im Gespräch sich gegen seine Nachbarinnen wendete, so konnte sie dem freundlichen Strahlen seiner Augen, dem anmutigen Spiel seiner Gesichtszüge zusehen, ohne dass jemand es bemerkte. Oft wünschte sie recht sehnlich, dass er auch an sie mit freundlichen Worten sich wenden möge, und wenn er es tat, so raubte süsses Erschrecken ihr den Atem zur Antwort. Ottokar konnte nicht umhin, ihre ewige Verlegenheit zu bemerken, er sah, dass sie auch mit den übrigen Anwesenden nur dann sprach, wenn sie gefragt ward, und immer in möglichst wenigen Worten. Er schrieb ihr Benehmen einzig der unüberwindlichen Furchtsamkeit zu, die er an einem so jungen, in der tiefsten Einsamkeit erzogenen Mädchen sehr natürlich fand, und begnügte sich endlich, aus Mitleid mit ihrer Angst, sie nur mit einem freundlichen Lächeln zu begrüssen, ohne sie ferner durch Anreden in Verlegenheit zu setzen.
Gabriele bemerkte diess, ohne zu wissen, ob sie sich darüber freue oder betrübe. Immer mehr verstummte sie in seinem Beisein und strebte nur, nichts von dem zu verlieren, was er zu den Uebrigen sprach. Ihr war dabei, als ob er dennoch nur sie damit meine, als wenn nur sie den Sinn seiner Rede vollkommen verstünde, weil nur sie so an jedem seiner Worte hing, denn die andern konnten doch manches zuweilen achtlos überhören. Jeder seiner Gedanken war wie aus ihrer tiefsten Seele herausgesprochen, bei jedem vorkommenden gegenstand fühlte sie im voraus, wie er sich darüber äussern würde, und doch war und blieb sie die einzige, zu der er niemals mit Worten sich wendete.
Träfe er mich nur einmal im Zimmer allein! dann müsste er doch zu mir reden, ich hätte gewiss dann auch den Mut, ihm zu antworten, und alles wäre anders! So dachte sie oft, während alles blieb wie es war.
Auch wusste sie nicht, was denn eigentlich anders werden solle. Ihre Wünsche, ihre Hoffnungen schwammen formlos vor ihrem sonst so klaren Sinn, aber tief in ihrem Gemüt herrschte eine unaussprechliche sehnsucht nach jenem seligen Moment, ohne dass ihr nur von ferne der Gedanke kam, ihn auf irgend eine Weise herbeiführen zu wollen.
Keiner von denen, welche sie kannte, schien ihr würdig, an Ottokars Seite zu stehen, selbst Ernesto nicht, in dessen hellem, scharfem blick sie die milde Güte oft vermisste, durch welche Ottokar ihr vor Allen liebenswert erschien, und so stieg dieser nach jedem Wiedersehen immer höher in ihrer Verehrung, und ihr Anerkennen seines seltnen Wertes ward immer demütiger.
In ihrem einsamen Zimmer rief sie sich jedes seiner Worte, jede seiner Bewegungen zurück, aber sie vermochte es nie, vor andern seinen Namen zu nennen, selbst nicht vor der sich immer fester an sie schliessenden Auguste von Willnangen. Es betrübte sie, sie schalt sich undankbar, wenn es ihr unmöglich war, das herzliche Vertrauen im gleichen Maass zu erwiedern, mit welchem diese, mädchenhaft traulich, sie auf den tiefsten Grund ihres Herzens blicken liess. Aber sie war an das Leben mit einem Wesen gewöhnt, das ohne Worte sie verstand, und dessen jetzt ruhendes Herz sonst mit dem ihrigen in stetem Einklange schlug, wie zwei gleichgestimmte saiten, die nur eines Hauches bedürfen, um zugleich im nämlichen Tone zu erbeben. Es blieb ihr unbegreiflich, dass nicht Ernesto, Frau von Willnangen, deren Tochter, dass nicht alle nur von Ottokar sprachen, dass sie ihn nicht alle als den Einzigen, Seltnen laut anerkannten, wie er ihr schon beim ersten Anblick auf der Reise erschienen war. Aber da jedermann schwieg, so verstummte auch sie.
Nur in der stillen Nacht ergoss sich ihr volles Herz in dem Tagebuche, welches sie schon früh zu führen gewöhnt worden war, und in welchem sie von jeher alles Merkwürdige aus ihrem äussern und inneren Leben oft nur in kurzen Sätzen niederschrieb. Oft glaubte sie bei dieser einsamen Beschäftigung, die beseligende Nähe des Geistes ihrer Mutter zu fühlen, der ihrer überzeugung nach, als schützender Engel sie umschwebte. Dann redete sie die Mutter als noch lebend an, ihr und den Blättern ihres Tagebuchs vertraute sie allein das glühende Gefühl, welches sie jetzt allmächtig beherrschte, dem sie immer wehrloser sich hingab, weil sie es nicht erkannte. Ottokar ward gar bald durch das Schreiben von ihm zum geschöpf ihrer jugendlichen Fantasie, zu einem himmlischen Gebilde; er stand in einer Glorie vor ihrem Sinne, zu welcher sie ihm selbst die Strahlen lieh, ohne sich dessen bewusst zu werden.
Alles, was wir in der Einsamkeit dem Papier vertrauen, übt dadurch tausendfache Gewalt an uns, Liebe, Freude, vor allem der Schmerz. Wir selbst schärfen bei dieser stillen Beschäftigung jeden Stachel des Lebens, wir drücken ihn immer tiefer in das wunde Herz, während wir uns alles verhehlen, was ihn sänftigen könnte. Und so kommen wir bald dahin, in fruchtlosem Mitleid mit uns selbst zu vergehen, und kein Strahl aus der helleren Wirklichkeit erleuchtet mehr die sternlose Nacht, die wir selbst immer dichter und dichter um uns und unser Geschick ziehen.
So war es auch mit Gabrielen; aber keiner von den Wenigen, die an ihr teil nahmen, konnte vor dieser Gefahr sie warnen, denn allen blieb sogar das Dasein ihres Tagebuchs ein geheimnis und musste seiner natur nach es bleiben. Alle Abende, an denen Feste und Lustbarkeiten ihre Hausgenossen entfernt hielten, brachte Gabriele bei der Frau von Willnangen zu. Das Gefühl, mit welchem die edle Frau zuerst der Tochter Augustens entgegen kam, hatte sich