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während Ihrer Krankheit nicht fleissig gewesen; eben so wenig als ich bei der meines Gemahls es sein konnte. Das müssen wir wieder einbringen. Für Ihr Landschaftzeichnen bietet mein Tal Ihnen bei jedem Schritt die herrlichsten Punkte. Auch unsere musikalischen Uebungen und vor allem unser Studium der Kunstgeschichte wollen wir mit Eifer wieder vornehmen. So wie wir uns in Schloss Aarheim nur ein wenig eingerichtet haben, sollen Winkelmann und der alte Vasari wieder an die Reihe kommen. Ida und Bella werden gern an alle diesem tätigen Anteil nehmen."

Ziemlich gegen ihre sonstige Art, hatte Gabriele rasch hinter einander weg gesprochen, als ob sie eine Indiskrezion von Hippoliten befürchtete, und ihn deshalb lieber gar nicht zu Worte kommen lassen wollte. Er selbst hingegen war während der Zeit seiner inneren Bewegung Meister geworden und so nahm von nun an das Gespräch eine ruhigere Wendung, während dessen beide vereint eine Auswahl unter Büchern, Musikalien und allerlei Kunstgerät trafen, die sie mit nach Schloss Aarheim nehmen wollten. Hippolit schwamm dabei in einem Meer von Wonne, doch hütete er sich gar sehr vor jeder, auch der unmerklichsten Aeusserung seines Empfindens.

Gabriele hatte sich bis jetzt täglich unzähligemal wiederholt, dass nichts lächerlicher sein könne, als wenn sie jene Erklärung Hippolits für etwas mehr nehmen wolle als für jugendliche Uebereilung, in einem durch Zufälligkeiten bis zur Ueberspannung gereizten Zustande. Auch war sie von der Wahrheit dieser Ansicht fest überzeugt, vielleicht weil sie es sein wollte, denn wer vermag zu unterscheiden, was ihr selbst immer dunkel blieb? Eine Art ängstlicher Uebereilung im Gespräch, die ihr nicht eigen zu sein pflegte, schien freilich oft, wie eben auch jetzt, geheimes Fürchten einer Aufklärung anzudeuten, das denn doch, ihr selbst unbewusst, in einem Winkel ihres Herzens lauschen musste, den sie, aus verzeihlicher Zaghaftigkeit vielleicht, zu ergründen nicht wagen mochte.

Fern von Allen, welche sie liebte, in der trostlosen Umgebung, zu der das Schicksal sie verurteilte, hatte sie in Hippoliten endlich eine für ihr Gemüt wie für ihren Geist gleich wohltuende Erscheinung gefunden. Sie konnte nicht ohne die reinste Freude, nicht ohne inniges Wohlwollen den glücklichen Einfluss bemerken, den ihre Leitung und warum sollte sie es sich nicht aussprechen? den ihre Nähe an ihm übten. Jemehr angebornen Edelsinn, unglaubliche Güte, und andere glänzende Eigenschaften des Geistes und Gemüts er im Umgange mit ihr entfaltete, je deutlicher sah sie mit Schaudern, wie nahe er bei alle diesem dem Untergehen in Eitelkeit, Unglauben und Lieblosigkeit gewesen war. Nie, unter keinen Umständen, hätte sie ohne den tiefsten Schmerz ihn wieder loslassen, nie ihn dem eitelsten Treiben wieder übergeben können, dem er an ihrer Hand so tapfer sich entwunden hatte. Und nun, nach seinem an Adelberten geübten Edelmut fühlte sie noch durch das heilige Band inniger Dankbarkeit sich ihm verpflichtet. Daher fiel es ihr nicht ein, ihm eine strenge Richterin werden zu wollen, daher sah sie so gern in der Unruhe, die ihn in ihrer Nähe ergriff, nur das Bestreben, jedes Erinnern an ein Betragen zu verhüten, dessen er, ihrer Meinung nach, sich jetzt herzlich schämen musste! Und wer mag sie deshalb tadeln? Wer mag es verdammen, dass ihrem reinen Gemüte nie der Gedanke kam, um einer dem Irrtum verfallnen Minute willen, ihn dem Verderben Preis zu geben? Gabriele war zu rein tugendhaft, um je daran zu denken es sein zu wollen; daher konnte ihr der Gedanke gar nicht kommen, dass sie hier vielleicht ein Opfer zu bringen habe. Ida und Bella von Schöneck waren ein paar gute, liebe und schöne Kinder, deren harmlose Gesellschaft nur dazu dienen konnte, das Einerlei eines zu kleinen Kreises zu unterbrechen, ohne durch grosses Uebergewicht störend zu werden. Bei ihrer in sehr beschränkten Umständen lebenden Mutter hatten sie nur einsame Tage gesehen, bis Gabriele der armen lebenslustigen Mädchen sich annahm und ihnen zu mancher ihrem Alter und ihrem Range angemessenen Freude verhalf, nach der sie bis jetzt sich um so heisser gesehnt hatten je ferner sie ihnen geblieben waren.

Alles neue war ihnen willkommen; daher fanden sie sich am Tage der Abreise mit frohen erwartungsvollen Gesichtern bei Gabrielen ein, um sie nach Schloss Aarheim zu begleiten. Sie fuhren in Gabrielens Wagen. Moritz hatte seinem jungen Freunde einen Platz neben sich in seiner, nach ganz eigner Erfindung erbauten Batarde bestimmt, doch dieser zog es gewöhnlich vor, auf einem der schönen Pferde, die er sich nachführen liess, bald Gabrielens Wagen zu umschwärmen, bald Morgens einige Stunden früher aufzubrechen, um die Uebrigen im gemeinschaftlichen Absteigequartier zu empfangen.

Den beiden jungen Mädchen zu Gefallen, deren Fantasie sich aus Romanen und Beschreibungen ein himmlisch schönes Bild von den Freuden des Badelebens zusammen gesetzt hatte, war der Umweg über Karlsbad beschlossen worden. Mit dem Gefühle des frommen Wallfahrers an heiliger Stätte, sah Gabriele sich zum zweiten Mal auf diesem Wege, der sie vor sieben Jahren zu dem Wendepunkte ihres Lebens geführt hatte, von welchem die lange Reihe der strengen Entsagungen und der den schwersten Opfern geweihten Tage ausging, die sie seitdem verlebte.

In Karlsbad selbst knüpfte sich eine oder die andere frohe oder bittere Erinnerung an jeden ihrer Schritte; in stiller Wehmut suchte sie jedes Plätzchen auf, das irgend ein ihr merkwürdiges Ereigniss bezeichnete; vor allem aber versäumte sie es nicht, in einer stillen feierlichen Abendstunde zur kleinen Marienkapelle im wald einsam zu wallfahrten, während ihre Begleiterinnen unter Moritzens Schutze sich im sächsischen Saal im lustigen Wirbeltanz drehten.

Es war am Vorabend eines heiligen