auf das lebhafteste, wie er am Morgen seines schauerlichen Vermählungstages Erneston hier aufsuchte, um von ihm Rat und Trost zu erflehen. Ohnerachtet eines gewissen inneren Grauens kam ihm doch jene stolze Freude an, die der armseligste Tor am lebhaftesten empfindet, der ein merkwürdiges oder gar gefahrvolles Ereigniss erzählen kann, in welchem ihm eine Hauptrolle ward. Eben wandte er sich an Hippolit mit einem recht wichtigen Gesicht und allerlei geheimnissreichen Redensarten, die deutlich den Wunsch, befragt zu werden, verrieten, als Ida oben im haus an das offne Fenster trat, und die Herren antrieb, eilends hinauf zu kommen, weil oben viel Schönes zu sehen sei.
Hippolits Aufmerksamkeit beim Eintritt in Ernestos kleinem Stübchen zogen zuerst die weissen Wände an, auf denen er mit kunstreicher Hand allerlei Skizzen von Felsen, Baumgruppen und Gesträuch höchst geistreich mit der Kohle entworfen hatte. Die fräulein beschäftigten sich indessen mit einer grossen Mappe voll Zeichnungen, welche, wahrscheinlich aus Vergessenheit, in der Schublade des Tisches zurückgelassen worden war, und Gabriele, das schöne Haupt gedankenvoll auf die Hand gestützt, schaute hinaus auf die dunkeln Felsenspitzen rings umher.
"Mein Gott! welche Aehnlichkeit!" rief plötzlich Ida überlaut. Moritz und Hippolit näherten sich, die Zeichnung, welche ihr diesen Ausruf abgelockt hatte, zu betrachten, und ihre Aeusserungen, die eher Tadel als Lob anzudeuten schienen, machten auch Gabrielen darauf aufmerksam. Sie trat zu den Uebrigen an den Tisch, doch kaum hatte sie einen blick auf das Blatt geworfen, so bebte sie mit einem Schrei des Entsetzens zurück. Sie sah sich selbst. Unverkennbar ähnlich war sie hier als Virginia dargestellt, über deren schuldlosem Herzen der Vater eben den Dolch gezückt hielt. Icilius eilte aus der Ferne herbei, näher ein alter Römer im sichtbaren Bestreben, den Streich abzuwenden; unten standen die Worte: Libertade e morte ultimo pegno d'amor. Die Zeichnung war sehr ausgeführt, fast ganz vollendet; Virginius trug unverkennbar die Züge des verstorbnen Freiherrn Aarheim, der zur hülfe herbeieilende Alte glich Erneston selbst, Icilius war sehr in der Ferne gehalten, doch glaubte Gabriele in ihm eine Aehnlichkeit mit Ottokar zu entdecken.
"Welch eine Darstellung! Wie konnte Ernesto sie ersinnen! rief Gabriele fast zürnend aus, und wendete den blick mit Grausen von dem Bilde ab; bald aber fasste sie es wieder und betrachtete es mit immer grössrer Teilnahme. Obgleich sie mit der eigentlichen Veranlassung desselben unbekannt geblieben war, so erkannte sie darin doch eine Allegorie auf ihr Leben, die sie schmerzlich berühren musste. Eine stille Träne stieg ihr ins Auge, als sie Ottokars nur undeutlich, wie aus einem Nebel hervortretende Gestalt erblickte. Dann betrachtete sie Ernestos Bild, und die in seinen Zügen ausgedrückte schmerzliche Angst erinnerte sie auf das lebhafteste an seine ihr von jeher bewiesene Liebe und Treue. Es fiel ihr ein, dass er wohl nie daran gedacht habe, der Zufall könne ihr die Zeichnung entgegen führen, und sie ward ihr jetzt zur wortlosen Klage des fernen Freundes. Immer tiefer sah sie sich hinein und kaum vermochte sie es, den blick wieder davon abzuwenden.
"Die Aehnlichkeit der Gesichter ist unverkennbar, aber eine weit grössre innre Aehnlichkeit liegt zum grund, von der Gabriele nichts ahnet," flüsterte Moritz Hippoliten ziemlich hörbar zu. Gabriele vernahm die Bemerkung, die sie aus Moritzens mund zu hören nie erwartet hätte. Unwillkührlich suchte ihn ihr blick, er stand dicht vor ihr und sah sie mit einem so eignen zweideutigen Ausdruck an, dass sie darüber erschrack. Mit zitternden Händen packte sie die Zeichnung nebst allen übrigen schnell in die Mappe, die sie mit nach Schloss Aarheim nehmen wollte, um sie dort dem Eigentümer sichrer aufzubewahren; dann eilte sie, das Haus und so bald als möglich auch das Tal zu verlassen.
Durch die Zeichnung sowohl, als durch Moritzens rätselhafte Aeusserungen auf das Höchste gespannt, konnte Hippolit den Augenblick kaum erwarten, wo er mit Herrn von Aarheim im Wagen allein sein würde, um diesen mit fragen und Nachforschungen zu bestürmen. Doch Moritzens ungemeine Redseligkeit liess es nicht dazu kommen. über allen Ausdruck vergnügt die hände in einander reibend, begann er, sobald er sich bequem zurecht gesetzt hatte, von sich zu erzählen. Er redete von sich und immer von sich und war selig in diesem Bewusstsein, ohne im mindesten auf den Eindruck zu achten, welchen seine Worte auf seinen Zuhörer machten.
Hippolit ward in diesem Gespräch von allem unterrichtet, was er längst zu erfahren so sehnlich gewünscht hatte; von Gabrielens früherm Geschick und durch welche sonderbare Verknüpfung der Zufälligkeiten sie eben die Gemahlin der Lächerlichsten und Lästigsten aller Karrikaturen geworden war. Von Grausen und unaussprechlichem Mitleid im Innersten der Seele erschüttert, hörte er die seltsame Erzählung an. Es ward ihm nicht ganz klar, welche Mittel der furchtbare Wahnsinnige angewandt haben mochte, um Gabrielen in Moritzens arme zu treiben, denn Gabrielens Gemahl hatte nie die nähren Umstände von dem letzten, alles entscheidenden Gespräch zwischen Vater und Tochter erfahren dürfen. Hippolit fühlte aber mit fester überzeugung, dass ein unausweichbares Geschick hier gewaltet habe, über welches nachzudenken, er schaudernd vermied, um seiner Sinne mächtig zu bleiben. Plötzlich ergriff ihn der Gedanke, dass Moritz in seiner jetzigen offenherzigen Laune auch Gabrielen hier, an Ort und Stelle, zur Vertrauten dessen machen könne, was ihr ewig verborgen bleiben musste. Er fühlte im eignen Herzen mit unaussprechlicher Angst, dass sie diesen Moment vielleicht nicht überleben werde, und begann nun all' seinen Einfluss zu erschöpfen, um