr wusste, wie er daran war und mitten in einem Paragraphen endete ohne zu schliessen. Gabriele achtete nicht sonderlich darauf, und begrüsste indessen mit recht herzlicher Freundlichkeit den Professor, den sie schon im haus ihrer Tante ausgezeichnet hatte. Moritz bemächtigte sich des Antonius als eines alten Bekannten, um ihm, Gott weiss welche Raritäten zu zeigen. Einige der Anwesenden folgten ihnen, andre, unter ihnen Eugenia, ordneten sich in einem geräumigen Pavillon von neuem um den geselligen Teetisch.
Gegen ihre Gewohnheit sah sich indessen Gabriele bald darauf genötigt, ihr wirtliches Amt an diesem Tische an fräulein Ida abzutreten und die Gesellschaft auf eine kleine Weile zu verlassen. Die Zahl der Fremden im schloss war nämlich durch den neuen Zuwachs so gross geworden, dass die gute Frau Dalling, trotz der vielen Zimmer in dem weitläufigen Gebäude, sich dennoch, ohne den Rat ihrer Herrin, nicht zu helfen wusste, um jedermann anständig und würdig für die Nacht unterzubringen. Mit leichtem Schritt eilte Gabriele, ihrem Rufe folgend, durch den hohen Lindengang, der vom Pavillon zum schloss führt, und die Zurückgebliebnen blickten ihr mit heiterem Wohlgefallen nach. An der tür des Pavillons stand Hippolit, die blitzenden Augen in sprachlosem Entzücken auf die schöne Gestalt geheftet, die leicht, wie eine Silfide, vor ihm hinschwebte. Ihr weisses Gewand ward durch das Dunkel des hochgewölbten Bogenganges erhoben, die hie und da durch die Blätter dringenden Sonnenstrahlen bestreuten es mit einzelnen in Rosenglanz brennenden Sternen; die lichten, blonden Locken, goldig im Abendrot schimmernd, umgaben ihr Haupt mit der Glorie einer Heiligen. Zuweilen verschwand sie im tiefern Dunkel vor den sie verfolgenden Blicken, und bald darauf glänzte sie wieder im vollen Sonnenschein wie eine Verklärte, bis sie sich endlich in der düstern Vorhalle des Schlosses völlig verlor.
"Aus Kindern werden Leute, das habe ich lange schon gewusst," rief jetzt Gräfin Eugenia, "und doch," fuhr sie fort, "würde es mir nie einfallen, die kleine, blasse, zimperliche, etwas alberne Gabriele der Gräfin Rosenberg in dieser schönen, eleganten Frau von Aarheim wieder zu erkennen, wenn nicht die unwidersprechlichsten Beweise mich überzeugten, dass sie es wirklich ist. Wie d i e Frau sich ausgebildet hat, so etwas ist mir noch in meinem Leben nicht vorgekommen, es gränzt an Wunder. Erinnern Sie sich noch, lieber Professor! wie sie vor sieben oder acht Jahren zitternd, und knixend und halbweinend dazu, bei der Gräfin Rosenberg erschien? Sie fiel gerade in die famose Tableaugeschichte hinein, die Sie unmöglich können vergessen haben."
"Ja wohl erinnere ich mich dessen genau," erwiderte der Professor, auch kann ich noch immer nicht ohne Bewunderung des Muts gedenken, mit dem das sonst so übermässig blöde Kind sich erdreistete, das ihm Heilige gegen alle Angriffe standhaft zu verteidigen; ich meine die Trauer um die jüngst verstorbne Mutter."
"Der lange schwarze Schlepp, die Pleureusen, die hässliche Schneppe und der Schleier, mit dem sie aussah wie eine Nachteule, das war ja eben der Gipfel aller Abgeschmackteit," antwortete lachend Eugenia.
"Alle zivilisirten Völker legen um ihre verstorbnen Verwandten Trauer an," sprach der Professor, "und sogar unter den Wilden finden sich Spuren dieses Gebrauches, der denn doch wohl eines tiefern Ursprungs sein mag, als bloss der Mode. Doch davon ist hier nicht die Rede, Gabriele soll in der Sache selbst Unrecht gehabt haben, ihr Wollen war dennoch rein. Ich behaupte nur, dass, so wie sie damals stand, ihre Weigerung, das eigne Gefühl des Schicklichen dem Willen der Tante zum Opfer zu bringen eine Heldentat war, deren Wert aber vielleicht nur d e r ganz zu übersehen vermag, der einst wie sie, ängstlich beklommen und allein, in die ihm fremde Welt geworfen ward."
Die Neugier der Gesellschaft war rege geworden, und Eugenia musste erzählen was sie selbst nur vom Hörensagen kannte, denn sie war bei Gabrielens Ankunft im Zimmer der