Festes. Die Betstühle waren leer, nur ein Kind lag in einem Winkel der Kapelle auf den Knien, während der Sakristan den Altar abstäubte, den morgenden Festputz des Muttergottes-Bildes zurecht legte und die welken Blumen und Kränze wegnahm, um sie durch neue zu ersetzen.
Gabriele sah dem einfältig-frommen Treiben eine Weile zu, ehe sie ihrer stimme Festigkeit genug zutraute, um nach der armen alten Frau zu fragen, die sonst um diese Stunde hier zu beten pflegte, und die sie jetzt mit trübem Vorahnen vermisste.
"Die ist bei Gott," erwiderte der Sakristan; "ich kannte sie wohl, sie war eine fromme Frau dort unten aus dem dorf; sie hatte ein Gelübde getan und hielt es redlich, bei Frost und Hitze, im Sonnenschein und Regen. Und so ist sie zum Lohne hier an heiliger Stätte vor drei Monaten sanft und selig entschlafen. Wir wollten sie wecken, da es dunkel ward, und sie noch immer auf den Knien wie betend lag, aber sie erwachte nimmermehr auf Erden."
Gabriele zerfloss in Tränen der innigsten Rührung, während der Sakristan so sprach. Ottokars Bild stand vor ihr und jedes entschlummerte Gefühl in ihrem Herzen regte sich mächtig und laut; ihr war als seien die Jahre zwischen jetzt und jenem Abend, wo sie an dieser nehmlichen Stelle gestanden hatte, ganz aus der Reihe der zeiten getilgt, als sei alles noch wie damals.
Indessen hatte das Kind sich ihnen genähert und wollte mit schüchternem Grusse vorüber, als der Sakristan es anhielt. "Das ist ein Urenkelchen der alten frommen Mutter, ihr Gnaden," sprach er, und klopfte freundlich die vollen blühenden Wangen des Mädchens. "Nun schäme dich nicht," fuhr er fort, "du bist ein frommes Kind, Gott und die Heiligen werden deinen Vater und deine Mutter dafür segnen, denn das Gebet frommer Kinder dringt durch die Wolken."
"Ich hab nicht für Vater und Mutter gebetet," sprach das Kind.
"Nicht für Vater und Mutter? für wen denn," fragte der Sakristan.
"Weiss nicht," war die Antwort, "aber die heilge Jungfrau wird schon verstehen, wem es angeht, sprach Aeltermutter selige, und weil Mutter es ihr einmal versprochen hat, da sie krank war, so geht immer Eins von uns zur Vesperzeit hieher und betet wie Aeltermutter sonst, da sie noch lebte."
Gabriele sank auf der Stelle, wo das Kind gebetet hatte, in stiller Rührung hin, der Sakristan und das Kind, reichlich von ihr beschenkt, entfernten sich schweigend und ehrfurchtsvoll. Ihr Auge schwamm in süssen Tränen, ihr Herz in seliger Wehmut. War es Gebet, war es Erinnerung, war es Hoffnung, was ihren Busen in lange nicht gefühlter Wonne hob, sie wusste es nicht zu unterscheiden, aber sie lag da auf den Knien, in Andacht und Freude verloren, bis die fast zur Dunkelheit gewordne Dämmerung sie erweckte. Langsam erhob sie sich und sah dicht hinter sich Hippoliten in ihrem Anblick versunken. Sie wikkelte sich als sie ihn gewahrte, fester in ihren grossen Shawl, den sie wie einen Schleier über den Kopf nahm, als solle er gegen die Abendkühle sie schützen.
Hippolit verstand diese Bewegung, stumm und ehrfurchtsvoll zog er sich zurück während sie an ihm vorüberging und wagte es nicht ihr den Arm zu bieten. Er drückte nur die zurückflatternde Ecke ihres Shawls demütig an seine Lippen, ohne dass sie dieses bemerkte und folgte dann von ferne, um sie auf dem Wege nach ihrer wohnung zu beschützen.
Wenig Tage darauf verliessen sie Karlsbad.
Dritter teil
Ihn musst' ich lieben, weil mit ihm mein Leben
Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt.
Göte.
Karlsbad im rücken, ging die Reise schnell vorwärts. Bald waren die beiden schroff und zackig emporstrebenden Felsen erreicht, die, einander gegenüberstehend, von dieser Seite die Gränze der zu Schloss Aarheim gehörenden Ländereien bezeichnen, und den, einem Riesentor ähnlichen Eingang zu dem schauerlichen Felsentale bilden, in welchem der Eisenhammer liegt.
Im ärmlichen Gepränge, so gut sie es vermochten, mit ihren dürftigen Festkleidern geschmückt, harrten dort die Einwohner des Tals, um die Gutsherrschaft vor allen andern zuerst in ihrem Eigentum zu begrüssen. Die Kinder streuten Blumen, die Alten riefen ein Lebehoch, und Gabrielens überwallendes Herz erlaubte ihr kaum, im Wagen zu bleiben, während Moritz mit echt spanischer Grandezza da sass, und sich allen möglichen Zwang antat, um sich nicht an seiner Würde durch zu freundlichen Dank etwas zu vergeben, zu dem seine angeborne Gutmütigkeit ihn dennoch trieb. Denn wunderlich genug war es ihm Betragen seines Vorfahren, des alten baron Aarheim, zum Muster zu nehmen. Gabriele hingegen rief viele der Landleute, welche sie erkannte, bei Namen, erkundigte sich nach ihrem Ergehen, liebkoste die Kinder, und schickte endlich alle beschenkt und glücklich in ihre armen schwarzgeräucherten Hütten zurück. Dann eilte sie fort aus dem frohen dankbaren Gedränge, um in dem haus des Försters Ernestos ehemalige wohnung aufzusuchen. Ida und Bella begleiteten sie; ihrer gutartigen Neubegier war alles interessant, Moritz folgte ihnen etwas langsamer mit Hippoliten.
Im Gedränge des Lebens, unter ewigen Zerstreuungen hatte Moritz sich der Gewohnheit hingegeben, Gabrielen die Seine zu nennen, ohne weiter daran zu denken wie sie es ward; hier aber rief ihm alles Scenen zurück, bei deren erneuertem Andenken sein Blut noch erstarrte. Das Knarren der elenden hölzernen Treppe des armseligen Hauses erinnerte ihn